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DDR-Spitzel in der rechten Szene: Wie die Stasi Neonazis im Westen ausspionierte

Schild und Schwert der Partei: Ein Wappen des Ministeriums für Staatssicherheit im Stasimuseum in der Berliner Normannenstraße.

Schild und Schwert der Partei: Ein Wappen des Ministeriums für Staatssicherheit im Stasimuseum in der Berliner Normannenstraße.

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imago stock&people

Der DDR-Staatssicherheitsdienst hat die rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik noch viel stärker unterwandert als bislang bekannt. Nach Erkenntnissen der Stasi-Unterlagenbehörde führte das Mielke-Ministerium mindestens 42 Inoffizielle Mitarbeiter unter westdeutschen Neonazis und in deren unmittelbarem Umfeld.

Weitere fast 30 Rechtsextremisten waren als IM-Vorläufe registriert, das heißt, man bereitete nach mehreren Informationsgesprächen ihre Anwerbung als Spitzel vor. Hinzu kommen vier weitere Informanten, die einen loseren Kontakt zum MfS unterhielten. Die im Stasi-Archiv noch vorhandenen Akten über diese Personen könnten auch für die aktuellen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zu möglichen Hinterleuten und Mittätern des Oktoberfestattentats von 1980 von Belang sein.

Die Zahl der Stasi-Informanten in der westdeutschen Neonaziszene lässt sich anhand von sogenannten IM-Bestandsübersichten nachvollziehen, die in der Stasi-Hauptabteilung XXII/1 angelegt wurden. Die Hauptabteilung XXII war zuständig für die Terrorabwehr, die Unterabteilung 1 befasst sich mit dem rechtsextremistischen und -terroristischen Milieu in Westdeutschland.

IM-Mitarbeiter auch im Bundesverfassungsschutz

Es gibt auch Hinweise, dass eine unbekannte Zahl von Westspionen der für Auslandsaufklärung zuständigen Stasi-Hauptverwaltung A (HVA) ebenfalls Informationen aus der rechten Szene der Bundesrepublik lieferten. So berichtete ein HVA-Agent, Registriernummer XV 3792/73, seit 1978 unter anderem über die militante Neonazi-Organisation Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann.

Ein weiterer IM mit dem Decknamen „Bakker“ übergab der HVA im Dezember 1980 eine von der Führungsspitze der WSG Hoffmann verfasste Ausarbeitung zum Oktoberfestattentat vom 26. September 1980. Eine Auswertung der von der HVA beschafften Informationen aus westdeutschen Neonazikreisen scheitert daran, dass die HVA-Akten in der Wendezeit weitgehend vernichtet wurden.

Der überwiegende Teil der von der Hauptabteilung XXII/1 in der rechten Szene geführten Stasi-Spitzel wurde in den 1980er-Jahren angeworben. Darauf deuten die Registriernummern der IM-Vorgänge hin. Die IM berichteten über Aktivitäten von gewalttätigen Nazigruppen und deren Mitgliedern in der Bundesrepublik, in Österreich und im italienischen Südtirol. Einige dieser IM waren gleichzeitig V-Leute des westdeutschen Verfassungsschutzes und konnten der Stasi Einblick in dessen Arbeit geben.

Archiv noch nicht vollständig ausgewertet

Das Hauptaugenmerk der Stasi bei der Aufklärung der westdeutschen Naziszene richtete sich darauf, Anschläge gegen die innerdeutsche Grenze zu verhindern. Entsprechende Pläne waren in den rechtsextremen Gruppen immer wieder im Gespräch und zum Teil auch umgesetzt worden. Daneben wollte das MfS verhindern, dass die in den späten 1980er-Jahren stärker werdende rechte Szene in der DDR ihre Verbindungen zu Gleichgesinnten ausbaut.

Ein Teil der im Stasi-Archiv vorhandenen IM-Akten von westdeutschen Neonazis ist nicht vollständig ausgewertet. Es ist denkbar, dass sich darin auch Aussagen zu möglichen Hintergründen des Oktoberfestattentats von 1980 finden. Das wäre für die Bundesanwaltschaft von Interesse, die Ende 2015 die Ermittlungen in diesem Fall wieder aufgenommen hat. Anlass waren Zeugenaussagen, wonach der mutmaßliche Bombenleger Gundolf Köhler nicht allein am Anschlagsort war. Bei dem Attentat am 26. September 1980 waren 13 Menschen getötet und weitere 211 Personen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden.