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Debatte über Diskriminierung und sexuelle Belästigung: Gewalt ist immer auch Gewalt gegen Frauen

Die Polizei am Kölner Hauptbahnhof. Wie genau verhielt sich die Polizei in der Silvesternacht?

Die Polizei am Kölner Hauptbahnhof. Wie genau verhielt sich die Polizei in der Silvesternacht?

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dpa

Was sich in der Silvesternacht am Kölner und am Hamburger Hauptbahnhof ereignete, ist in Deutschland etwas Neues. Nicht neu ist, dass an Hauptbahnhöfen Frauen beraubt und begrapscht werden. Wer vor fünfzig Jahren in Westdeutschland aufwuchs, der weiß, dass die Bahnhofsvorplätze damals vor allem abends an den Wochenenden beliebte Treffpunkte jugendlicher Ausländer waren, die sich einen Spaß daraus machten, sich Mädchen und jungen Frauen in den Weg zu stellen und einen „Tribut“ zu fordern.

Wenn zum Beispiel vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main fünfzig, sechzig solcher Jugendlicher standen, dann wurden davon ein halbes bis ein Dutzend übergriffig. Das wurde immer wieder diskutiert. Polizei schritt ein, dann sah sie wieder weg. Irgendwann war nicht mehr die Rede davon.

Völlig neu ist aber das, was jetzt in Köln passiert sein soll: Um die tausend junge Männer sollen den Hauptbahnhof besetzt und ihn für ein paar Stunden zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben. Sie beschossen andere mit Raketen und Böllern, schlugen um sich, stahlen und attackierten gezielt Frauen. 120 Strafanzeigen liegen inzwischen vor.

Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um eine gezielte, organisierte Aktion handelt. in die wohl mehrere Hundert Menschen verwickelt waren. Das ist eine neue Dimension. In Köln. Anderswo auf der Welt kommt es ständig vor. Wie immer bei solchen Aktionen wäre es ganz falsch, seine Aufmerksamkeit ganz auf Opfer und Täter zu konzentrieren. Ohne die Zuschauer, die Zuschauer bleiben, kann eine solche Situation nicht entstehen. Besonders schwerwiegend ist es, wenn Polizei zwar vor Ort ist, aber nicht einschreitet, wenn sie im Gegenteil einen Tag später erklärt, man habe das Ausmaß der Gewalttätigkeit nicht mitbekommen.

Mit den Waren wandern Menschen und Lebensweisen

Wenn nicht auch diese Seite der Entwicklung genauestens untersucht wird, wenn zum Beispiel nicht danach gefragt wird, warum die Videoüberwachung des Bahnhofs nicht zu einem schnelleren, massiveren, effektiveren Einsatz der Polizei führte, dann wissen wir, dass etwas prinzipiell falschläuft in unseren Sicherheitsbehörden. Es ist wichtig, sehr genau aufzuklären, was in der Silvesternacht passiert ist. Nicht nur um der Betroffenen dieser Nacht willen, sondern auch, um uns klar zu werden über die Situation, in der wir leben.

Wir sprechen über Diskriminierung am Arbeitsplatz, über Frauenquote, wir haben gemerkt, wie schwierig es war und ist, gegen häusliche Gewalt öffentlich vorzugehen. Mit der Möglichkeit eines organisierten öffentlichen Überfalls auf Frauen mitten in einer deutschen Großstadt haben wir nicht gerechnet. Nun wissen wir, dass wir auch, was die Diskriminierung von Frauen angeht, globalisiert werden. Mit den Waren wandern die Menschen, mit ihnen ihre Ideen und Lebensweisen und -vorstellungen.

In seinem 2014 erschienenen Buch „A Call to Action – Women, Religion, Violence and Power“ schrieb der Ex-Präsident der USA Jimmy Carter: „Wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar ein großes und ständig wachsendes Problem, ich bin aber doch zu der Überzeugung gekommen, dass weltweit die wichtigste und viel zu wenig angegangene Herausforderung die Entrechtung und der Missbrauch von Mädchen und Frauen ist.“

Globalisierung zerstört das Verhältnis der Geschlechter

Es gibt keinen Krieg, in dem der Krieg gegen die Frauen nicht eines der wesentlichen Elemente ist. Es gibt keine Herrschaft, die sich nicht wesentlich dadurch definiert, dass sie für sich die Verfügungsgewalt über Frauen einfordert. Sei es ganz real, als das Recht auf Vergewaltigung – „ius primae noctis“ – oder aber als das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Der erste Artikel dieser Vorschriftenkataloge lautet stets: Das Weib sei dem Manne untertan.

Die Globalisierung zerstört weltweit überkommene Lebensweisen und damit fast immer auch das Verhältnis der Geschlechter. Man mag das in vielen Fällen begrüßen. So wird zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmelung – in vielen Weltgegenden ein wichtiges Stück Durchsetzung männlicher Dominanz – mehr und mehr infrage gestellt.

Aber es wäre ganz falsch, sich die Zerstörung der alten Milieus als ein Ereignis vorzustellen, an das sich die Errichtung neuer Milieus anschließt. Das ist eine entwicklungspolitische Illusion, die davon ausgeht, dass es Einrichtungen gibt, die diesen Übergang organisieren. In Wahrheit aber sind das chaotisch verlaufende Prozesse, in denen jeder versucht, durch treten nach unten sich oben zu halten. Kaum ein Unterdrückter, der nicht noch eine Frau findet, der gegenüber er wenigstens für ein paar Minuten zeigen kann, dass er der Herr ist.

