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Berliner Zeitung | Das Volk aus dem Südwesten sorgt in Berlin wieder einmal für Unmut. Ist das Boot wirklich voll?: Mach meinen Schwaben nicht an
04. June 2008
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Das Volk aus dem Südwesten sorgt in Berlin wieder einmal für Unmut. Ist das Boot wirklich voll?: Mach meinen Schwaben nicht an

Eine neue Welle des Schwabenhasses überflutet Berlin. Öfter schon ist es in den vergangenen Jahren zu Unmutsbekundungen der eingeborenen Bevölkerung angesichts einer angeblichen Überfremdung durch schwäbische Einwanderer gekommen; zu Weihnachten werden im Prenzlauer Berg traditionellerweise Schilder mit dem Aufdruck "Stuttgart-Sindelfingen 610 km - Ost-Berlin wünscht gute Heimfahrt" aufgestellt. Zwischen den Festtagen und außerhalb der Sommerferien ebbte der Antischwabismus zumeist wieder ab. Anders 2008: Um Pfingsten herum plakatierten ostberliner Traditionsbürger das Gebiet um den Kollwitzplatz und die Synagoge an der Rykestraße mit knallgelben fremdenfeindlichen Schildern, auf denen stand: "Schwaben In PRENZLAUER BERG. Spießig, überwachungswütig in der Nachbarschaft und kein Sinn für Berliner Kultur. Was wollt ihr eigentlich hier?" Ein Aktionsbündnis namens P.I.M.P. ("Projekte in Mitte und Prenzlauer Berg") demonstrierte am vergangenen Wochenende im Rahmen einer "Fuck Yuppies"-Parade vom Mauerpark zum Kollwitzplatz gegen die Überfremdung des Stadtteils: "Stoppt die Besatzung des P-Bergs durch Porno-Hippie-Schwaben" hieß die Parole. In der "autonomen" Linken wird der Antikapitalismus inzwischen als Antischwabismus buchstabiert; mit dieser Umdeutung eines eigentlich sozialen Anliegens zu einer ethnischen Frage offenbaren sich die "Autonomen" einmal mehr als Gedankengeschwister des Neofaschismus.Wir fragen uns aber: Warum ist gerade der Schwabe so unbeliebt? Liegt es am unangenehmen Akzent? Den findet man auch bei Thüringern, Sachsen und - besonders schlimm - Hessen. Ist es das großkotzige Auftreten? Das beherrscht niemand besser als der Berliner selbst. Besonders verwirrend: Viele von jenen Politologie studierenden Bürgerkindern, die sich als "Autonome" bezeichnen, kommen ja selber aus Schwaben. Sind es darum vor allem schwäbische Automobile, die in Brand gesteckt werden - um die heimische Wirtschaft anzukurbeln? Oder handelt es sich schlicht um jenen Selbsthass, der in Deutschland noch immer die Ausbildung von Gruppen-Identitäten dominierte?Jens Balzer (eingewandert aus der Lüneburger Heide)------------------------------Alle Vorurteile stimmen.Ja. Wir Schwaben sind geizig, Sparen ist für uns eine Tugend, Verprassen und Verschwenden so sündhaft wie Essbares wegschmeißen. Geld gibt man nicht aus, man legt es an, am besten wertsteigernd in was Dauerhaftem. Man hortet es für schlechtere Zeiten. Das kommt historisch von der Scholle. Die ist nämlich karg, der Acker steinig. Die aus Mehl, Salz, Wasser und 1 Ei hergestellten Spätzle sind ein Kulturprodukt der Armut. Eine Spezialität unserer Küche ist auch der Gaisburger Masch- eine Fleischbrühe, angedickt mit übrig gebliebenen Kartoffeln und Spätzle. Noch schlimmer: die Flädlesuppe, in der alte Pfannkuchen als Sättigungsbeilage schwimmen. Resteverwertung heißt das Zauberwort, mit dem Not in Kultur überführt wird. Während in den wirtschaftswunder-neureichen Haushalten der restlichen Bundesrepublik der Wohlstand demonstrativ aufgetischt wurde, kam in Schwaben immer noch selbstgemachtes Gselz aufs Schwarzbrot. In dieser selbstkasteienden Bescheidenheit