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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Der Rechtsmediziner Michael Tsokos hat in der Präparatesammlung der Charité einen Frauenkörper entdeckt, der die tote Rosa Luxemburg sein könnte. Ein Gespräch über menschliche Schicksale, unentde: Haben Sie noch mehr Leichen im Keller, Herr Professor?

Herr Tsokos, wie hat Ihr Arbeitstag heute begonnen?Um acht Uhr im Obduktionssaal. Mit zwei ganz faulen Wohnungsleichen.Wohnungsleichen?Der eine war ein Mann, der das letzte Mal vor 14 Tagen gesehen wurde. Der Nachbar hatte einen strengen Geruch wahrgenommen und die Polizei verständigt. Die ist mit dem Hausmeister in die Wohnung und dort lag er tot im Wohnzimmer auf der Couch. Er war schon fäulnisverändert, also Fäulnisflüssigkeit lief aus Mund und Nase. Er stammte aus dem Trinkermilieu und hatte jede Menge Bekanntschaften, die bei ihm ein- und ausgingen. Da wird vorsichtshalber eine Obduktion durchgeführt, um ein Verbrechen auszuschließen. Der zweite Mann, auch aus dem Trinkermilieu, lag acht Tage in seiner Wohnung. Ein Freund hatte ihn gefunden.An einem Tag zwei faule Leichen, ist das für Sie Alltag oder eher die Ausnahme?Es gibt in Berlin eine Menge faule Leichen, wir haben hier jeden Tag zwei bis drei. Einer hat mal fast fünf Jahre in einer Wohnung gelegen. In dieser Stadt leben sehr viele Menschen sozial isoliert und vereinsamt. Sie sterben in ihrer Wohnung, nach denen guckt keiner. Erst wenn es streng riecht, kommt jemand.Sie haben erst kürzlich eine Wasserleiche untersucht, die Ähnlichkeit mit der 1919 ermordeten KPD-Führerin Rosa Luxemburg hat. Warum ist die in Ihrem Institut früher niemandem aufgefallen?Die Leiche gehört seit Jahrzehnten zur Präparatesammlung in der Hannoverschen Straße. Dort gab es einen nicht öffentlichen Schaugang. Das heißt, Studenten und Ärzte konnten sich die Präparate zu Ausbildungszwecken ansehen. Mit der Herkunft der Leiche, der Kopf, Füße und Hände fehlten, hatte sich aber offensichtlich keiner weiter beschäftigt, jedenfalls ist mir nichts dazu bekannt.Und warum haben Sie das jetzt getan?Es war eher ein Zufall. Ich habe die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" im Medizinhistorischen Museum vorbereitet und mir deshalb sämtliche Sammlungsstücke angesehen. Bei der Leiche habe ich mich gefragt, wer ist das eigentlich, weil es keine Nummer, keinen Namen, keine zeitliche Zuordnung gab. Hinzu kommt, dass unter Mitarbeitern seit Langem Gerüchte kursieren, wonach die Leiche von Rosa Luxemburg nie das Institut verlassen hat. Wir haben dann festgestellt, die Größe der Leiche passt tatsächlich zur Größe und den körperlichen Proportionen von Rosa Luxemburg. Die Tote hat ein verkürztes Bein und einen Hüftschaden wie die Luxemburg. Untersuchungen mit einem Computertomografen ergaben, dass die Frau ein Alter von 40 bis 50 Jahren hatte. Laut einer Altersbestimmungsmethode könnte sie vor etwa 90 Jahren gestorben sein. 2007 gelang es unserer Abteilung für Forensische Genetik, verwertbare Teile ihres DNA-Profils zu entschlüsseln, das war bis dahin nicht möglich gewesen. Um ganz sicher zu sein, bräuchte ich für einen Abgleich aber jetzt DNA-Material von Rosa Luxemburg.Wo wollen Sie das hernehmen?Rosa Luxemburg war Botanikerin. Sie soll ihre Pflanzensammlung in 16 Heften dokumentiert haben. Möglicherweise fände sich etwas von den Unterlagen im Archiv Akt Nowych, das sich in Warschau befindet. Oder ihr lange verschollen geglaubtes Herbarium taucht doch noch auf. Vielleicht gibt es aber auch jemanden, der einen Hut oder Ähnliches von ihr hat. Es reichen kleinste Mengen