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Das Rätsel um verschwundene Dissertationen zum DDR-Doping - und die Folgen für die Opfer: Doktor ohne Doktorarbeit

LEIPZIG, 20. Juli. Manche Fragen stellt man lieber nicht, weil die Antwort sonnenklar erscheint. Beispielsweise die nach der Gültigkeit rechtswidrig erworbener akademischer Titel. Für die sportiven Wissenschaften fällt die Antwort frappierend aus: Doktortitel sind überaus haltbar - selbst wenn sie auf Experimenten basieren, die der Bundesgerichtshof als mittelschwere Kriminalität eingestuft hat. Und sogar, wenn die Doktorarbeiten fehlen.In die Untiefen deutschen Forschergeistes, der bis heute als Kulturleistung gilt, könnte etwa die verschwundene Arbeit der Leipzigerin Dr. Ursula Miedlich führen. "Ich habe meine Dissertation nicht", behauptet Miedlich. Sie promovierte 1980 "zur Wirkung von Steroidsubstanzen auf ausgewählte Organfunktionen und die physische Leistungsfähigkeit". Mit Steroidsubstanzen (STS), männlichen Hormonen, trimmte das ostdeutsche Sportsystem von 1976 an auch minderjährige Athleten zur Medaillenreife. Gesundheitsschädliche Nebenwirkungen der nie zugelassenen Anabolika interessierten nicht. Miedlich sagt, ihre Dissertation basiere "auf Selbstversuchen von Mitarbeitern". Seltsam nur, dass ein Forschungsbericht sie zeitgleich und detailliert als Expertin zum Einsatz von STS 646 bei der Frauen-Handballauswahl zitiert. Nach 1990 praktizierte Ursula Miedlich als Allgemeinmedizinerin; inzwischen ist sie pensioniert. Ihren Doktortitel stellte keiner in Frage.Wer daran Anstoß nimmt wie der Heidelberger Molekularbiologie-Professor und Dopingkritiker Werner Franke, steht ziemlich einsam da im Wissenschaftsbetrieb: "Doktorarbeiten kriminellen Inhalts berechtigen doch nicht zur Führung eines Titels", sagt Franke. Er hat 1990 einige Doping-Dissertationen, die illegale Versuche mit Athleten dokumentieren, vor dem Reißwolf gerettet. Für die wissenschaftlichen Drahtzieher des DDR-"Staatsplanthemas 08" war das strafrechtlich folgenlos - denn zu belangen war nur, wer die Drogen zwangsverabreichte, also Trainer und Ärzte. Auch die wissenschaftlichen Annalen verzeichnen diese Doktoren bis heute, "selbst die", so Franke, "deren Arbeiten in keiner Bibliothek auffindbar sind".Zwischenzeitlich ohne akademische Würden brachte es Thomas Prochnow, früher Ferkl, zu einigem Ansehen als Laufguru. Der Autor von Laufbüchern veranstaltet weltweit Seminare und gilt als Fitnessexperte. Anfang der 90er-Jahre strich ihm der Freistaat Sachsen den 1988 am Leipziger FKS, dem Geheiminstitut des DDR-Sports, erworbenen Doktortitel. Auch Prochnow konnte seine Arbeit zum STS-Doping bei Mittel- und Langstrecklern nicht vorlegen. Vor Gericht zog er trotzdem - mit Gutachten zu seiner Dissertation. Gelobt wird darin seine "Eigeninitiative bei Organisation und Führung der Experimentalgruppen". Prochnow, heute Marathon-Trainer beim SC DHfK Leipzig, beharrt darauf, er habe "keine Versuche mit Athleten durchgeführt", nur Datenmaterial verwendet. Den Richtern genügte offenbar der Nachweis, dass die Dissertation einmal vorlag. Prochnow, der sich 1988 "wegen medizinischer Bedenken" aus der Forschung ins Trainerdasein verabschiedet hatte, bekam seinen Doktortitel zurück. Der Freistaat verzichtete auf Berufungsinstanzen. "Dieser Staat ist akademisch genauso korrupt wie der VW-Klüngel", meint Werner Franke. Nur dass wissenschaftlicher Betrug die Öffentlichkeit kaum interessiere; Franke spricht von "Bananenrepublik-Doktoren".Frankes Groll geht zum Teil auf eine andere, recht aktuelle Frage zurück, auf die es ebenfalls nur scheinbar eine eindeutige Antwort gibt. Der Verein Doping-Opfer-Hilfe wird, sollte ein Schiedsgericht nichts bringen, von Jenapharm, einst Hersteller der illegalen Substanzen, 20 000 Euro Entschädigung pro Athlet einklagen. Die heute zum Schering-Konzern (4,91 Milliarden Euro Jahresumsatz 2004) gehörende Firma bestreitet jedoch jede Verantwortung ihrer Wissenschaftler für den Missbrauch junger Athleten. Die Begründung lieferte vor Jahren Geschäftsführer Dieter Taubert, inzwischen zum Chef der Schering Deutschland GmbH aufgestiegen: Nur Arzneimittel seien im Sport missbräuchlich verwendet worden, an Dopingforschung habe man sich nicht beteiligt. Auch Nachfolgerin Isabel Rothe mag nicht einmal die Exklusivproduktion von STS-Pillen für den Spitzensport in ihrem Hause bestätigen, geschweige denn unethischen Forscherdrang. Ihr Argument: "Mögliche rechtliche Auseinandersetzungen".Zur Aufklärung könnten die verschwundenen Doktorarbeiten einiges beitragen. Prochnows Dissertation enthält die Dosierung illegaler Jenapharm-Präparate bei Auswahlkadern zwischen 1980 und 1986 - laut Gutachten "in dieser Komplexität erstmals vorgelegt". Fraglich, ob die unbescholtenen Doktoren ihr Know-how offen legen für die Geschädigten. Von denen wissen viele nämlich bis heute nicht, womit sie in welcher Menge traktiert wurden. Einige sind auf Behandlungen angewiesen, die keine Krankenkasse zahlt. "Gar nicht erklären" kann sich Ursula Miedlich, die einstige Mannschaftsärztin der Handballerinnen, ihre Autorenschaft für den Bericht über STS-Doping. "Ich habe nichts getan. Mehr gibt es nicht zu sagen."------------------------------"Dieser Staat ist akademisch genauso korrupt wie der VW-Klüngel." Dopingkritiker Werner Franke------------------------------Foto: Von deutschen Füßen und deutschem Forschergeist: Verschollene Doktorarbeiten könnten zur Aufklärung in der Dopingthematik einiges beitragen.



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