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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Der ehemaligige RIAS-Star-Diskjockey Lord Knud verlor Bein, Geld, Freunde, Job, Publikum und macht weiter LEUTE IN DEUTSCHLAND Knud Kuntze: Mühsame Schritte zum Regenbogen

Eines nachts, kurz nach dem die Mauer gefallen war, saß Lord Knud besoffen in seinem Wohnzimmer und blickte in sein Whiskeyglas. Vielleicht, niemand weiß das so genau und er selbst am wenigsten, sah er in diesem Moment zwischen den schmelzenden Eiswürfeln sein Leben vorbeischwimmen. Schamoni, Weizsäcker und die Lords, langbeinige Models, Ossis und Adlige, Intendanten und Fans tanzten ausgelassen In Jack Danleis. Und er saß wieder mal draußen, trunken und allein. Lord Knud warf das Glas wütend an die Wand.Am nächsten Morgen sah er den bläßlichbraunen Fleck auf der Tapete. Lord Knud bastelte eine Collage aus alten Zeitungsausschnitten, die seine Mutter in all den Jahren über ihn gesammelt harte, und rahmte das Werk ein. Damit hing er den Fleck zu.*Mitten im feinsten Zehlendorf, dort, wo die Quadratmeterpreise nicht mehr zu bezahlen sind, zwischen dichten Hecken, gepflegtem Rasen und zurückhaltenden Menschen, steht ein plattgedrücktes weißes Häuschen mit einem riesigen Fenster, In dem ein elektrischer Regenbogen leuchtet. Vor dem Bungalow steht ein hoher Fahnenmast, an dem die amerikanische Flagge baumelt, die manchmal nachts von Scheinwerfern angestrahlt wird. Den Zaun, der das Grundstück einst umgab, hat der Hausherr abgerissen, als Deutschland wiedervereinigt wurde. Im Vorgarten wächst eine Haschischpflanze, und es gibt einen eingelassenen Betonsockel, auf dem eigentlich ein dreieinhalb Meter hohes Lenin-Denkmal aus Minsk aufgestellt werden sollte, was die Nachbarschaft in letzter Minute verhinderte. In der Garage steht ein Motorrad mit drei dicken Ballonreifen, das aussieht, als sei es von einem phantasievollen Kind konstruiert worden. Manchmal hämmern mitten in der Nacht Techno-Beats aus den großen Fenstern. Und gelegentlich entläßt der Hausherr einen wilden Schrei in die unbezahlbare Zehlendorfer Ruhe.Hier wohnt Lord Knud. Der Einbeinige. Der Ultrarechte. Der Frontmann. Der berühmteste Berliner Radio-DJ der 70er Jahre. Der Abgestürzte. Der Freak."Die wollen mich natürlich am liebsten raushaben", sagt er. "Neulich hat sich wieder ,ne Nachbarin über den Krach beschwert. Der habe ich erzählt, daß ein paar russische Familien Interesse an dem Grundstück hätten. Die wollen hier ein Appartmenthaus bauen und fünfzehn Kfnder haben sie auch, hab ich ihr gesagt. Seitdem ist sie friedlich."*Leider ist die Verfügungsgewalt des Lords über das Anwesen begrenzt. Es gehört Ihm nicht mehr. Er mußte verkaufen, um seine Schulden zu begleichen, seitdem wohnt er hier für eine gnädige Monatsmiete. Das Bad ist aus Marmor, doch der Kühlschrank seit drei Jahren abgeschaltet, weil nichts zu essen da ist. Manchmal hat der Lord mitten in dieser Luxusgegend neun, zehn Tage gehungert, und dann einen Bekannten um Nahrung angebettelt. Gelegentlich bringt jemand von allein Kuchen und Apfelsinen vorbei. Der Lord raucht nur noch gelegentlich und trinkt keinen Alkohol mehr. Wenn er weggeht, trägt er die feinen, teuren Anzüge aus vergangenen Jetset-Zeiten."Ich brauche nichts. ich habe darauf hingearbeitet, nichts zu besitzen. Ich bin stolz drauf", sagt er. "Das macht den Kopf frei."