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Der Erfinder des deutschen Jazz nach dem Krieg: Zum Tod des Posaunisten Albert Mangelsdorff: Wir haben auf totales Risiko gespielt

Man ist alt geworden", sagte Albert Mangelsdorff, als er im vergangenen Herbst noch einmal beim JazzFest auftrat. Mangelsdorff war, 40 Jahre zuvor, schon bei den ersten Berliner Jazztagen dabei gewesen, mitten auf dem Weg zu einer Weltkarriere als innovativer und stilprägender Posaunist - 40 Jahre später dann, von Krankheit und Schmerzen gezeichnet, spielte er noch einmal zwei stolze Soli beim Eröffnungsabend in der Philharmonie. In der NDR-Bigband, die Mangelsdorffs Kompositionen an diesem Abend interpretierte, sah man viele junge Musiker, der Generationswechsel hat das Gesicht des deutschen Jazz in den letzten Jahren sichtlich verjüngt. Dafür hatte Mangelsdorff sich zeitlebens eingesetzt.Albert Mangelsdorff gilt als der Initiator und Repräsentant des deutschen Nachkriegsjazz schlechthin. Regelmäßig wurde er von der internationalen Jazzkritik als "Europa-Posaunist des Jahres" gefeiert, und selbst die großen, sonst eher auf sich bezogenen amerikanischen Jazz-Stars bezeichneten ihn als einen der "wichtigsten Erneuerer des Posaunenspiels". Doch trotz weltweiter Anerkennung kehrte der überaus freundliche, stets sehr bescheiden wirkende Herr immer wieder nach Frankfurt und zu "grüner Soß" zurück."Wir haben auf totales Risiko gespielt", resümierte der Posaunist die Jahre zwischen '68 und '70, "als sowieso alles im Umbruch war. Unsere Musik war ja, wenn man so will, auch ein Protest gegen die Gesellschaft, gegen alle die, denen es wahnsinnig gut ging, die krankmachen und feiern konnten - während wir noch immer herumknapsen mussten. Man hat uns sogar verweigert, in die gesetzliche Krankenkasse zu gehen."Das sollte sich, zum Teil jedenfalls, in den folgenden Jahren ändern. Von 1973 bis 1983 war Mangelsdorff der 1. Präsident der UdJ, der Union deutscher Jazzmusiker, ein "typisches Kind der sogenannten 68er-Bewegung", die für die damals jungen zeitgenössischen Künstler forderte, was für klassische Musiker stets selbstverständlich war - ihren Anteil an öffentlicher Anerkennung und angemessener Förderung.Für Albert Mangelsdorff gab es keinen Bruch mit seiner Biografie als Musiker, als er 1994 zum künstlerischen Leiter des Berliner JazzFests berufen wurde. Von der Rauheit, mit der das hochsubventionierte Festival von der Berliner Presse manchmal angegangen wurde, fühlte er sich jedoch persönlich getroffen. Streit war seine Sache nicht, Solidarität zeigen hingegen wohl. So äußerte er erst unlängst noch öffentlich seine Scham über die Berliner Senatspolitik, weil dem renommierten Total Music Meeting die Förderung gestrichen wurde.Nach sechs Jahren JazzFest ging er unbeschädigt. Er wollte jenen Künstlern ein Forum bieten, die es "ernst meinen" und nicht erst an Ruhm, Dollars und Plattenverträge denken, bevor sie ihr Instrument zur Hand nehmen. Mangelsdorff wollte die Gemeinschaft der Unbestechlichen, der schöpferischen Künstler, die Gesellschaft der Standhaften präsentieren. Und eine Erfahrung seiner Generation ist es, dass Ehrlichkeit und Glitzer sich nicht gut vertragen. Vor allem wollte er nicht akzeptieren, dass Jazz keine Bewertungskriterien haben soll und alles womöglich nur eine Frage des je guten Geschmacks sei."Im großen und ganzen war es ganz einfach Befreiung," sagte Mangelsdorff über die Anfangsjahre, kurz nach dem Krieg. "Es gab natürlich auch welche im Jazz-Kontext, die mit dem Naziregime etwas zu tun gehabt hatten. Aber das waren die Ausnahmen. Unsere Erwartung hingegen, dass nun alles Jazz war, nachdem die Amerikaner übernommen hatten, das war es ja nun mal auch nicht." Seit 1947 war er ein Professioneller, doch Jazz wurde damals nur bei den afroamerikanischen Truppeneinheiten gespielt, während man bei den weißen die Tagesschlager aufführte: "Die schwarzen Clubchefs ließen uns spielen, was wir wollten. Als dann die sogenannte Rassenintegration kam, wurden die schwarzen durch weiße Clubchefs ersetzt, und wir waren dann eigentlich zunehmend auf das zivile Terrain angewiesen, wenn wir weiterhin Jazz spielen wollten. Später sagte man mal, das seien die goldenen Jahre des Nachkriegs-Jazz gewesen. Das betraf aber bestenfalls jene, die damals Oldtime-Jazz gespielt haben; uns Moderne, die Miles Davis und Lennie Tristano hörten, überhaupt nicht. Aber wir haben ja nicht nur für die schwarzen Amerikaner gespielt, sondern wir sind auch den ganzen Tag über mit ihnen in den Service-Clubs herumgehangen. Diese Erfahrungen haben uns natürlich geprägt."In den Fünfzigern kam dann die Wende, jetzt gab es auch für die Mangelsdorff-Connection endlich mal "Maloche für Geld". In jenen als Jazzclubs getarnten Bars wurde von abends um acht bis morgens um vier gespielt, unterbrochen lediglich durch zwei Pausen. Hier wurde Jazz nun zur harten Arbeit unter auf Dauer sehr ungesunden Verhältnissen, "Dinge, die sich halt nur machen lassen, wenn man ordentlich einen dazu schluckt. Und so haben sich einige unserer Kollegen damals ziemlich kaputtgemacht. Als dann der Frankfurter Jazzkeller aufmachte, hatten wir den ersten richtigen Jazzmusikertreff, aber wer da spielte, bekam nichts. Da wurde nur fürs Bier gespielt."Doch so wichtig die außermusikalischen Bedingungen in der Gründerzeit des deutschen Nachkriegsjazz auch gewesen sein mögen, festlegen lassen wollte Mangelsdorff sich darauf nicht. Jazz sei vor allem eine sehr individuelle Musik, sagte er. "Ein Musiker ist zeitlebens in einer Art von Aufbruchsstimmung. Neue Wege, neue Ausdrucksmöglichkeiten suchen - das ist seine Sache. Ob Musiker darüber hinaus in ihrem Umfeld eine Aufbruchstimmung erzeugen können? Sie hat stattgefunden nach Ende des Krieges und in den sechziger Jahren, als der Free Jazz aufkam. Aber sie ist keine unerlässliche Komponente des Jazz."Albert Mangelsdorff, der große Erfinder des deutschen Nachkriegsjazz, ist am Montag nach langer schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Frankfurt gestorben.------------------------------Streit war seine Sache nicht. Albert Mangelsdorff ging es immer um Solidarität.------------------------------Foto: Albert Mangelsdorff (5. September 1928 - 25. Juli 2005)