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Charité: Von Völkermord will keiner reden

Auch in der Charité liegen noch Gebeine aus der Kolonialzeit.

Auch in der Charité liegen noch Gebeine aus der Kolonialzeit.

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BLZ/Paulus Ponizak

Mehr als 100 Jahre lang wurden sie in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrt, jetzt sollen die sterblichen Überreste von 35 Namibiern endlich Ruhe finden. Die Universität Freiburg hat am Dienstag bereits 14 Schädel aus ihrer historischen Sammlung an eine namibische Delegation übergeben, an diesem Mittwoch wird die Berliner Charité es ihr gleichtun: Sie händigt 21 Gebeine aus der Kolonialzeit aus. Doch schon im Voraus erhob sich Protest.

Der Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland und andere Organisationen fordern eine Entschuldigung von Deutschland für die Verbrechen während der Kolonialzeit. „Man hat Angst vor Reparations-Forderungen“, sagt Nicolai Röschert von AfricAvenir. Der in Berlin lebende Herero Israel Kaunatjike kritisiert, dass die Gedenkveranstaltung und Übergabe nicht öffentlich zugänglich gemacht würden, sei ein Skandal.

In die Wüste getrieben

Die Überreste stammen aus einem dunklen, doch wenig beachteten Kapitel der deutschen Kolonialherrschaft. Das heutige Namibia stand als Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ von 1884 bis 1915 unter deutscher Herrschaft. Doch die Bevölkerung rebellierte – bis der zuständige Generalleutnant Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl gab: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen.“ Zehntausende Angehörige der Herero und Nama wurden in die Wüste getrieben, verdursteten dort oder wurden bei ihrer Rückkehr getötet.

Von den meisten Historikern wird das als Völkermord bewertet. Von deutschen Politikern wird diese Wortwahl allerdings geflissentlich gemieden. Schon 2011 führte das zum Eklat, auch damals wurden aus dem Bestand der Charité 20 Gebeine aus der Kolonialzeit übergeben. Allerdings nicht offiziell von der Bundesregierung, sondern von der Charité.

Minister waren nicht zugegen, die damalige Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, nahm lediglich als Gast teil. Als sie in ihrer Ansprache sowohl das Wort Völkermord als auch eine Entschuldigung ausließ, buhten die Anwesenden sie aus.

Die Berliner Charité will sich erst nach der Übergabe der Gebeine äußern. Schon jetzt ist aber klar: Minister werden wieder nicht erwartet, die Veranstaltung findet in relativ kleinem Kreis statt. Nach offener Aufarbeitung der Vergangenheit sieht das nicht aus.



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