*Lord Knud hinkt mit schnellen Schritten über den Parkettfußboden seines wunderschönen hellen Wohnzimmers. Auch zum Hintergarten gibt es eine riesige Fensterscheibe. Man denkt, man sitzt im Freien. Zusammen mit den vielen alten Platten, die er in "Schlager der Woche" abspielte, dem Klavier, an dem Udo Jürgens einst "Aber bitte mit Sahne" komponierte und der Radiomaschine "Lili Marleen", die er sich von der Lebensversicherungsprämie kaufte, die seine Eltern für ihn abschlossen, nachdem er sein Bein verloren hatte. Lili Marleen, seine Geliebte, mit der er die Nächte verbringt. Lord Knud zappelt ruhelos durch diese Heimat zwischen Studiouhr in einem Fenster und elektrischem Regenbogen Im andern und zitiert aus seinem Leben. Wahllos fetzt er Anekdoten aus seiner Biographie. Man muß sie aufschnappen, ablegen und auf Teile warten, die in die Lücken passen. Wie bei einem Puzzle. Selbst wenn man ihm sechs, sieben Stunden zuhört, bleiben Stellen, die er nicht füllen will oder kann. Was bleibt, ist der Eindruck einer wilden Berg- und Talfahrt mit viel Champagner und vielen falschen Freunden.*Wenn ich ihn richtig verstanden habe, lief es so: Als Lord Knud noch Knud Kuntze hieß, verkaufte er im Laden seiner Eltern Schuhe. Er fing bei den "Lords", die Anfang der 60er Jahre ziemlich populär waren, als Baßgitarrist an. Wenn er mal 2 000 Mark auf die Hand bekam, hatte er am nächsten Tag 5000 Mark Schulden. Nach einer Mugge baute der Fahrer des Bandbusses besoffen einen Unfall, Lord Knud wurde so schwer verletzt, daß ihm ein Bein amputiert werden mußte. Er war zwanzig, er war nicht versichert, die Lords ließen ihren Baßmann fallen. Er begann als Diskjockey zu arbeiten, ging zum RIAS, lernte bei Hans Rosenthal Radiomachen, moderierte die berühmte Sonnabendvormittags-Sendung "Evergreens are gogo", in der er Zehntausende Witze erzählte, und später die nicht weniger bekannte Hitparade "Schlager der Woche". Er machte Platten. Er erfand den Slogan: "Schau in den Regenbogen!" Der Regenbogen wurde zu seinem Symbol.Und es lief so: Lord Knud moderierte Wahlkampfpartys für die CDU. Er puschte Lummer, Weizsäcker und Landowsky. Diepgen und Rexrodt gingen bei ihm ein und aus. In seinem Garten feierte er stadtbekannte rauschende Feste mit weißen Pferden, Stars und Luftballons. Er wetterte auf den Osten und stieg in den internationalen Jetset auf. Hochzeiten in Stockholm, Partys in London, Modenschauen In New York, Geburtstage in St. Tropez. Wenn Udo Jürgens in Berlin war, schlief er immer bei Lord Knud.Die Gags für seine Radiosendungen schrieben ihm andere, zuletzt der Kabarettist Wolfgang Neuss. Auch diesen: "Ich hab nichts gegen die Frauenbewegung. Solange sie rhythmisch ist." Das war sein vorläufiges Ende als Radiomoderator. Man erzählte Ihm hinter vorgehaltener Hand, Richard von Weizsäcker persönlich habe seine Entlassung vom Frontstadt-Sender RIAS Berlin gefordert. Er selbst glaubt eher, daß Marianne von Weizsäcker dahintersteckte.Und dann lief es so: Unter Lord Knud tat sich ein riesiges schwarzes Loch auf. Zunächst hatte er mit Scharnord das Konzept für den privaten Radiosender »Hundert, 6" ausgeknobelt. Die Idee für das Sendersignet stammte von Ihm. » Nimm den Frosch", hatte er Schamoni geraten. Doch als "Hundert,6» lief, war Lord Knud raus aus dem Spiel. In der Jour- nalistenszene erzählte man, er sei drogensüchtig. Er hatte Immer Schulden gehabt, aber jetzt merkte er es auch. Er verkaufte seinen Mercedes und das Haus. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Zwei Jahre lang konnte er nicht laufen.Die Hilferufe an seine ehemaligen Freunde in Wirtschaft und Politik brachten nicht viel. Eberhard Diepgen, den er um Geld für einen elektrischen Rollstuhl gebeten hatte, schickte ein Buch über einen Rundfunkpionier. Der Referent des Bundespräsidenten schrieb: »An dem Gerücht, Herrn von Weizsäcker hätten bestimmte Witze von ihnen nicht gefallen, ist nichts wahr. Herr von Weizsäcker hat mich gebeten, Sie ausdrücklich und herzlich von Ihm zu grüßen."Nur Udo Jürgens half. Er kaufte ihm eine neue Prothese, eine Spezialanfertigung mit eingebautem DATRekorder und einem Messingschild: »Auch der mühsame Schritt führt zum Regenbogen.»So war es. Wenn Ich alles richtig verstanden habe.Zwischen die Erinnerungsfetzen streut Lord Knud fahrig Zeugnisse jüngeren Schaffens. Er macht ja was. Er führt seine abgefahrene Brillenkollektion vor. Er präsentiert die Finessen seiner mobilen Radiostation, spielt DAT-Bänder ab, auf denen er In langen Nächten Politikerzitate mit Techno- und alten Rock ,n, Roh-Nummern zu einem eigenartigen Brei mischte, rezitiert Gedichte, von denen er jeden Morgen eines auswendig lernt und erzählt ununterbrochen Witze, die er nachts In seine Schreibmaschine hämmert. All das soll seine fadenscheinige Theorie belegen, daß Arbeitslosigkeit eigentlich schön Ist. Die Wahrheit ist, daß er nächtelang Bänder produziert und Kalauer verfaßt, die kein Mensch hören will. Er macht Radio für sich.immerhin stand neulich Rik Delisle vor der Tor und bat: »Komm zurück/ Ein großes Wort für die klitzekleine Presseschau, die Lord Knud ab kommenden Montag jeden Morgen zwischen sieben und acht auf RS 2 vorlesen wird. Hoffentlich haben sie Geduld mit ihm.»Wenn Du sieben Jahre zu Hause hockst, weißt Du Irgendwann, wer Du bist. Ich habe begriffen, daß nicht ich der Star war, sondern daß die Beach Boys und die Beatles waren. Ich hab ja nur ihre Platten aufgelegt und zwischendurch Witze erzählt, die ich nicht mal selbst geschrieben habe. Schamoni ist doch deswegen so zusammengebrochen, als sie ihn bei Hundert, 6 und bei jA rauskanteten, weil er dachte, er sei der absolute Obermacker. Ich habe meinen ersten Flash schon bei den Lords gekriegt. ich bin übern Berg.» Zum Beweis dreht er mit ausgebreiteten Armen eine Runde durch sein Wohnzimmer, als sei er jederzeit In der Lage, aus Zehlendorf wegzufliegen. Ein hinkender alter Rabe.Er hebt nicht ab, aber wenigstens klingelt das Telefon. Eine Casting-Agentur will Ihn für eine RTL-Serle als abgedrehten Chef eines Rundfunksenders testen. » Ja, mach ich", sagt Lord Knud hastig. » Ich kann Ihnen jeden Typ von Chef spielen. Ich kenn sie ja alle.» Als er auflegt, glänzen seine Augen. "Ich will die Rolle haben, auch wenn sie noch so klein Ist. Ich laß mir sogar die Haare schneiden und zieh mir einen guten Anzug an." Inzwischen hat er sie. Er soll um Himmels willen so bleiben, wie er ist, haben sie gesagt.*Am nächsten Nachmittag geht er zu einer Art Generationentreffen in ein Zehlendorfer Restaurant. Alles Leute in seinem Alter. Fünfzigjährige mit jenen gesunden, gebügelten Gesichtern, die einem sagen: ich hab es geschafft. Lord Knud hat eine seiner eigenartigen Fliegerbrillen aufgesetzt, seine grauen Haare hingen wirr an seinem zerknautschten Gesicht herunter. Die zurechtgehungerten Damen mustern den Freak spöttisch. Ein paar Männer begrüßen Ihn. » Schön, daß Du gekommen bist, Knud." Doch Ihre Augen sagen: Armes Schwein. Lord Knud trinkt eine Tasse Kaffee und geht. Er paßt hier nicht her. Er hat mehr Feuer Im Arsch, als all die schönen Menschen hier zusammen.Als er In sein Haus zurückkommt, ist es dunkel geworden. Der Regenbogen im Fenster Ist verloschen. Lord Knud sieht ihn erschrocken an. Er klopft an die bunten Giasröhren, ruckelt am Kabel. Der Regenbogen flackert unentschlossen.Lord Knud in seiner Wohnung In Zehlendorf: Als sei er Jederzeit in der Lage. wegzufliegen.