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Das Eigene entdecken: Die Fotografin Sandra Bergemann porträtiert in einem großen Bildband die "Gesichter der Defa": Dieser schelmische Zug um die Mundwinkel

Dies ist ein Erinnerungsbuch. Denn dieser so aufwendig wie liebvoll gestaltete Band versammelt 40 Schwarz-Weiß-Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern, die mit Defa-Filmen bekannt wurden. Die Anordnung ist dabei so gewählt, dass jeweils ein ganzseitiges Porträt neben szenisch arrangierten Fotografien aus heutigen Tagen gestellt ist; kleine Bilder zeigen zudem Filmausschnitte, kurze Texte aus Interviews, Autobiografien oder Monografien ergänzen den Zyklus.Wer die Filme kennt, wird sich mit diesen Bildern und Texten also an seine eigene Kinoerfahrung erinnern dürfen. Sandra Bergemann, die Fotografin, weiß, dass diese Erfahrungen sehr persönlich sind; sie weiß aber auch, dass die Porträtierten ihre je eigene, private Erinnerungsgeschichte haben.Das Großartige dieser Fotografien ist nun, dass sie eben diese Geschichten einfangen, sie weder verrätseln noch verstecken, sondern diskret, aber unverkennbar sichtbar machen - man entdeckt beim Betrachten der Bilder somit die individuellen Spuren des Vergangenen, sieht in Angelica Domröse die älter gewordene Paula aus der "Legende von Paul und Paula", entdeckt in Rolf Hoppes Augen noch die Melancholie seines König Don Carlos IV. aus Konrad Wolfs "Goya" von 1971, bemerkt den schelmischen Zug um Ursula Wern ers Mundwinkel, den sie 1977 in Roland Oehmes Spielfilm "Ein irrer Duft von frischem Heu" einer Parteisekretärin unterjubelte, wird in Armin Mueller-Stahls Stirnfaltenspiel seiner Thomas-Mann-Figuren gewahr, hört aus den Bildern von Carmen-Maja Antoni gleichsam ihre unnachahmliche Stimme heraus, mit der sie 1986 schon in Siegfried Kühns Film "Kindheit" begeisterte und noch heute regelmäßig ihr Publikum betört, vornehmlich im Theater.Überhaupt gehören die meisten der Porträtierten nicht nur in den Defa-Kontext - Sandra Bergemann zeigt keine gealterten Defa-Stars. Ihre Porträts entwerfen Künstlerbiografien, die sich auf keinen gemeinsamen Lebensnenner bringen lassen. "Gesichter der Defa", wie sich dieser Band schlichterweise nennt, ist somit weit mehr als ein Erinnerungsbuch; die Fotografien sind vielmehr immer auf der Suche nach der persönlichen Schauspieler-Wahrheit, nach dem Eigenen, das besonders genug ist, um allgemeingültig sein zu können."Das Wichtigste in der Kunst ist, die Suche nach den vielen Wahrheiten, die es gibt, nicht aufzugeben", sagt Dagmar Manzel in einem zu ihren Porträts zitierten Interview - das ließe sich genauso gut über Bergemanns Porträtkunst sagen. So ist dieses Buch ein Gewinn auch für jene, die nicht mit Defa-Filmen groß geworden sind.Dennoch entspinnt dieser Zyklus natürlich eine Geschichte der Defa, des "Diene Ehrlich Friedlichem Aufbau", wie die Abkürzung Defa auch gelesen wurde. Ihr Gründungsgedanke war schließlich eine Utopie, die ihr Versprechen nicht hielt: "Der Film muss heute Antwort geben auf alle Fragen des Lebens." Dass die Filme dies oft genug nicht taten, in den berühmtesten Fällen jedoch so sehr taten, bis die Zensurbehörden der DDR einschritten, weil die Kinokunst überaus konkret die Lebensfragen berührte - auch diese Geschichte um den einstigen Glauben an eine Utopie, das Zerstieben der Illusionen und der Suche nach dem verlorenen Utopie-Glauben, erzählt Sandra Bergemann.Sandra Bergemann: Gesichter der Defa. Edition Braus, Heidelberg 2008. 207 Seiten, 39, 90 Euro.------------------------------Foto: Ihn interessiert das Gute an einem bösen Menschen: Rolf Hoppe.


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