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Der Schauspieler Frank Giering wurde mit Michael Hanekes "Funny Games" bekannt. Am Mittwoch ist er im Alter von 38 Jahren gestorben: Ein schüchterner Rebell

In seinen Rollen verkörperte er häufig extreme Charaktere. Er selbst, sein Leben, schienen zumindest an der Oberfläche so gar nicht extrem zu sein. Erst im Alter von 29 Jahren war Frank Giering aus dem Kinderzimmer seiner Eltern in Magdeburg ausgezogen in eine eigene Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Die hatte ihm seine Agentur besorgt. Da war er längst schon ein bekannter Schauspieler.In Interviews gab er sich stets bescheiden, zurückhaltend, ja lebensscheu, auch zu schüchtern, um auf Frauen zuzugehen. Wenn man mit Menschen spricht, die ihn kannten, die mit ihm gedreht haben, berichten sie von einem klugen, überlegten Schauspieler und einem ungemein freundlichen, sensiblen und einfühlsamen Menschen - der seine mehrjährige Alkoholabhängigkeit schließlich überwinden konnte. Extrovertierte Attitüden waren ihm fremd, vielleicht ein Grund, warum er die Schauspielausbildung an der Filmhochschule "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg frühzeitig abgebrochen hat: "Da musste man nackt in Unterhosen die Geburt nachspielen oder mit einem Stuhl in den Raum der Erinnerung gehen und dort ,Hänschen Klein' singen. (...) Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich in die Psychiatrie eingeliefert wurde oder freiwillig dort bin", erzählte er in einem Interview Ende Februar dieses Jahres.Mitte der Neunzigerjahre spielte Frank Giering am Staatstheater Cottbus in der Inszenierung von "Das geheime Tagebuch des Adrian Mole" und wurde gleich für das Fernsehen entdeckt. Schon in seiner ersten TV-Hauptrolle "Der Verräter" wurde der österreichische Regisseur Michael Haneke ("Das weiße Band") auf ihn aufmerksam, der ihn 1997 als psychopathischen Killer in seinem Thriller "Funny Games" besetzte. Die Züge dieses Mörders sind sanft, und seine Stimme ist leise - zuvorkommend und ausgenommen höflich legte Giering die Figur an, die das Töten als perverses Spiel, als elitärste aller Sportarten betreibt und sich dazu stets weiße Handschuhe überstreift.Sport hat Frank Giering nach eigener Aussage privat nicht getrieben, abgesehen von Schach. Immer wieder hatte er unter Gewichtsschwankungen gelitten, die ihm in der Presse in Bezug auf seine Figur des Peter in "Funny Games" schon mal das Attribut des "Babyspeck-Psychopathen" einbrachten. Fast im gleichen Atemzug kam der Vergleich mit einem der Größten der Filmgeschichte: James Dean.Damit hatte Giering den Nachwuchsdarsteller praktisch ausgelassen und sich unmittelbar in die Riege der Charakterdarsteller katapultiert. Seine Rolle in Sebastian Schippers Kultfilm "Absolute Giganten" (1999) um die letzte Nacht dreier Freunde in Hamburg provozierte den Vergleich; und tatsächlich spielte Giering den Floyd, der seine besten Freunde in dieser Nacht vielleicht das letzte Mal sieht, mit der herzergreifenden Kraft eines wahren Rebellen, die Sehnsucht im Blick. In Christopher Roths "Baader" wütete er dann wieder, als Terrorist Andreas Baader. Als solcher beschimpfte er seine Frauen aufs Wüsteste und dozierte leidenschaftlich im RAF-Jargon. Und wieder ist es dieser seltsame Kontrast, der so gefangen nimmt: Die Weichheit seiner Züge, die harten Worte des Chauvinisten, das todessehnsüchtige Anrennen gegen alle Grenzen, eine unbestimmte Verletzlichkeit im Blick. Einen besseren Andreas Baader als ihn gibt es im Film bislang nicht, auch Moritz Bleibtreu konnte in "Der Baader Meinhof Komplex" diese Darstellung nicht übertreffen. Auf der Homepage seiner Agentur "Hübchen" wird der Schauspieler so vorgestellt: Größe 170 cm, Augenfarbe blau, geboren 1971, Haarfarbe mittelblond. Unter der Rubrik "Fähigkeiten", die bei Schauspielern häufig eine ganze Liste von Reiten über Klavier bis zu diversen Fremdsprachen versammelt, steht: sächsisch, magdeburgerisch. "Ich spreche so gut wie kein Englisch", erzählte Frank Giering ganz offen. "Ich könnte höchstens eine stumme Rolle annehmen. Es klingt bequem, aber den Ehrgeiz, die Sprache zu lernen, habe ich einfach nicht."Dies galt auch für den Umgang mit dem Computer, mit Internet: "Ich würde einen Laptop gerade einmal aufklappen können. Und das auch nur, weil ich das im Fernsehen gesehen habe." Als "hartnäckiges DDR-Überbleibsel" bezeichnete er sich, als "zurückgezogen und altmodisch". Einen Führerschein hatte er auch nicht.Die Welt war dem Menschen Frank Giering ein Stück weit fremd geblieben, vielleicht ist sie ihm ja auch immer fremder geworden. Zuletzt hatte er augenscheinlich stark abgenommen; er sagte dazu, er habe "Liebeskummer" gehabt. Als Schauspieler brauchte Frank Giering keine "Fähigkeiten". Er war einfach gut. Weitere Rollen übernahm Giering unter vielen anderen in Hans Steinbichlers alpiner Familientragödie "Hierankl" und in Romuald Karmakars Drama um eine Beziehungskrise "Die Nacht singt ihre Lieder". Einem breiten Fernsehpublikum ist er als introvertierter Ermittler an der Seite von Christian Berkel aus der ZDF-Serie "Der Kriminalist" bekannt geworden.Frank Giering starb am Mittwochabend in seiner Wohnung in Charlottenburg. Über die Todesursache äußert sich seine Agentur nicht. Er wurde nur 38 Jahre alt.------------------------------Foto: Frank Giering in einem Interview: "Am liebsten hätte ich die Sicherheit, die man als Kind hat. Ich kann nichts anderes außer schauspielern."


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