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Der Dokumentarfilm "Der große Ausverkauf" von Florian Opitz schildert den Wahnsinn von Globalisierung und Privatisierung: Regenwasser sammeln verboten

Das ist einer jener Filme, bei denen man sich an den Kopf greift und fragt, ob die Menschheit eigentlich noch ganz bei Trost ist. Eine Frau in Manila kann sich die Dialyse für ihren kranken Sohn nicht mehr leisten und muss sich von einer Gesundheitsbürokratin sagen lassen, sie solle sich damit abfinden, dass er stirbt. Den Leuten im Township von Soweto ergeht es nicht wesentlich besser; sie mögen ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, um sich ein bescheidenes Häuschen leisten zu können, nun sitzen sie in Finsternis und Kälte, weil der Strompreis in astronomische Höhe gestiegen ist. Und im bolivianischen Cochabamba wird ein Gesetz verabschiedet, das den Einwohnern das Sammeln von Regenwasser verbietet, um den Profit des Wasserversorgers nicht zu gefährden. Wer jetzt denkt, das seien nur Schauermärchen aus der "Dritten Welt", die ja weit weg ist, den belehren die Erzählungen eines Lokführers über das Chaos bei der britischen Eisenbahn eines anderen; illustriert werden sie mit Aufnahmen von heruntergekommenen Bahnhöfen, die durchaus mitten in einem Slum liegen könnten.Das Zauberwort, das diesen Wahnwitz erklärt, lautet Privatisierung, und Florian Opitz hat mit "Der große Ausverkauf" einen klugen Dokumentarfilm über ihre Folgen gedreht. Opitz behelligt sein Publikum nicht mit einem belehrenden Off-Kommentar und verzichtet auf den pseudo-objektiven Standpunkt des neutralen Beobachters. Stattdessen montiert er beispielhaft vier Privatisierungsfälle in verschiedenen Sektoren auf verschiedenen Kontinenten und dokumentiert den Widerstand dagegen. Der reicht vom individuellen Kampf Minda Lorandos, die jeden Tag aufs Neue loszieht, um Geld für die Behandlung ihres Sohnes zu beschaffen, über das "Soweto Electricity Crisis Committee", das gekappte Stromanschlüsse wiederherstellt, bis hin zum "Wasserkrieg" von Cochabamba, der im Jahr 2000 sieben Menschenleben forderte und mit dem Rückzug des Konzerns endete.Zwischen diesen Geschichten von Verlierern, die sich weigern, welche zu sein, kommt Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und Kritiker der neoliberalen Ideologie, zu Wort. Er stellt den Zusammenhang zwischen Privatisierung und Globalisierung her und erklärt die verhängnisvolle Rolle, die Weltbank und Internationaler Währungsfonds dabei spielen. Was als Allheilmittel für Staatsdefizite in Mode kam, hat sich zu einer Profitmaximierungsstrategie entwickelt, deren Folgen für das betroffene Gemeinwesen verheerend sind.Vier Jahre Arbeit stecken in "Der große Ausverkauf". Vier Jahre, in denen es Opitz und seinem Team gelungen ist, ein abstraktes Thema als unmittelbar packende Geschichte mutiger Menschen darzustellen. Deren größtes Verdienst aber liegt in ihrem Vertrauen auf Solidarität.------------------------------Der große Ausverkauf Deutschland 2006. Regie und Drehbuch: Florian Opitz, Kamera: Andy Lehmann, Christoph Mohr. Dokumentarfilm unter Mitwirkung von Bongani Lubisi, Simon Weller, Minda Lorando, Joseph E. Stiglitz u. a.; 94 Minuten, Farbe.------------------------------Foto : Überall sammeln sich Verlierer, die keine mehr sein wollen: in Soweto, in Cochabamba und bald auch in der EU.



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