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Bundestagswahl 2013: Was Erstwähler wollen

Klarissa, 16, Schülerin in Schöneberg. Politiker müssen ihren Job ernst nehmen, verlangt sie.

Klarissa, 16, Schülerin in Schöneberg. Politiker müssen ihren Job ernst nehmen, verlangt sie.

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BLZ/Markus Wächter

Paul will wissen, was die Parteien davon halten, Drogen zu legalisieren. Julia ist gegen ein NPD-Verbot, sie findet, man muss etwas gegen den Rassismus in den Köpfen tun. Michaela sagt, Deutschland soll Menschen aus anderen Ländern helfen, wenn sie in Not sind. Phil macht sich Gedanken darüber, wo man Flüchtlinge am besten unterbringt. Jule fragt sich, warum sie 40 Stunden in der Woche arbeitet und trotzdem nicht genug Geld für eine eigene Wohnung hat. Und Dafina findet es ungerecht, dass man nur wählen darf, wenn man einen deutschen Pass besitzt, auch wenn man hier geboren wurde.

Sechs junge Menschen machen sich Gedanken über Politik. Paul, Julia, Michaela, Phil, Jule und Dafina sind zwischen 18 und 19 Jahre alt, sie besuchen das Oberstufenzentrum Gesundheit in Berlin-Hellersdorf. Fünf von ihnen dürfen am 22. September zum ersten Mal wählen, nur Dafinas Stimme zählt nicht. Ihre Eltern sind in den Neunzigerjahren aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen, seitdem leben und arbeiten sie hier. Deutsche aber ist Dafina nicht, also darf sie nicht abstimmen, nur diskutieren.

Dafina und die anderen diskutieren viel derzeit, im Politikunterricht, in den Pausen, nach Schulschluss. „Klar gehe ich wählen“, sagt Julia. „Ich will was verändern. Wer nicht wählt, darf sich hinterher auch nicht beschweren.“ Die sechs Jugendlichen haben das Gefühl, dass sie wichtig sind. Auch deshalb, weil es ihnen gerade viele sagen. An ihrer Schule war es die junge Schauspielerin Sophia Thomalla, die für eine Sendung des Fernsehkanals Pro Sieben vorbeikam und mit den Jungwählern sprach.

Auch in den Terminkalendern der Politiker stehen derzeit zahlreiche Termine mit jungen Menschen. Angela Merkel gab Zwölftklässlern als Vertretungslehrerin eine Geschichtsstunde, Peer Steinbrück trank Bier in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft, Bundespräsident Joachim Gauck erzählte vor 400 Schülern von den Tränen, die er vergoss, als er mit 50 Jahren das erste Mal an freien Wahlen teilnehmen konnte. Es geht darum, die Jugend, der so oft nachgesagt wird, sie sei noch viel politikverdrossener als der Rest der Gesellschaft, zum Wählen zu bringen. Das ist das eine. Und es geht darum herauszubekommen, wie diese Jungen so ticken. Drei Millionen Erstwähler gibt es bei dieser Bundestagswahl. Ihre Stimmen gilt es zu gewinnen. Das ist das andere.

Vor ein paar Tagen kamen deshalb die Direktkandidaten der fünf Bundestagsparteien für den Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf an das Oberstufenzentrum. Dafina, die nicht wählen darf, und Phil, der Erstwähler, moderierten. Sie hatten gelbe und rote Karten dabei, mit denen sie den Politikern anzeigen wollten, wenn sie zu lange redeten. Sie hatten Fragen vorbereitet, falls die Schüler im Publikum nicht genug zu fragen wüssten. Dass die Politiker dann doch machten, was sie wollten, konnten die beiden nicht verhindern.

Weil die Kandidaten nämlich kurzerhand entschieden, Fragen en bloc zu beantworten, fragten die Schüler hintereinander weg. Nach Mindestlöhnen und Einkommensteuer. Nach Bafög und Studiengebühren. Paul fragte nach der Legalisierung von Cannabis, Jule nach bezahlbaren Mieten, Dafina nach dem Wahlrecht für Menschen ohne deutschen Pass. Ein Mädchen wollte wissen: „Warum müssen meine Eltern knüppeln, und der Staat gibt Geld für Asylanten aus?“ Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagte Dafina und wusste doch, wo die Frage herkommt. In der Nähe der Schule steht das Flüchtlingsheim, gegen das in den vergangenen Wochen Anwohner und Rechte protestierten.