an organischem Material wie Hautschuppen oder Haare. Aber auch weibliche Verwandte könnten mit ihrer DNA bei der Aufklärung helfen.Haben sich schon Leute bei Ihnen gemeldet?Ja, aber die konnten bisher noch kein Material zur Verfügung stellen, die haben eher Hinweise gegeben auf angebliche Nachfahren. So tauchen plötzlich auch noch angebliche Verwandte von Rosa Luxemburg auf, von denen bisher nie die Rede war.Was liegt im Keller Ihres Institutes denn noch so herum?Die Wasserleiche ist die einzige Leiche in der Sammlung. Sonst gibt es natürlich noch andere Exponate. Aber da ist nichts dabei, wo ich denke, dass da noch was aufzustöbern ist.Was tun Sie, wenn Sie einen Toten sehen?Ich denke nicht: Oh, das war eine hübsche Frau. Oder: Mann, der ist schlecht rasiert. Ich mache mich einfach an die Arbeit. Erkenne ich mit dem ersten Blick schon irgendwas, woran er gestorben sein könnte? Dann schaue ich in die Augenbindehäute. Wenn dort punktförmige Einblutungen sind, kann das ein Hinweis auf Ersticken sein. Oder ich sehe nach den Totenflecken. Wenn er keine hat, weiß ich schon mal, dass er sehr wahrscheinlich verblutet ist.Wie lange dauert eine Obduktion?Im Durchschnitt zwei Stunden.In anderen Bundesländern schneiden Rechtsmediziner die Frauen U-förmig und die Männer Y-förmig auf. In Berlin werden Leichen längst aufgeschnitten. Warum?Ja, da gibt es regionale Unterschiede. U- und Y-Schnitte werden wegen des Totenhemdes gemacht, damit die Angehörigen Abschied nehmen können, ohne die Schnitte zu sehen. Aber in Berlin werden die meisten Leichen nicht aufgebahrt. Wer nimmt denn hier noch so Abschied? Wir machen diese Schnitte jedoch, wenn der Bestatter anruft und vorher darum bittet.Wie nehmen Sie die Menschen im Alltag wahr? Stellen Sie sich manchmal vor, wie sie von innen aussehen?Da denk ich gar nicht dran. Also, wenn ich mich jetzt mit Ihnen unterhalte, dann stelle ich mir nicht vor, wie Sie beide auf dem Tisch aussehen würden.Können Sie an einer Leiche ein Schicksal ablesen?Man kann sich ein relatives Bild von den Lebensumständen machen. Wenn jemand am ganzen Körper laienhaft tätowiert ist, hat er meist im Knast gesessen. Man sieht auch, wenn jemand ungepflegt ist, noch Läuse hat oder Alkoholiker war. Wenn der kurz vor seinem Tod noch getrunken hat, dann riecht das ordentlich nach Sprit.Und die Raucher erkennen Sie an der schwarzen Raucherlunge ...Es gibt keine Raucherlunge. Die Lunge von einem, der 20, 30 Jahre lang geraucht hat, sieht genau so aus wie von einem, der sein Leben lang an der Autobahn oder in Berlin gewohnt hat. Einen Raucher erkennen Sie, wenn, dann an seinen gelben Nikotinfingern.Rauchen Sie?Ja. Ich habe damit in Berlin wieder angefangen. Alles um mich herum hat geraucht. Ob das nun ein Laster oder ein Genuss ist? Es ist einfach da.Die Ausstellung "Körperwelten" von Gunther von Hagens zeigt eine Raucherlunge.Das ist Blödsinn, ziemlicher Nepp und Kohlemacherei. Von Hagens kommt in keiner Weise dem Anspruch nach, Anatomie zu vermitteln. Ich frage mich auch, wo er die Exponate genau her hat. Da sind fünf, sechs dabei, die hätte ich als Medizinstudent gern gesehen. Aber ich glaube nicht, dass die dem Normalbesucher was sagen.Merken Sie sich Namen von Toten?Namen spielen nie eine Rolle. Prominente merkt man sich vielleicht, wie Thomas Dörflein oder Kurt Demmler. Aber Gesichter überhaupt nicht. Jedoch werde ich Kinder wie Jessica und Volkan nie vergessen. Ich habe beide obduziert, da war ich noch in Hamburg. Da bin ich an die Grenzen meiner Vorstellungskraft gekommen.Die siebenjährige Jessica ist verhungert ...Das Mädchen hatte mit seinen sieben