Crime Report
Auf der Spur des Verbrechens: Die spannendsten Kriminalfälle Berlins - kompetent recherchiert und erzählt von den Kriminalreportern der Berliner Zeitung und TRIGGER.tv

Polizei Berlin: "Ich bin froh, dass ich keine Albträume habe"

Spätestens seit dem Tod von Jonny K. gilt der Alexanderplatz als einer der gefährlichsten Orte der Stadt. Doch Berlin ist sicherer, als viele empfinden, sagt Jörg-Michael Klös, der vier Jahrzehnte bei der Kripo war.
Spätestens seit dem Tod von Jonny K. gilt der Alexanderplatz als einer der gefährlichsten Orte der Stadt. Doch Berlin ist sicherer, als viele empfinden, sagt Jörg-Michael Klös, der vier Jahrzehnte bei der Kripo war.
Foto: dapd
Berlin –  

Wie sicher ist Berlin? Sind Täter heute brutaler als früher? Jörg-Michael Klös, der vier Jahrzehnte lang bei der Kriminalpolizei war, muss es wissen. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über jugendliche Gewalttäter, den Alexanderplatz, den Beruf Polizist und Fernsehkrimis. Mit Video von TRIGGER.tv.

Herr Klös, 42 Jahre waren Sie bei der Berliner Polizei und müssen es wissen: Ist Berlin eine sichere Stadt?
Sicher ist ein relativer Begriff: Ich glaube aber, dass Berlin wesentlich sicherer ist als es sogar viele Polizisten annehmen, die ja beruflich eher mit den negativen Seiten des Zusammenlebens zu tun bekommen.

Viele alte Menschen trauen sich aber nachts nicht vor die Tür.
Sie müssen keine Angst haben. Gerade bei Raub- und Körperverletzungsdelikten sind es nicht die Senioren, die Opfer werden, sondern Jugendliche, die sich untereinander die Handys abnehmen. Das tun sie gar nicht mal unbedingt, um sich zu bereichern, sondern oft aus Machtstreben, um den anderen zu erniedrigen und sich selber zu erhöhen.

Wenn man die jüngsten Gewaltvorfälle sieht, etwa vom Alexanderplatz, wo ein junger Mann zu Tode getreten wurde, hat man das Gefühl, dass Täter heutzutage brutaler sind. Stimmt der Eindruck?
Da liegen Sie richtig. Nicht die Zahl, aber die Brutalität der Körperverletzungsdelikte ist meiner Meinung nach gestiegen.

Woran liegt das?
Wahrscheinlich spielt der Einfluss von Medien, wo Gewalt allgegenwärtig geworden ist, hierbei auch eine große Rolle.



Werden Sie als Polizist nicht wütend, wenn mutmaßliche Totschläger, wie der vom Alexanderplatz, wieder freigelassen werden?
Als Polizist ist man immer enttäuscht, wenn Täter freikommen oder Gerichtsurteile fallen, die ein Schlag ins Gesicht des Opfers zu sein scheinen. Andererseits: Als Dozent unterrichte ich Kriminologie. Diese Wissenschaft versucht zu erklären, wie es überhaupt erst zu einer Straftat kommt. Da ist der Blickwinkel des Opfers ganz wichtig – aber eben auch der des Täters.

Richtern wird vorgeworfen, beim Ahnden von Jugendgewalt zu lasch zu sein. Wie sehen Sie das?
Es liegt nicht an den Richtern, sondern an den Verfahren. Wenn ich zu lange warte, bis es zum Prozess kommt, muss der Täter das als Erfolg für sich verbuchen. Auf jeden Fall muss ihm schnell deutlich gemacht werden: So geht’s nicht weiter. Eine Lösung wäre da meiner Auffassung nach durchaus auch der Warnschussarrest.

Warum wollten Sie eigentlich Polizist werden?
Mein Vater hat bei der Polizei gearbeitet. Als kleiner Junge saß ich schon im Funkwagen und fuhr durch Siemensstadt. So lernte ich die Polizeiarbeit ein bisschen kennen. Nach der Schule habe ich allerdings Werbegestalter gelernt. Aber wenn die Konjunktur nicht mehr gut läuft, sind Werbefachleute die ersten, die entlassen werden. Da bin ich nachdenklich geworden…

Zur Person

Jörg-Michael Klös, der aus Spandau stammt, begann 1970 seine Ausbildung für die Schutzpolizei. Nachdem er zur Kripo wechselte, besuchte er von 1980 bis ’83 die Fachhochschule für Verwaltungs- und Rechtspflege.