Aber wie auch immer: Die Fragen der Schüler verraten viel darüber, was junge Menschen heute beschäftigt. Sie klingen nicht nach Politikverdrossenheit, eher so, als interessiere sie Politik ungemein, meistens dann, wenn sie direkt betroffen sind. Also eigentlich immer. Trotzdem war es eine zähe Veranstaltung an diesem Vormittag. An den Schülern lag das nicht.

Eine Woche später sitzen die Schüler in der Kantine wieder beisammen und können sehr genau sagen, warum ihnen der eine nicht gefiel und der andere schon. Petra Pau von der Linken zum Beispiel: Toll war das, sagen die Sechs, wie sie stapelweise Infomaterial mitgebracht hatte, die hat sich Mühe gegeben. Genau beobachtet haben sie, was Monika Grütters von der CDU zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare gesagt hat. „Die Frage habe ich mit Absicht gestellt“, sagt Dafina, „um sie aus der Reserve zu locken.“ Geantwortet hat Grütters mit einer langen Erklärung zum Betreuungsgeld. „Die ist total ausgewichen“, sagt Dafina. Nicht gut, darin sind sich die Schüler einig. Sie wollen ernst genommen werden mit ihren Fragen, ihren Problemen.

Eine Schule am anderen Ende der Stadt, im Westen, in Schöneberg. Klarissa, 16, und Joana, 18, hatten gerade Politikunterricht, es ging um die Nichtwähler, sie mussten Umfragen zur letzten Bundestagswahl analysieren. Es war ein bisschen trocken, Schule eben. Jetzt regen sich die beiden Mädchen abwechselnd auf. Darüber, dass Joanas Freund als Leiharbeiter nur 3,40 Euro in der Stunde verdient. Über die Amerikaner, die über einen Angriff auf Syrien debattieren. Auch über die Piraten, die sie nicht ernst nehmen können, weil sie vor Kurzem diskutiert haben, ob Berlin gegen einen Zombieangriff gewappnet wäre. „Soll das ein Scherz sein?“, sagt Klarissa. „Was, bitte, hat sowas in der Politik zu suchen?“ Ernst genommen werden – dazu gehört für die beiden auch, dass die Politiker ihren Job ernst nehmen.

Die Politikstunde, aus der sie gerade kommen, steht zurzeit zusätzlich auf ihrem Stundenplan. Die Sophie-Scholl-Schule mit ihren 1 100 Schülern nimmt an der Juniorwahl teil. Der Verein Kumulus hat dazu eingeladen, alle weiterführenden Berliner Schulen sind dabei, auch das Oberstufenzentrum in Hellersdorf also. Die Schüler sprechen im Unterricht über die Wahlen, eine Woche vor der Bundestagswahl geben sie dann einen Stimmzettel ab. Auch die, die noch nicht 18 Jahre alt sind; auch die, die auf dem Papier keine Deutschen sind. 2 250 Schulen nehmen bundesweit an der Juniorwahl teil.

„Uns geht es nicht um die Ergebnisse und auch nicht darum, das Wahlrecht für Minderjährige zu propagieren“, sagt Gerald Wolff, der die Juniorwahl vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Sie findet seitdem regelmäßig statt, parallel zu Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Wolff hatte den Politikwissenschaftler Jürgen Falter im Fernsehen gesehen, Falter sprach über die USA, wo Sechsjährige abstimmen, wenn das Land seinen Präsidenten wählt. „Demokratie zu üben“, sagt Wolff, so früh wie möglich, darum gehe es, das sei die Idee bei der Juniorwahl.

Julia vom Oberstufenzentrum in Hellersdorf sagt: „Ich wähle die Partei, die für mich gut ist.“ Michaela sagt: „Im Ethikunterricht haben wir gelernt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Danach habe ich mich entschieden.“ Paul hat sich das Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück im Fernsehen angeschaut. „Ich habe vieles nicht verstanden“, sagt er. Aber er hat alles aufgenommen und will es sich noch einmal anschauen. Politiker verstehen. Und dann entscheiden.



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