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Camouflage Mode: Wahnsinn, fesch gefleckt

Zwischen Psychedelia und Camouflage: Julian Zigerli in Berlin. Foto: Daniel Naupold

Zwischen Psychedelia und Camouflage: Julian Zigerli in Berlin. Foto: Daniel Naupold

Rechtzeitig zu George Bushs Operation „Iraqi Freedom“ im März 2003 hielt das Camouflage-Muster in die Boutiquen Europas Einzug. Ich erinnere eine Einkaufsstraße in Bologna: Aus den oberen Stockwerken wehten regenbogenbunte Pace-Fahnen. Darunter, in den Schaufenstern der Modeläden, sah es aus wie im Army Shop – Hosen, Hemden, Accessoires in Tarnfarben: Mal oliv, mal wüstenbraun gescheckt. Als seien alle Modelabels der „Koalition der Willigen“ beigetreten. „Die Marschrichtung heißt Military“, resümierte befremdet ein Herr Joop den Boom der frontgeilen Rambo-Fashion. Die Deko: Patronengürtel und Gasmasken.

Rechtzeitig zum Gaza-Krieg, zum Wahnsinn in der Ostukraine, zu den von uns längst wieder vergessenen Konflikten im Irak, in Zentralafrika, im Südsudan, in Libyen und hier und da und dort, ist der gescheckte Wahnsinn wieder allgegenwärtig. Nicht nur angetrunkene Milizen an der Absturzstelle von MH17 tragen zu Unterhemd und Flinte stolz die Camouflage-Hose. Auch hierzulande lieben Jungmänner, deren Größe des Bizeps in problematischem Verhältnis zu der ihres Intellekts steht, das Tarnmuster. Heimatschützer, Wehrsportler, Teile der Survivalszene kleiden sich so gern in Fleckentracht wie manch Jäger und Angler. Praktisch: Für Reh und Hecht sind sie quasi unsichtbar.

Camouflage-Designs sind teuer

Auch der Handel bietet uns die ganze Bandbreite, vom derben Trooper-Dress bis zum „filigranen Camo-Print“. Sogar das „Soft Top“ für den Hund. Im „Fashionhimmel“ des Otto-Versands finden sich aktuell 75 Camouflage-Artikel – Hosen, Blusen, Hüte, Gürtel, Täschchen und Treter, sogar ein Kuschel-Monster und ein Bluetooth Headset. Bei Zalando zähle ich 683 Produkte. Darunter ein „Camo Crew“ Strickpulli für militante 499,95 Euro.

Nein, gute Tarnung ist nicht billig. Das US-Militär soll 2004 fünf Milliarden Dollar für ihr neues universelles Camouflage-Design vernäht haben. Jetzt kommt ein neues, „Scorpion 2“. Ähnlich teuer. Ein Kurzausflug in die Camouflage-Historie zeigt zudem, dass bei der Entwicklung eine Abteilung T (richtig: stand für Tarnung) der Waffen-SS bahnbrechend war, anno 1935. Bald gab es „Flecktarn“ in Platanen- und Eichenlaubmuster. Das letzte Nazi-Design hieß „Leibermuster 1945“.

Das „Camo-Comeback“, berichten Modeexperten, startete 2010 mit einer gescheckten Korsage von Louis Vuitton. 2012 sprangen Valentino, Kenzo und andere auf. Stil-Berater empfehlen, die Camouflage-Optik „nicht zu derb kombinieren, eher elegant“. Die Namensgebung bleibt klassisch: Commander, Bomber, Combat. Oder auch: Desert Storm Kapuzenpullover. Besonders geschmackvoll: eine grellpink gefleckte Raver-Hose namens Amok Trooper. Muss man dankbar sein, dass sie nicht Modell Breivik heißt?

Und: Welch stumpfer Geist steckt hinter diesem Hang zum Killerdress? Mit fällt ein Musiktitel ein: „Arschloch und Spaß dabei“. Arbeitshypothese: Es handelt sich schlicht um fröhlich zur Schau gestellte Idiotie.

Für weiterführende Studien zu Splitter-, Sumpf- und Strichtarn empfehle ich den fürwahr detailversessenen Wikipedia-Eintrag („Flecktarn“). Ansonsten rate ich, in Camouflage gehüllte Menschen auf offener Straße auszulachen. Und sich alsdann zügig zu entfernen. Sie könnten gefährlich sein.