Von 1988 bis ’90 war er auf der Führungsakademie. Nach der Wende leitete Klös mehrere Kripo-Dienststellen, etwa die Inspektion für Sexualdelikte im LKA und die Kripo der für den Osten Berlins zuständigen Direktion 7.

Zuletzt war er Chef der Kriminaltechnik im LKA. Im November ging der 63-Jährige, der es bis zum Dienstgrad Leitender Kriminaldirektor brachte, in Pension.

An der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) unterrichtet er weiterhin Kriminologie. Klös ist verheiratet und hat zwei Söhne, die auch bei der Polizei sind.

…und Sie haben sich einen krisensicheren Job gesucht.
Kann man so sagen. Vielleicht war es aber auch der Ehrgeiz, meinem Vater nacheifern zu wollen. Ich habe seinerzeit bei der Schutzpolizei im mittleren Dienst angefangen. Mitte der Siebziger bin ich dann zur Kriminalpolizei gewechselt.

Was für Fälle haben Sie damals aufgeklärt?
Viele Wohnungseinbrüche. Das sind meistens Serientaten, weshalb es immer sehr schön war, wenn man so eine Serie aufgeklärt hat. Ich erinnere mich gut an einen vorgetäuschten Einbruch. In Hakenfelde war angeblich in eine Villa eingebrochen worden. Ein Wandsafe war mit einem Trennschleifer geöffnet worden, und der Hausbesitzer erzählte, was da alles drin gelegen haben soll. Wir sahen aber, dass der ganze Boden des Safes übersät war mit Staub vom Flexen. Da war klar, dass da nie etwas drin gelegen haben konnte, denn an diesen Stellen hätte es ja staubfrei sein müssen.

Waren die Einbrecher früher schlauer als heute?
Der gelernte Einbrecher, der genau plant und weiß was er tut, der Riegelzieher zum Beispiel oder der Fassadenkletterer, der ist seltener geworden. Heute sind die Täter darauf aus, schnell an etwas zu kommen, das sie problemlos zu Geld machen können, auch weil sie vielleicht drogenabhängig sind. Denen ist es egal, wie sie in eine Wohnung reinkommen – durch Eintreten der Tür oder Scheibe einschlagen. So ein Täter bricht oftmals nicht nur in Wohnungen ein, sondern begeht auch Raub- oder andere Taten. Eine Spezialität, die erst in jüngster Zeit auftritt, sind Gruppen, die nach Deutschland einreisen, um hier zehn, zwölf Einbrüche zu begehen und dann wieder ausreisen.

Welche Fälle haben sich in Ihrem Kopf festgesetzt?
Zum Beispiel der, bei dem 2001 die kleine Sophia entführt wurde. Wir mussten damals mit dem Schlimmsten rechnen. Je länger das Kind verschwunden war, desto geringer wurde die Hoffnung. Da es bereits über mehrere Tage unauffindbar blieb, war die Erleichterung riesengroß, als das Kind dann doch körperlich unversehrt in der Nähe eines Polizeiabschnitts gefunden wurde. Ich werde auch nie den Fall eines Kindes vergessen, das kurz nach der Geburt getötet und an einem Müllplatz abgelegt wurde. In solchen Fällen versuchen wir die Mutter zu finden, indem wir ermitteln, welche Frau hochschwanger war, jetzt aber kein Kind hat. Zwei meiner Kolleginnen zogen los, um eine solche Überprüfung vorzunehmen. Zurück kamen sie mit einer Reisetasche, die sie mir auf den Schreibtisch stellten. Drin war ein toter Säugling. Sie hatten tatsächlich eine Frau gefunden, die ein Kind hätte haben müssen, aber keins vorweisen konnte. Auf ihrem Balkon entdeckten die Ermittlerinnen dann diese Tasche und das tote Baby. Nun hatten wir zwei solcher Fälle statt einen.

Haben Sie wegen solcher Fälle Albträume?
Ich habe hierfür eine Strategie: Ich kann Fälle aufrufen, als ob ich ein Dia in den Projektor schieben würde und kann darüber zum Beispiel auch an der Hochschule im Detail erzählen. Danach nehme ich das Bild wieder raus und es ist weg. Ich habe Sachen gesehen, die sind absolut widerwärtig! Enthauptete Kinder und andere Dinge, die niemand in seinem Leben sehen möchte. Sie belasten mich erstaunlicherweise nicht. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich bin dankbar, dass es so ist.

