blz_logo12,9

Der Kaufmann Horst Rahe hat in Rostock nicht nur die Deutsche Seereederei wieder flott gemacht: Im Osten auf großer Fahrt

ROSTOCK, im Mai. Horst Rahe ist kein Mann, der nichts mit sich anzufangen weiß. Der 65-Jährige hat drei Wohnorte, sechs Sekretärinnen und wohl noch mehr Arbeitsstellen. Rahe findet, dass das eine konsequente Fortsetzung für sein Leben im selbstgewählten Schnelldurchlauf ist. Schon nach acht Semestern hatte der Sohn eines Diplomingenieurs aus Hannover sein Studium der Betriebswirtschaftslehre beendet. Mit 27 Jahren saß er im Vorstand einer Immobilienfirma. Kurz darauf wechselte er nach Hamburg, machte sich mit Schiffsbeteiligungen selbstständig und kaufte per Handschlag sein ersten vier Schiffe.Auf gepackten KoffernAls Reeder ist Rahe - privat wie geschäftlich - in Hamburg geblieben. Und doch sitzt er ständig auf gepackten Koffern: heute Hamburg, morgen Rostock und übermorgen Schweiz. Überall lebt und arbeitet Rahe seit vielen Jahren. Seine Terminkalender seien randvoll, sagen seine Sekretärinnen. Er bestehe förmlich darauf, und eine Veränderung dieses Zustands sei nicht in Sicht. Rahe sagt, es sei wohl seine Sucht, das Leben in Zeitnot zu genießen. Als Kaufmann aber geht ihm Sorgfalt vor Eile. Jedes Geschäft müsse sich rechnen, da sei er als Unternehmer geradezu "altmodisch".Einmal freilich seien ihm dennoch Zweifel gekommen, ob er nicht gegen diesen für ihn heiligen Grundsatz verstoßen habe. Die Geschichte fing an, als er im Februar 1992 zufällig mit einem Treuhandmanager im Flugzeug zusammentraf. Der Mann suchte händeringend einen Käufer für die Deutsche Seereederei (DSR) - der ostdeutschen Staatslinie, die zu DDR-Zeiten mehr als 160 Schiffe hielt und 14 500 Menschen beschäftigte. Ein Reederei-Koloss, der in der aufziehenden Marktwirtschaft schnell in schwere See geriet, weil er staatlich ungeschützt keine Chance mehr auf den Märkten hatte. Die Flotte müsse verschrottet werden, forderte die westdeutsche Konkurrenz. Sie hatte zu jener Zeit genug mit eigenen Überkapazitäten zu kämpfen.Rahe vermag heute nicht mehr genau zu sagen, warum er dennoch im Frühjahr 1993 ein Kauf-Angebot per Fax nach Berlin schickte. Als Kaufmann war er an der hochdefizitären Reederei nicht interessiert, zumal auch sein damaliger Kompagnon Nikolaus W. Schües abwinkte. "Von 100 Punkten sprachen lediglich zwei Punkte dafür, an eine Übernahme überhaupt nur zu denken", erklärt Rahe. Das seien die qualifizierten Beschäftigten und das Randgeschäft der DSR gewesen. Die Staatsreederei hatte sich vor der Wende auch mit Touristik beschäftigt und für Kreuzfahrten das "Traumschiff Arkona" in Dienst gestellt - ein zunehmend boomendes Geschäft.Seine geschäftlich trainierten Instinkte rieten Rahe zwar "Finger weg!" von der DSR. Doch die Treuhandanstalt reagierte prompt auf sein Fax, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Schon im Juni unterschrieb Rahe den Kaufvertrag. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt", so der neue DSR-Eigner, "gab es keine Rückfahrkarte aus Rostock mehr." Rahes und Schües' Konzept sah vor, die traditionellen Sparten Schifffahrt, Kreuzschifffahrt und Immobilien auszubauen und neue Geschäftsfelder im Dienstleistungsbereich dazu zu schaffen. Zudem hatten sie sich verpflichtet, über 2 200 der beim Kauf noch vorhandenen 3 000 Stellen zu erhalten und rund drei Milliarden Mark (rund 1,53 Milliarden Euro) zu investieren.Das war nicht so leicht. "Wir haben bis Ende 1997 mindestens 250 Millionen Mark Verluste im Jahr gemacht", erklärt Rahe. "Am 1. Januar 1998 hatten wir gerade noch fünf Millionen Mark Eigenkapital und damit schon die Pleite vor Augen." Doch Ende des gleichen Jahres verbuchte die von Altlasten befreite und neu aufgestellte DSR ihren ersten Gewinn. Das Blatt war gewendet und Rahe fühlte sich als Unternehmer wie als Privatmann in Rostock angekommen. Kurz darauf trennte er sich einvernehmlich von seinem Kompagnon Schües, der die Frachtschifffahrt behielt."Rostock und die DSR", sagt Rahe heute, "sind mein eigentlicher Lebensmittelpunkt geworden." Gewiss, so reden Leute, die sich auf solcherart "Verstrickungen" einlassen. Dabei ist Rahe - der mittlerweile mit den äußeren Insignien eines Honorarkonsuls und Senators ehrenhalber versehen ist und selbst eine gemeinnützige Stiftung unterhält - sicher ein Patriarch. Zugleich aber ist er auch ein disziplinierter und stiller Teamarbeiter. Die "lange Leine" für die Chefs der Tochterunternehmen sowie deren Eigenverantwortung sind auch in seinem Falle eines der Erfolgsgeheimnisse der für Außenstehende bisweilen unüberschaubaren Rahe-Unternehmung in Rostock, oder sagen wir gleich im ganzen Osten.Er selbst, kokettiert Rahe, wisse schon nicht mehr genau, wie viel Firmen er in Ostdeutschland und überhaupt besitze. Sicher sei nur, die Seereederei sei immer noch seine wichtigste Holding. Unter ihr stehen aktuell aber nun schon sechs selbstständige Tochtergesellschaften, die wiederum für knapp 20 Geschäftsbereiche mit diversen Firmen verantwortlich zeichnen.Hotels, Urlaubsorte, ein Zentrum für präventive Medizin, Immobilien- plus Projektentwicklungsgesellschaften, ein ganzer Pool von Finanzfirmen, maritime Produktion und natürlich das Reedereigeschäft - Rahes Firmenkonglomerat ist anno 2004 geradezu stürmisch gewachsen. "Den Umsatz haben wir im letzten Jahr um fast 100 Prozent auf über 400 Millionen Euro gesteigert", sagt Rahe. Und auch Eigenkapital und Rendite stimmten jetzt wieder.Ein Paradies auf Zeit hat er für seine Hotel- und Wellness-Gäste in seinen ostdeutschen Häusern und Urlaubsorten geschaffen. Mit dem Einstieg in die Flussschifffahrt, die er inzwischen mit sechs luxuriösen "Dampfern" der A-Rosa-Flotte betreibt, will er sich nun verstärkt der älteren, aber zahlungskräftigen Generation zuwenden. Genau darauf zielen auch seine Aktivitäten auf dem schnell wachsenden Gesundheitsmarkt ab.Visionen für den Ostsee-RaumRahe selbst fühlt sich mit Mitte sechzig topfit. Ganz Mecklenburg-Vorpommern würde er am liebsten unter seine unternehmerischen Fittiche nehmen. Das Land habe nicht nur das Zeug zur Nummer eins im deutschen Tourismus, sondern durch seine Nähe zum dynamisch wachsenden baltischen Raum auch große wirtschaftliche Chancen, sagt Rahe und rutscht fast aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. Ein abgenutztes Wort kommt einem bei diesem Bild in den Sinn. Aber es scheint zu stimmen: Für Rahe gibt es viel Gutes, und er tut es ...------------------------------Foto: Ein Mann mit randvollem Terminkalender: Reeder Horst Rahe vor dem frisch getauften Flusskreuzer aus der A-Rosa-Flotte.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?