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Daniel Cohn-Bendit: "Ich bin kein Pädophiler."

PARIS, 23. Februar. Im Fernsehen sahen Millionen von Franzosen am Donnerstagabend den sonst so kessen grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit wie sie ihn nie zuvor gesehen hatten. "Ich bin kein Pädophiler, und ich bin es nie gewesen", rief der wütend und kläglich zugleich. In einem sehr harten Interview in den Abendnachrichten des größten französischen TV-Senders, TF 1, beklagte der Leitwolf der 68er-Revolte sich jetzt, er sei Opfer einer "Menschenjagd". Man wolle ihn politisch erledigen. Aber er gab auch zu, dass ihm vor 25 Jahren eine "unerträgliche Leichtfertigkeit" die Feder geführt habe. Nämlich bei der Beschreibung von Sex-Spielen mit Kindern.Nach seinem Freund Joschka Fischer hat nun auch Cohn-Bendit, der einst als "Dany le rouge" auf den Pariser Barrikaden gekämpft hatte, die Vergangenheit eingeholt - allerdings in einer weit unangenehmeren Weise. Das Nachrichtenmagazin "L Express" veröffentlichte Auszüge aus einem Buch Cohn-Bendits, das 1975 mit einer Auflage von 30 000 Exemplaren in Frankreich unter dem Titel "Le grand Bazar" erschienen war.Darin schildert der Autor sehr detailliert sexuelle Spiele, keine Vergewaltigungen, die er als Erzieher in einem alternativen Kindergarten in Frankfurt mit den Kleinen betrieben habe. Die Enthüllungen lösten in Frankreich einen ungeheuren Wirbel aus. Denn sie platzten in die Atmosphäre einer wahren Hexenjagd auf Pädophile. Kein Tag vergeht mehr, an dem Frankreichs Medien nicht groß über Prozesse und harte Urteile vor allem gegen pädophile Geistliche und Lehrer berichteten. Auch deren Taten liegen zum Teil schon Jahre zurück.Der rechte Europa-Abgeordnete Philippe de Villiers forderte den Rücktritt des Kollegen, das Boulevard-Blatt "Le Parisien" zeigt sich "zutiefst schockiert" und bezweifelte, dass der Urheber "unbeschadet" davonkommen werde. Cohn-Bendit fand aber auch beredte Verteidiger, an der Spitze die linke "Libération", die dem Thema mehrere Seiten widmete.Wie Cohn-Bendit in Funk und Fernsehen, so argumentierte auch das Intellektuellen-Blatt, dass der Ruf nach sexueller Freiheit auch für Kinder nur im Zusammenhang mit der 68er-Ideologie gesehen werden könne: Als Provokation gegen die bürgerliche Unterdrückung. "Es gibt noch immer einen Hass gegen den Mai 68, der nie ausgestorben ist", schrieb Libé-Herausgeber Serge July. Aber auch er räumte ein, dass die Linken von damals, zu denen er selbst gehörte, ihren Beitrag zu "Dummheiten über Kinder-Sex" beigesteuert hätten. Das gebe auch Cohn-Bendit zu.July: Es gibt keinerlei Grund, den Mai 68 heilig zu sprechen. Rechte Zeitungen wie der "Figaro" erinnerten jedoch daran, in welchem Ausmaß damals Bürger als Reaktionäre und Unterdrücker verunglimpft worden seien, die sich gegen die ideologische Verbrä-mung von Kinder-Sex, die von Pädophilen ausgenutzt wurde, erhoben hatten."Le Monde" kramte eine Affäre heraus, an welche die Beteiligten heute nicht mehr gern erinnert werden. 1977 erschien in dem Weltblatt der Aufruf zur Freilassung von drei verurteilten Pädophilen mit den Schlussworten: "Drei Jahre Gefängnis für streicheln und küssen. Jetzt reicht es. Wir würden es nicht verstehen, wenn die Verurteilten nicht ihre Freiheit wieder fänden."Unterzeichnet war der Appell vom Gotha der Pariser Intellektuellen: Louis Aragon, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Roland Barthes, Patrice Chereau, Felix Guattari sowie zwei Männern, die heute in der linken Regierung sitzen: Erziehungsminister Jack Lang und Gesundheitsminister Bernard Kouchner. Wie bei Cohn-Bendit, bemerkte jetzt "Le Monde", handele es sich bei dem Aufruf um eine "unglaubliche intellektuelle Torheit jener Epoche".BLZ/MICHAEL BLEXENDORFF "Eine unglaubliche intellektuelle Torheit jener Epoche." Le Monde