Sexualität spielt dabei immer eine Rolle. Freilich nicht die, die wir Hippienachgeburten ihr zuschreiben. Diese Art von Sexualität ist engstens mit der Macht verbunden. Venus und Mars sind hier keine Gegensätze, sondern beide leben voneinander. Wer Passantinnen in den Schritt greift, der mag das für eine sexuelle Aktion halten. Das zeigt aber nur, wie unsexy Sex für ihn ist, und wie sexy Macht und Gewalt für ihn sind. Eine Macht und Gewalt, zu der gehört, dass sie als Gruppe ausgeübt und angetan wird. Die Gemeinschaft der Krieger ist eine der Vergewaltiger. Zu einem Überfall gehört die Vergewaltigung. Das gilt nicht nur für indische und afrikanische Dörfer, das steht auch in den Annalen der römischen Geschichte. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist ein großes Thema vor allem der Barockmalerei.

Kein Staus quo ist sicher

Ebenfalls 2014 veröffentlichte die Journalistin Maria von Welser „Wo Frauen nichts wert sind – Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“. Sie schreibt darin: „Bis heute werden täglich Tausende Frauen überall auf der Welt vergewaltigt und gefoltert. Sie werden verbrannt und gesteinigt. Ihre Genitalien werden verstümmelt, ihre weiblichen Föten abgetrieben oder ihre Töchter bei der Geburt ausgesetzt. Tagtäglich sterben mehr Mädchen und Frauen an den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt als an anderen Menschenrechtsverletzungen.“ Maria von Welser war in Afghanistan, in Indien, im Kongo und in Bosnien. Sie hat dort mit Opfern der Gewalt gesprochen. Sie hat sich ein Bild gemacht von der systematischen Ausrottung der Frau und des Weiblichen in der Welt.

Das hat doch mit dem, was bei uns geschieht, mit den schrecklichen Formen häuslicher Gewalt, mit den Diskriminierungen und Beschimpfungen, ja selbst mit den Ereignissen in Köln und Hamburg nichts zu tun? Das ist nicht richtig. Es hat ein Vierteljahrhundert gedauert von der ersten Einrichtung eines Hauses für geschlagene Frauen durch die autonome Frauenbewegung 1976 in Berlin bis zum Gewaltschutzgesetz von 2002, das Gewalttätern den Zugang zur gemeinsamen Wohnung verwehrt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass keine Errungenschaft, kein gesellschaftlicher Konsens, kein Gesetz eine sichere Grundlage ist. Kein Status quo ist sicher. Um alles muss immer wieder neu gestritten werden.

Es wäre ein Verbrechen, wir würden, was das Verhältnis der Geschlechter anginge, auch nur auf den Stand von 1989 zurückfallen. Aber es wird nicht an Versuchen fehlen, eine Welt einzurichten, die Frauen den Männern wieder stärker unterordnet. Je prekärer die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind, desto lauter werden sich diese Stimmen wieder melden.

Wir müssen sehr genau hinschauen

Silvesternächte und ihre Feuerwerke werden immer wieder gerne als Bürgerkriege inszeniert, Massenaufläufe ziehen Diebe und andere Straftäter an. Sexuelle Belästigungen spielen dabei immer wieder eine große Rolle. So explosiv wie bei der vergangenen Jahreswende aber haben sich diese Elemente in Köln wohl lange nicht mehr verbunden. Liest man die Berichte, hört man die Augenzeugen, bekommt man das Gefühl, dass dort so etwas stattfand wie ein Pogrom.

Er brach ab, bevor es zu Leichen, Verwundeten und Schwerverletzten kam. Aber, so kann man den Polizeiberichten jetzt entnehmen, es fehlte nicht viel. Der dünne Schutzfilm Zivilisation reißt immer öfter an immer mehr Stellen. Wie viele Anschläge auf Asylbewerberheime gab es in der Silvesternacht? Wie viele Einsätze hatte die Polizei, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen? Wie viele Schlägereien mit diesem oder jenem Hintergrund gab es in jener Nacht?

Wir wissen das nicht. Wir fragen selten danach. Wir fürchten, uns das ganze Bild vor Augen zu halten. Wir möchten schließlich in einem Land leben, das sich kümmert um Flüchtlinge, das darauf achtet, dass niemand ins Nichts fällt. Dann sehen wir, wie die einen systematisch gegen die anderen vorgehen, wie sehr sie ihren Stolz aus der Vernichtung der anderen gewinnen, und mit einem Mal haben wir Angst.

Es ist die Angst, die wir fühlten, wenn wir die Bilder eines Mobs sahen, der Flüchtlingsheime anzündete. Es ist die Angst, die wir empfanden bei der Betrachtung der Bilder aus dem Kongo. Diese Angst wird genährt vom Gefühl der Hilflosigkeit. Ein paar fest entschlossene Verbrecher können unser hübsches Gehäuse zerschlagen. Ein paar Leute, die nichts im Kopf haben, als einige Augenblicke lang sich mächtig zu fühlen, indem sie anderen Angst einjagen, zeigen uns, wie brüchig die Schale ist, die uns schützt vor dem Chaos.

Was immer passierte in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz passierte, was immer an krimineller Energie, an Testosteron, an Frauenverachtung, an Lust an der Gewalt und an Alkohol zusammenkam, wir müssen hingucken. Sehr genau hingucken. Wir werden die Angst vor diesen Bildern nur bezwingen, wenn wir sie anschauen. Genau und immer wieder. Und immer mit dem Wissen darum, dass in dem Moment, da wir das tun, ganz Ähnliches, Schlimmeres auch, sich an zig Orten in der Welt abspielt. Wir müssen daran denken, dass wir, wenn wir gegen die Gewalttäter am Kölner Hauptbahnhof vorgehen, wir zeigen, dass wir nicht hilflos sind, dass die Gewalt, so gerne sie es auch hätte, nicht das letzte Wort hat.