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Der "Focus"-Chefredakteur verklagt die Frankfurter Satirezeitschrift "Titanic" auf 60 000 Mark Schmerzensgeld: Helmut Markwort und ein Satz mit vielen "F"s

Am 19. November wird in Berlin wieder mal die Satire vor Gericht stehen. Helmut Markwort, Chefredakteur des Münchner Magazins "Focus", verklagt die Zeitschrift "Titanic" auf 60 000 Mark Schmerzensgeld.Anlaß für den Rechtsstreit ist der Abdruck einer Karikatur des Berliner Zeichners Olaf Schwarzbach ("OL") im Juliheft von "Titanic". Diese soll Markworts Persönlichkeitsrechte "schwerwiegend verletzen". Die Karikatur zeigt ihn als Strichmännchen, dem - am Schreibtisch sitzend - eine Abwandlung des "Focus"-Werbespruchs entfährt. Statt "Fakten, Fakten, Fakten, und immer an den Leser denken" legte Zeichner Schwarzbach dem 59jährigen "Focus"-Chef den Satz "Ficken, Ficken, Ficken, und nicht mehr an den Leser denken" in den Mund. Die "OL"-Zeichnung war ursprünglich für das Berliner Stadtmagazin "Zitty" entstanden und dort auch im Dezember 1995 erschienen. Die "Titanic" druckte die Karikatur nun im Juli dieses Jahres nach - und das nicht ohne Grund. Denn die Frankfurter Satiriker befaßten sich in zwei kurzen Artikeln mit Markworts Schmerzensgeldprozeß gegen "Zitty". Kurz zuvor, nämlich im Juni, hatte der "Focus"-Chef vor dem Berliner Landgericht 50 000 Schmerzensgeld wegen der "Ficken"-Karikatur in "Zitty" verlangt. Das Gericht billigte Markwort schließlich 15 000 Mark zu - wegen "Verletzung der Intimsphäre". Das wollte die "Titanic" nicht unkommentiert lassen. Sie präsentierte ihren Lesern die Karikatur nebst einigen erläuternden Sätzen. Darin wird die "Focus"-Werbung als "penetrant" bezeichnet und Helmut Markwort als "Plumpaquatsch-Figur". Die Karikatur des Zeichners "OL" hingegen bewerten die "Titanic"-Leute als "guten Spaß" und "allenfalls etwas flapsig". Markworts Anwälte sehen darin eine zusätzliche Beleidigung und erhöhten auf 60 000 Mark.Insgesamt war die "Titanic" in den 17 Jahren ihrer Existenz bereits 30mal in ähnliche Auseinandersetzungen verwickelt. So klagte etwa die Sängerin Evelyn Künneke gegen die Bezeichnung "kulturindustrielle Sondermülltonne". Und der Schriftsteller Gerhard Zwerenz mochte nicht als "sozialistisch eingefärbter Rotzklumpen" bezeichnet werden. Mit 40 000 Mark bekam der Politiker Björn Engholm den größten Batzen Schmerzensgeld ab. Er war auf dem "Titanic"-Titel in die Barschel-Wanne fotomontiert worden. Der Fall Engholm kostete die Zeitschrift insgesamt 192 000 Mark. Den geringsten Erfolg mit ihren juristischen Klagen hatte bislang die katholische Kirche. Fünf von neun Verfahren wegen Religionsbeschimpfung und Verunglimpfung des Papstes wurden von den Staatsanwaltschaften eingestellt.Auf Markworts 60 000-Mark-Forderung reagierte die Titanic auf ihre Weise. Sie fordert ihre Leser per "Mitmachaktion" in der Novemberausgabe auf, Markwort-Anekdoten einzuschicken. Schon vor dem Aufruf hatte ein TV-Journalist der "Titanic" die Videokopie eines Softsexfilms aus den späten 60er Jahren zukommen lassen. Darin hat der spätere "Focus"-Chef einen Kurzauftritt als Taxifahrer, der einem weiblichen Fahrgast näherkommt. Einige jugendfreie Bilder des Kleindarstellers Markwort - noch ohne Brille - sind jetzt in der "Titanic" zu sehen. +++