Jahren das Knochenalter einer Dreieinhalbjährigen und das Körpergewicht einer Zweieinhalbjährigen. In ihrem Magen habe ich Mörtel gefunden, den sie vor Hunger aus der Wand gekratzt hat.... und der sechsjährige Volkan wurde von zwei Kampfhunden zerfleischt.Der arme kleine Junge wurde zehn Minuten lang in Todesangst von den Hunden über den Schulhof gehetzt, keiner konnte ihm helfen. Ich habe auch die beiden Hunde obduziert. Es sollte geklärt werden, ob sie durch Anabolika oder Kokain scharf gemacht wurden. Ich habe aus dem Magen eines Hundes das komplette Gesicht des Kindes geholt. Der Hund hatte eine extrem gut ausgebildete Muskulatur und abgeschliffene Zähne, der war trainiert.Konnten Sie dann gleich weiter obduzieren?Ja. Das muss man auch können. Ich kann es mir nicht leisten, betroffen zu sein. Das würde meine Professionalität einschränken.Wie viele Leichen haben Sie schon gesehen?Bei meinen Einsätzen insgesamt bestimmt schon 80 000 bis 100 000.Und wie viele haben Sie obduziert?Etwa 10 000. Bei weiteren 14 000 Obduktionen war ich dabei.Wie oft bleibt bei einer Obduktion eine Todesursache ungeklärt?In ein bis zwei Prozent der Fälle. Meist liegt da eine innere Erkrankung vor. Zum Beispiel Herz-Rhythmus-Störungen. Die kann man weder durch chemische noch mikroskopische oder mikrobiologische Untersuchungen feststellen. Wir können dann nur sagen, äußere Einflüsse werden ausgeschlossen.Welcher Tod begegnet Ihnen am häufigsten?Spitzenreiter sind plötzliche Herztodesfälle. Es folgen die Suizide, auf jeden Mord kommen vielleicht acht Suizide - und zwei bis drei Verkehrsunfälle.Wann werden Sie als Rechtsmediziner eingeschaltet?Bei Verdacht auf einen nichtnatürlichen Tod und eine ungewisse Todesart. Bei allen Verkehrsunfällen, um später die Schuldfrage besser klären zu können. Immer auch bei Verdacht auf einen ärztlichen Kunstfehler. Gerade erst hatten wir eine junge Frau, die an einem frischen Herzinfarkt starb. Sie war aber erst vier Tage vorher wegen Brustschmerzen und Luftnot bei einem Arzt. Also wird geprüft, ob der Arzt bei der Diagnostik Fehler gemacht hat.Wie alt wurde diese Frau?Erst 48 Jahre. Für mich ist das jung, weil die anderen meist älter sind. Auf jeden Fall war sie zu jung zum Sterben.Glauben Sie an Gott?Ich glaube an christliche Nächstenliebe und an die Vermittlung von Werten, aber an Gott selber glaube ich nicht mehr, seit ich Rechtsmediziner bin.Das heißt, Sie haben mal an Gott geglaubt?Ja, ich war evangelisch und bin aus der Kirche ausgetreten. Weil ich einfach nicht mehr glauben konnte, dass da jemand ist, der zulässt, dass Kinder sterben, dass ein vierjähriges Mädchen ertrinkt oder aus dem Fenster fällt oder umgebracht wird.Warum sind Sie nicht lieber Arzt geworden?Ich bin Arzt, also bitte! Eigentlich wollte ich erst Unfallchirurg werden, weil mich Anatomie interessiert hat. Dann habe ich mehrere Praktika in Kiel in der Rechtsmedizin gemacht und war begeistert. Zu klären, warum jemand gestorben ist, ist spannend. Das macht sogar Spaß.Auch wenn ein Kind vor Ihnen liegt?Das hat für mich als Vater eine andere Dimension. Wenn ein Kind stirbt, ob Unfall oder Tötungsdelikt, dann ist eigentlich immer ein Erwachsener Schuld. Denn ein Kind weiß nicht, was gefährlich ist.Mehr als 30 Menschen nehmen sich pro Tag in Deutschland das Leben. Bringen sich Männer anders um als Frauen?Männer sind kreativer und wählen harte Methoden. Wir reden da oft von berufsbezogenen Tötungen. Da ist einer Elektrotechniker, der bringt sich mit Strom um, ein Tiefbauer sprengt sich in die Luft, ein Automechaniker steckt seinen Kopf in eine Winde, ein Arzt spritzt sich Insulin. Frauen nehmen häufig Schlaftabletten. Und sie machen sich vorher schön und schminken sich. Die finden sie nie in ollen Klamotten, sogar die Wohnungen sind aufgeräumt.Sind Sie erleichtert, wenn Sie eine natürliche Todesursache feststellen?Das ist für meine Arbeit unerheblich.Gibt es den perfekten Mord?Es gibt sogar mehrere perfekte Mordmethoden. Das fängt damit an, dass Sie erst gar keine Leiche haben. Dann ist es schwer nachzuweisen, dass die Person überhaupt tot ist, oder woran sie gestorben ist. Es gibt auch bestimmte Methoden, die sehr spurenarm ablaufen, da kann ich natürlich nicht näher darauf eingehen. Und nicht zuletzt gibt es die Möglichkeit, dass der leichenschauende Arzt getäuscht wird.Einen Profi täuschen - wie geht das?Da kommt der Hausarzt und die Familie sitzt zusammen. Da gibt es nicht immer eine richtige Leichenschau. Mitunter genügt es, den Eindruck zu erwecken, der Verstorbene sei ohnehin herzkrank gewesen. Wenn dann äußerlich nichts auffällig ist - und trotz einer Gewalt gegen den Hals einfach nur der Kragen hoch geschlossen wurde - geht der Fall auch nicht an die Polizei. Die Familie des Verstorbenen soll ja möglichst weiter zu dem Arzt in die Praxis kommen. Zweifel würden da stören.Geraten Ärzte manchmal unter Druck, einen natürlichen Tod zu bescheinigen?Es gab wohl schon Polizisten, die einen Fall nicht wollten, weil sie noch 30 andere Akten liegen hatten und die Ärzte dann massiv bedrängten. Natürlich darf sich ein Arzt davon nicht beeindrucken lassen. Doch ich habe selbst erlebt, dass ein Totenschein weggeschmissen wurde, weil er nicht genehm war. Dann wurde ein zweiter Arzt bestellt, der bereit war, einen natürlichen Tod zu bescheinigen. Diese Vertuschungen sind Straftaten. Aber Einzelfälle.Bekannt wurde der Fall einer Ärztin, die einen natürlichen Tod bescheinigte, obwohl das Opfer Stichwunden am Rücken hatte.Sie hat den Leichnam nicht umgedreht. Mir erzählten auch schon Angehörige, dass der Arzt nur durch die Tür geguckt hätte. Ich kenne sogar Berichte, da hat jemand am Telefon die Leichenschau gemacht - und anschließend die Rechnung gestellt.Viele Experten schätzen, dass mindestens jeder zweite Mord unentdeckt bleibt.Mord ist eine juristische Definition. Ich spreche eher von Tötungsdelikten. Ich glaube nicht nur, dass jede zweite Tötung unentdeckt bleibt, sondern bin sogar der Meinung, dass nur jede vierte Tötung überhaupt entdeckt wird.Dann laufen viele Mörder noch frei herum?Ja. Das sind aber keine Serienmörder. Es geht um Einmalmörder, die im Affekt die Großtante erdrosselt oder dem Opa ein Kissen aufs Gesicht gehalten haben. Oder sich nach einer Zechtour mit einem Kumpel geprügelt haben und ihn liegen ließen.Wo fallen Morde am wenigsten auf?In Alten- und Pflegeheimen. Dort werden oft einfach zu viele Beruhigungsmittel gegeben, weil die Pfleger überlastet sind. Da wird, ohne Absicht, eine zu hohe Dosis verabreicht. Das ist nicht gleich Mord, aber doch Körperverletzung mit Todesfolge.Sehen Sie an einem Verstorbenen, in welchem Zustand das Pflegeheim ist?Nein, das kann ich eben nicht. Wir haben mal in Hamburg eine große Studie mit über 10 000 Verstorbenen gemacht. Wir wollten die aus den Heimen und Krankenhäusern mit denen vergleichen, die zu Hause gestorben sind. Über die Hälfte aller Toten, die aus dem Pflegeheim kamen, hatten vom langen Liegen auf ein- und derselben Stelle ein Dekubitus-Druckgeschwür. Aber das sagte nichts aus, denn viele sind erst kurz vorher ins Pflegeheim gekommen und dort nur gestorben. Da müsste man jedes Einzelschicksal nachfragen.Dann ist es reiner Zufall, wenn Tötungsverbrechen