Welcher Frau gehört der Lippenstift  an der Zigarette? Auch für solche Fragen war Jörg-Michael Klös als oberster Chef der Kriminaltechniker zuständig.
Welcher Frau gehört der Lippenstift an der Zigarette? Auch für solche Fragen war Jörg-Michael Klös als oberster Chef der Kriminaltechniker zuständig.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

42 Jahre waren Sie im Beruf. Wie hat sich die Kriminalität verändert?
Allein durch den Fall der Mauer und die Grenzöffnung in Europa haben sich die Deliktfelder verschoben. Kfz-Diebstahl beschäftigt uns inzwischen sehr, ebenso Wohnungseinbruch oder Taschendiebstahl. Mich erschreckt, dass viele Taten wie Trickbetrug oder Trickdiebstahl funktionieren. Etwa der Enkeltrick, wo Täter alte Leute anrufen und sich als Verwandte in Not ausgeben.

Und was ist bei der Polizei anders geworden, seit Sie angefangen haben?
Sie hat sich in vielen Bereichen geändert. Als ich begann, war sie fast paramilitärisch organisiert. Ich habe noch gelernt, mit einem Maschinengewehr zu schießen und Handgranaten zu werfen. Wir waren damals eine Art Reserveeinheit der Alliierten. Das Misstrauen anderer Institutionen gegen uns war groß, ebenso misstrauten wir ihnen. Heute arbeiten wir viel mehr vertrauensvoll und auf Augenhöhe mit anderen – auch mit Selbsthilfegruppen – zusammen. Das war früher undenkbar. Die Polizei glaubt längst nicht mehr, alles allein machen zu können. Wir kennen unsere Grenzen und haben Experten, die uns unterstützen. Außerdem wurde die Präventionsarbeit bei der Polizei deutlich verbessert. Sie geht heute zum Beispiel viel mehr in Schulen, um über Jugendgewalt und deren Konsequenzen für Opfer und Täter aufzuklären.

Mit einigen Ihrer Studenten untersuchen Sie zurzeit, ob das, was man in der Krimiserie CSI sieht, real ist. Was kam dabei heraus?
Einiges bei CSI ist unrealistisch, Zum Beispiel funktioniert das schnelle Analysieren von DNA-Spuren nur im Film. Da kommt innerhalb von Minuten aus einem schwarzen Kästchen das Ergebnis. In Wirklichkeit dauert das viel länger. Allerdings kann die Polizei jetzt schon Dinge, die CSI nahe kommen. Bei der Berliner Tatortgruppe sind Spezialisten, die nicht nur in einem Bereich Spuren suchen und sichern können. Das sind Menschen, die universell ausgebildet wurden, etwa um Blutspuren zu „lesen“ und zu dokumentieren. Gleiches gilt für DNA, Schmauchpartikel, Werkzeugspuren und Fingerabdrücke. Also das ganze Feld kann von diesen Teams abgedeckt werden. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter als Daktyloskopen ausgebildet, können Fingerspuren unmittelbar begutachten und einem Täter zuordnen.

Gucken Sie gern Krimis?
Eher selten. Ich neige zu sehr dazu, sie mit der Realität abzugleichen.

Was stört Sie an Krimis?
Ich wundere mich immer, wenn Ermittler einfach losgehen und Durchsuchungen oder Observationen alleine machen. Das ist eigentlich undenkbar. Am allerwenigsten gefällt mir, wenn die Polizei im Film ein Auftreten hat, das der Realität überhaupt nicht entspricht. Wenn einer mit Fäusten durch die Gegend rennt, dann ist das fern der Wirklichkeit. So arbeiten wir nicht, so treten wir nicht auf. Und wenn der Vorgesetzte stereotyp den dummen Bruno gibt, immer zur falschen Zeit kommt und dann das Verkehrte macht, entspricht das zum Glück auch nur selten der Realität.

Die Journalisten werden auch immer dargestellt, als wenn sie beschränkt wären.
Das habe ich so noch nicht bemerkt. Vielleicht sollte ich doch öfter mal Krimis schauen?

Das Gespräch führte Andreas Kopietz.

Weitere Beiträge zur Kriminaltechnik in Berlin lesen Sie in unserem Dossier "Tatort Berlin".

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