liegt eine tiefe Demut. Schließlich ist der Suebe mehrheitlich calvinistischer Protestant. Für den gibt es nichts umsonst. In den Himmel kommt man nur durch eigene Arbeit. Deshalb macht es auch keinen Sinn, anderen was zu schenken. Der Eigenbrötler gibt nichts von seinem ab. Feste etwa sind eine teure Plage, die nur unter familiärem Zwang gefeiert werden.Der Schwabe spart auch gern am Wort. Sein scheinbar weiches Genuschel und die Verniedlichungen der Diminutive verbrämen nur die kernige Härte der Tatsachen-Behauptungen. Gesellige Kommunikation fällt unter Zeitverschwendung. Der Suebe, von dem übrigens auch der seelenvoll wortkarge Portugiese abstammt, zieht es vor, allein am Wirtshaustisch zu hocken und in sein Glas zu stieren. Ehrlich gesagt, das Soziale liegt uns nicht, das regeln wir lieber mit Verordnungen (Kehrwoche). Auch das Neue und Fremde betrachten wir als Wertkonservative mit größter Skepsis. Der Zugereiste heißt in Schwaben der "Reing'schmeckte". Egal wie viele Generationen der Aussiedler - um solche Migranten handelte es sich nach dem zweiten Weltkrieg lange - im Schwabenland lebt, er bleibt ein Fremder, dessen Kultur nur zögerlich aufgenommen wird. Spagetti sind bis heute nicht im Land der Spätzle angekommen, Paprika und Reis gelten nach wie vor als exotisch.Man passt halt auf seine Sachen auf. Daher auch der Erfolg der schwäbischen Instandbesetzer in Berlin. Das Motto der schwäbischen Bausparkasse - Schaffe, schaffe, Häusle baue - traf bei den Hausbesetzern aufs Kongenialste mit dem angeborenen Geiz (keine Miete!) zusammen. Dass das Häusle fern der Heimat stehen kann, ist dabei kein unauflösbarer Widerspruch. Schließlich war nicht nur der fernreisende Entdecker Schliemann Schwabe. Der Erfinder der Dialektik selbst kam aus Stuttgart.Sabine Vogel (eingewandert aus Schwaben)------------------------------Nichts gegen Schwaben.Früher hatte ich etwas gegen Sachsen, was einerseits daran lag, dass ich als Preußin der 7. oder 9. Generation in Ostberlin lebte. Andererseits daran, dass sich in der Hauptstadt der DDR hartnäckig das Gerücht hielt, die Staatssicherheit brächte zum Nutzen ihrer Behörde Unmengen von Sachsen nach Ostberlin, wo diese bevorzugt mit Wohnungen versorgt wurden. Man erinnere sich: Es herrschte Wohnraumknappheit. Die Sachsen waren also, wenn man so will, die Schwaben der DDR, auch als Häuslebesetzer. Nach dem Mauerfall wurden sie von anderen zugewanderten Volksgruppen verdrängt, etwa von Schwaben. Ich habe 7 bis 9 Exemplare dieser Spezies näher kennen gelernt und darf sagen, dass diese keinen ungünstigen Eindruck auf mich gemacht haben - von einem gewissen Mangel an finanzieller Großzügigkeit mal abgesehen. Aber auch viele Preußen sind schreckliche Knicker, und was haben die schon groß für die Speisekarte getan?! Maultaschen muss man jedenfalls unbedingt für eine Bereicherung halten. Leider leben in unserem Haus im Prenzlauer Berg keine Schwaben, sondern nur Schweizer, Brasilianer, Senegalesen, Westfalen und Sachsen. Was nun das schwäbische Idiom angeht, so mag es vielleicht dem Ohr nicht schmeicheln. Aber es klingt doch gefälliger als das Hessische. Wann sind eigentlich mal die Hessen dran?Anke Westphal (eingewandert aus dem Brandenburgischen)------------------------------"Stuttgart-Sindelfingen 610 km - Ost-Berlin wünscht gute Heimfahrt." Anonym------------------------------Foto: Schwaben in Berlin: hier die heimattreue Gaststätte "Spätzle Express" in der Wiener (!) Straße in Kreuzberg.


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