in Alten- und Pflegeheimen entdeckt werden?Ja, das ist es leider meistens. Das liegt vor allem an der qualitativ absolut schlechten Leichenschau, hier in Deutschland.Was müsste sich generell ändern?Es gibt zu wenig Obduktionen. Es müssten professionelle Leichenbeschauer ausgebildet werden. Stattdessen werden überall Stellen gekürzt. Ausbildung und Weiterbildung kostet Geld. Für Tote ist nie viel Geld da. Um viel näher an der Wirklichkeit dran zu sein, müsste es doppelt so viele Ermittlungsverfahren geben, also auch mehr Polizeibeamte und Staatsanwälte. Und Rechtsmediziner - von denen gibt es in Deutschland nur 250. Die Justizministerkonferenz hat das gerade erst wieder eingefordert. Auch die Bundesärztekammer und der Bund der Kriminalbeamten kritisieren die deutschen Zustände. Durch eine bessere Leichenschau könnten nicht so viele Tötungsdelikte vertuscht werden.Aber das ist doch schon lange bekannt. Bereits 1983 wiesen Generalstaatsanwälte auf die Missstände bei der Leichenschau hin. Hat sich in all den Jahren nichts bewegt?Nein. Das wird einfach nicht organisiert. Die Folge, dass wir in der Statistik plötzlich doppelt so viele Tötungsdelikte hätten wie im Vorjahr, wäre ziemlich unpopulär. Das wäre gesellschaftlich beunruhigend. Davor scheuen sich die Politiker. Keiner will die scheinbare Verdopplung von Tötungsdelikten unter seiner Amtszeit verantworten. Dabei wäre das der einzige und genau richtige Ansatzpunkt. Es würde sich ja nicht die Kriminalitätsrate erhöhen, sondern nur die Entdeckungsrate.Auch bei natürlichen Todesursachen ist angeblich jeder zweite Totenschein falsch.Das stimmt. Sie können die Zahlen vom Statistischen Bundesamt vergessen. Da schreibt einer Herzinfarkt, natürlicher Tod. Das wird dann im Gesundheitsamt für die Statistik erfasst. Und irgendwann wird behauptet, dass die Zahl der Herz-Kreislauf-Todesfälle um fünf Prozent gestiegen sei. In Wirklichkeit heißt das aber nur, dass fünf Prozent mehr Herzinfarkte auf dem Totenschein angegeben wurden, ohne das durch eine Obduktion zu verifizieren. Diese amtliche Todesursachenstatistik ist Blödsinn. Immer wieder gibt es Studien, die die ausgestellten Todesursachen mit den Obduktionsergebnissen vergleichen. Immer wieder erweisen sich 50 Prozent der angegeben Todesursachen als falsch.Wie kommt das?Da steht zum Beispiel Herzinfarkt, dabei war es ein Schlaganfall. Oder ein diabetisches Koma, eine Lungenembolie oder eine Vergiftung. Jedenfalls kein Herzinfarkt. Das ist schlimm genug. Noch schlimmer ist, dass aus solchen völlig falschen Statistiken lauter Präventionsprogramme abgeleitet werden. Das ist alles verbranntes Geld. Kreislaufversagen und Herzstillstand sind Verlegenheitsdiagnosen und keine Todesursachen. Wenn Sie jemanden erschießen oder überfahren, versagt immer der Kreislauf und das Herz bleibt stehen.Gibt es bei Obduktionen auch Kunstfehler?Auch ein Rechtsmediziner kann irren. Das liegt, wie in allen Berufen, manchmal an der Tagesform und sehr oft an der Erfahrung.Nennen Sie ein Beispiel.Sehr bekannt ist der Fall mit dem Kälberstrick. Da bekam ein Mann 1955 für einen Mord an einer Frau lebenslange Haft. Der Gutachter wollte auf einer Amateurfotografie Strangulationsmerkmale am Hals der Frau erkannt haben. Die Verteidigung gab später ein Gegengutachten in Auftrag - dafür kam der angesehene Rechtsmediziner Otto Prokop aus der damaligen DDR. Prokop wies im Wiederaufnahmeverfahren nach, dass die Frau an einem Herztod starb und nicht erdrosselt wurde. 