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Berliner Zeitung | Das English Theatre zeigt eine amerikanische Weihnachtsoper: Sängerprekariat in Berlin
20. December 2010
http://www.berliner-zeitung.de/14907110
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Das English Theatre zeigt eine amerikanische Weihnachtsoper: Sängerprekariat in Berlin

Der Verein Berlin International Opera ist im English Theatre Berlin in Kreuzberg zu Hause, deshalb geht es bei seinen Produktionen amerikanischer Kammeropern wohl zuerst darum, Amerikanisches ganz allgemein zu transportieren und nicht unbedingt Plattform für musikalisch Neues zu sein. Bei der nun aufgeführten Oper "The Gift of the Magi" ("Das Geschenk der Weisen") nach der Weihnachts-Kurzgeschichte von O. Henry war allerdings die Umsetzung durch den Komponisten David Conte musikalisch so konservativ, dass man nochmal aufs Programmblatt schaute: Nein, nur die Geschichte stammt von 1910, doch die Ariosi und Parlandi der vier Solisten sowie ihre Begleitung wurden von Conte 1997 mit solcher Fingerfertigkeit auf Puccini und Lirismo getrimmt, dass das Stilplagiat kaum zu identifizieren war.Es wäre ein Leichtes, "The Gift of the Magi" als Produkt US-amerikanischer Kulturindustrie in die Tonne zu treten. Aber zu Weihnachten ist nicht nur der Umgang mit Kitsch gnädiger. Es ist auch, was die Regisseurin Anke Rauthmann mit der amerikanisch-koreanischen Sopranistin Lauren Lee aus der Oper gemacht hat, selbst nach unweihnachtlichen Maßstäben kein Kitsch mehr. Dabei bleibt die Handlung erhalten: Die Liebenden Della (Lauren Lee) und Jim (Christian Michael Newman) überreden sich in ihrer finanziellen Not gegenseitig, von Weihnachtsgeschenken abzusehen, aber kaufen doch beide heimlich unter großen Opfern umso teurere Geschenke - mit denen sie am Ende beide nichts anfangen können. Zum Schluss feiern sie mit ihren Freunden Meggie (Tanja Simic Queiroz) und Henry (Remo Tobiaz) in der gleichen Bruchbude Weihnachten, die sich wohl auch schon der Autor O. Henry vorgestellt hatte.Anke Rauthmann jedoch lässt den Videokünstler Ahmet Golbol in das Innere des Zimmers und auf das Äußere der Drehbühne die Geschichten der Sänger projizieren. Sie alle könnten, als frei arbeitende ausländische Künstler in Berlin, das tragikomische Schicksal von Della und Jim am eigenen Leib erfahren. Ergänzt durch Kanako Nakagawas geradlinige musikalische Leitung vom Klavier aus ist das ein theatraler Kniff, der das Anrührende der Geschichte bewahrt, aber auch nicht moralisch auswalzt. Als Weihnachtsoper sehr sehenswert.-----------------------English Theatre, Fidicinstr. 40, noch bis 21. Dezember und 3.-6. Januar.


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