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Der Pop-Künstler Gottfried Helnwein und sein merkwürdiges Verhältnis zur Scientology-Sekte: Die Hand, die ihn füttert

Schwarze Hippiemähne, Stirnband und Sonnenbrille - das ist der exzentrische Gottfried Helnwein. Der einstige Schockmaler aus Wien ist inzwischen arriviert und hat große Ausstellungen. Doch seit zwei Monaten agieren Helnwein und seine Freunde vor allem in den Medien. Sie erzählen von einer fast unglaublichen Rufmordkampagne: Verschwörer wollten den Maler vernichten; deshalb verleumdeten sie ihn als "Oberpriester" der Scientology-Sekte. Die Folge: Galeristen zögen sich zurück, Ausstellungen würden abgesagt. Sind das Hirngespinste, oder hat der Künstler wirklich mächtige Feinde?Der wahre Hintergrund der Affäre hat nichts mit Gerüchten zu tun, sondern mit einem Gerichtsurteil, das erst jetzt bekannt wurde. Doch über dessen Inhalt wollte der Künstler nicht so gern reden, als er letzte Woche bei "Boulevard Bio" Platz nahm; Thema: "Geächtet und ausgegrenzt". Da erzählte er lieber wieder die Geschichte seiner Verfolgung. Weil er in seiner Jugend neben Yoga auch ein paar Scientology-Kurse besucht habe, werde er nun von "Sektenjägern" gehetzt, die ihn als Scientologen "enttarnen" wollten. Seine Burg in der Nähe von Köln, so behaupteten seine Gegner, sei "gar kein Atelier, sondern ein Tarn-Atelier", er selbst würde Menschen per "Gehirnwäsche" in die Sekte holen.Dem treuherzigen Alfred Biolek versicherte Helnwein, Unbekannte hätten sogar bei ihm eingebrochen; später seien Sammler vor ihm gewarnt worden. Als Hintermänner der "Kampagne" vermutet er hysterische Pfarrer, die in ihren Kirchlein säßen und auf "späte Rache" für seine blasphemischen Bilder und seine Kritik am Katholizismus sännen. So entstehe ein Klima, "das mich lieber ins Ausland gehen läßt", sagte Helnwein. Danach erschien die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer und nannte den Künstler ein "edles Wild", das geschlachtet werde, weil seine Kunst so provokativ sei.Helnweins Geschichten hatten zuvor schon Spiegel-TV und die Süddeutsche Zeitung kolportiert. Für Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, sind die Aussagen jedoch "absoluter Unsinn". Caberta sagt: "Helnwein wird nicht verfolgt. Wir stellen nur kritische Fragen." Anlässe dafür gibt es zuhauf. Fast keine der Erzählungen des Malers hält einer kritischen Überprüfung stand. Gottfried Helnwein, der nie Scientologe gewesen sein will, war in Wahrheit 20 Jahre lang der wichtigste Werbeträger der Sekte in Deutschland. Immer wieder wurde er in Scientology-Publikationen abgebildet und zitiert. "Scientology hat bei mir eine Bewußtseinsexplosion ausgelöst", sagte er schon 1975 in der Sektenpostille "College". Als der Scientology-Guru L. Ron Hubbard 1986 starb, kondolierte der Maler mit anderen in einer FAZ-Anzeige: "Hubbard hat nicht nur Künstler inspiriert, sondern auch das Leben vieler Menschen bereichert."Helnwein-Bilder schmückten sogar die Titel scientologischer Publikationen; das Sekten-Blatt "Source" listete ihn und seine Frau jahrelang als Kursteilnehmer auf. 1990 verkündete Helnwein in der Broschüre "L. Ron Hubbard - Der Autor und sein Werk": "Scientology ist der größte Durchbruch in der Geschichte der Erforschung menschlichen Denkens und Verhaltens." Wenn es je einen deutschen Scientology-Prominenten gab, dann Gottfried Helnwein.Auch ehemalige Scientologen haben den Maler als Sekten-Genossen in Erinnerung. Doch merkwürdig: Seit etwa 1991 gibt der Künstler in der Öffentlichkeit das Stück: "Bin ich's oder bin ich's nicht?" Er behauptete plötzlich, und auch wieder bei Biolek, all die Veröffentlichungen seien "ohne sein Wissen" passiert; er habe der Scientology jetzt schriftlich untersagt, ihn zu zitieren. "Über 20 Jahre will er davon nichts gemerkt haben - wer soll das denn glauben?" wundert sich der Bonner Sektenexperte Ingo Heinemann. Eine Nachfrage der Berliner Zeitung bei Scientology förderte Erstaunliches zutage. Deren Sprecher Franz Riedl sagte: "Die Broschüren liegen bei uns in Stapeln herum, und zack, werden sie wieder verteilt." Wie das, wenn es gerichtlich untersagt wurde?Weil Helnwein jedoch nicht einen Beweis dafür bringen konnte, daß er die Sekte wirklich abgemahnt hatte, erlebte er im Juni vor Gericht sein Waterloo - und das ist wohl auch der Grund, warum er so stark in die Medien drängt. Helnwein war gegen eine Kritikerin vorgegangen, die ihn als Scientologen bezeichnet hatte. Doch das Oberlandesgericht Frankfurt am Main urteilte letztinstanzlich: "Diese Behauptung ist wahr, denn Gottfried Helnwein ist Scientologe. Er bekennt sich jedenfalls zu dieser Organisation. Dies ergibt sich aus zahlreichen Umständen." Das Verfahren förderte auch ein Scientology-Schreiben von 1992 zutage, wonach der Maler eine Lithographie "zum Zwecke der Unterstützung von Narconon und OSA" auf den Markt bringen wolle - das eine ist eine scientologische Tarnorganisation, das andere der sekteneigene Geheimdienst. Helnwein räumte vor Gericht zwar ein, die Aktion unterstützt zu haben - aber das Geld, so sagte er spitzfindig, sei nur für Narconon bestimmt gewesen. Wofür andere Gelder bestimmt waren, versuchen zur Zeit die Steuerfahnder in Koblenz herauszufinden, die im Frühjahr das Malerdomizil Burg Brohl durchsuchten und dabei - wie jetzt durchsickerte - auf brisante Dokumente gestoßen sein sollen. Der Schlüssel zur Affäre Helnwein?Sicher ist: Wer bei Recherchen auf besserverdienende Scientologen stößt, stellt oft fest, daß sie auch Helnwein-Bilder kaufen. Zeugen berichten, daß der Künstler 1993/94 in Leipzig auftauchte, um Hubbard-Jünger zu besuchen, die dort neben Immobilien auch seine Bilder sammeln. Die Gemälde seien "das beste, was die Gegenwart zu bieten hat", urteilte der Millionär und Scientologe Klaus Kempe aus Düsseldorf in einem Buch. Und der Münchner Scientologe Kurt Fliegerbauer, der in Zwickau mehr als 160 Mietshäuser gekauft hat, besitzt auch teure Helnwein-Werke. Scientologen sind offenbar gute Kunden: Man beißt eben nicht in die Hand, die einen füttert. +++