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Der querschnittsgelähmte Niels Grunenberg schwimmt in Berlin um die WM-Norm: Eine Frage des Charakters

BERLIN. Niels Grunenberg ist ausgelaugt, er hat zwei Stunden hartes Training hinter sich. Der Schwimmer hebt sich unter Anstrengung aus dem Wasser, setzt sich an den Beckenrand und verweilt dort einen Moment. Dann zieht sich der robuste Grunenberg mit ein paar Griffen aus eigener Kraft in seinen Rollstuhl. Der Berliner ist querschnittsgelähmt, vom oberen Bauch an abwärts. Im Behinderten-Schwimmen ist er ein Spitzenathlet, ab heute will er sich in seiner Heimatstadt bei den 24. Internationalen deutschen Meisterschaften wieder beweisen.In den letzten Wochen bereitete sich Grunenberg, 35, mit seinen Trainern Matthias Ulm und Maik Zeh intensiv auf die Wettkämpfe vor. Bei den Meisterschaften muss Grunenberg über 100 Meter Brust die wichtige Norm von 1:40,47 Minuten schaffen, um sich für die WM in Eindhoven im August zu qualifizieren. "Erfülle ich die Norm, sollte es bei den deutschen Meisterschaften zu einer Medaille reichen", sagt Grunenberg, dessen Leben sich vor 14 Jahren nach einem Mountainbikeunfall und der damit verbundenen Querschnittslähmung abrupt änderte. Vor dem Unfall studierte er Bauingenieurswesen, war Kajakfahrer. "Nach dem Vorfall brauchte ich einige Zeit, um das zu verdauen", sagt Grunenberg. Doch der sportliche Ehrgeiz kam zurück, 2001 begann er unter Bundestrainer Ulm mit dem Schwimmtraining.Rückschlag nach den Paralympics"Der Sport ist wichtig für Niels, er kann viel Selbstbewusstsein daraus schöpfen", sagt Ulm über seinen Schützling. "Niels ist sehr motiviert und zielstrebig." In manchen Situationen vielleicht einen Tick zu motiviert. So wie kurz nach den Paralympics 2008. "Niels wollte keine richtige Pause machen, er fühlte sich gut. Doch so hat er überzogen", erinnert sich Ulm. Beim Training belastet Grunenberg einen Nerv, der die Schulter- und Armmuskeln kontrolliert und das Schulterblatt heranzieht, zu sehr. Die Lähmung dieses Nervs war die Folge, er konnte seinen rechten Arm kaum bewegen. Dies war ihm als Jugendlicher schon einmal passiert. Jahre vor seiner Querschnittslähmung schlief Grunenberg eines Tages auf einem Holzlehnstuhl ein, die Lehne drückte genau auf den Nerv. Es dauerte einige Zeit, bis er seinen Arm wieder voll belasten konnte.Als die Verletzung nach den Paralympics erneut aufbrach, konnte Grunenberg eineinhalb Jahre nur Kraftübungen und dosiertes Schwimmtraining absolvieren. Seit sechs Monaten sind wieder normale Trainingseinheiten möglich, erst jetzt erreicht der Athlet wieder langsam das Niveau von Peking, wo er über 100 Meter Brust Vierter wurde. Grunenberg selbst sieht die langwierige Verletzung nüchtern. "Wie man mit solchen Dingen umgeht, hat nichts mit der Behinderung zu tun. Es geht einzig um den Charakter eines Menschen", sagt er. "Für jemanden, der sich mit 21 das Rückgrat bricht, ist so eine Verletzung eine Lappalie." Solang er seine Leistung abrufen und mithalten kann, will Niels Grunenberg weiterschwimmen. "Zuallererst wegen der Gesundheit", sagt er. "Aber ich will nicht leugnen, dass ich auch wegen Ruhm und Ehre antrete. Es ist ein wunderbares Gefühl zu siegen."------------------------------Foto: Kräftiger Kerl: Grunenberg trainiert auch an Land für seine Wettkämpfe.