1969 kam der Mann frei, nach 14 Jahren Gefängnis.Die Bundesrepublik holte sich professionelle Hilfe aus der DDR?Das System der Rechtsmedizin in der DDR war sehr effektiv. Dort wurden 40 Prozent der Leichen obduziert, in der Bundesrepublik sind es bis heute nur zwischen zwei und drei Prozent. Natürlich habe ich auch von Gefälligkeitsgutachten gehört, etwa, wenn einer in DDR-Polizeigewahrsam starb. Prokop aber war ein absolut integrer, unabhängiger Mann. Das war der beste Rechtsmediziner, den es jemals gab. Deshalb gab es auch viele gute Rechtsmediziner in der DDR, weil die bei ihm eine Ausbildung bekommen hatten. Prokop ist leider am 20. Januar dieses Jahres gestorben. Wir machen für ihn am 8. Juni eine Trauerfeier. Um16 Uhr in der Hörsaalruine der Charité. Schreiben Sie das doch bitte.Sie sind 42 Jahre alt. Fürchten Sie sich eigentlich vorm Tod?Ich hoffe, dass ich noch vier Jahrzehnte habe. Dass ich eines Tages ins Bett gehe und sterbe, ohne lange Leidensgeschichte.Wie oft passiert so ein schneller Tod?Oft. Die wenigsten leiden jahrelang. Die meisten kriegen unerwartet ihren Herzinfarkt, der eine beim Schwimmen oder im Park, der andere im Sexkino oder auf der Bahnhofstoilette.Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit?Ich hab mal ein Computertomogramm von meinem Gehirn machen lassen, um zu gucken, ob ich ein Aneurysma hab - diese Wandveränderung von Blutgefäßen. Weil das eine häufige Todesursache ist bei Leuten von Anfang 40, die viel Stress haben. Dann war ich zur Untersuchung beim Kardiologen und habe bei einem Internisten eine Darmspiegelung machen lassen. Aber da war nichts. Ist alles ganz schick so weit. Ich gehe sonst überhaupt nicht zum Arzt.Wenn man täglich mit dem Tod konfrontiert wird, lebt man da anders? Bewusster?Eigentlich nicht. Ich fahre ein schnelles Auto, ich rauche. Gut, ich würde mich jetzt nicht mehr wie früher auf ein Motorrad setzen. Das ist eben etwas, was man selbst schlecht steuern kann. Motorradfahrer haben keinen Schutz wie Autofahrer, die kommen zu mir fast immer als Opfer. In Berlin würde ich auch nicht Fahrrad fahren. Auch mit meinen Kindern bin ich sehr umsichtig, wenn es zum Beispiel um Wasser geht. Meine Kinder tragen Schwimmwesten, wenn wir segeln oder angeln. Dann hab ich noch Riegel vor den Fenstern, einen Kochschurz vor dem Herd und Feuermelder in der Wohnung. Das sind ja alles Sachen, die ich bei meiner Arbeit sehe. Und wenn mir jemand ein Messer vor die Nase hält, würde ich ihm das Geld geben und nicht diskutieren. Ich würde auch nicht wegen eines Parkplatzes streiten.------------------------------Michael TsokosVor 42 Jahren wurde Michael Tsokos als Sohn einer Deutschen und eines Griechen in Kiel geboren. Er hat zwei Söhne, das dritte Kind ist unterwegs.Als Rechtsmediziner arbeitete er 1998 in Bosnien im Auftrag des Internationalen Kriegsverbrechertribunals der Uno und 1999 im Kosovo im Auftrag des BKA. 2004 war er nach dem Tsunami einer der ersten Rechtsmediziner vor Ort und half bei der Massenidentifizierung. Seit 2007 ist er Direktor der beiden Rechtsmedizinischen Institute in Berlin (Institut für Rechtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin).Sein Bestseller "Dem Tod auf der Spur" erschien im Frühjahr 2009 bei Ullstein - es ist sein erstes populärwissenschaftliches Buch, zuvor schrieb er sechs Fachbücher.Die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor", die Michael Tsokos mitgestaltet hat, ist bis zum 13. September (Di-So 10-17 und Mi/Sa 10-19 Uhr) im Medizinhistorischen Museum der Charité, in Berlin-Mitte, zu sehen.------------------------------Foto: Der Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos im Sektionssaal des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin, Berlin-Moabit