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Berliner Zeitung | Der Spiegel trennt sich von seinem Kulturchef: Krawall-Feuilletonist Matthias Matussek entlassen
03. December 2007
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Der Spiegel trennt sich von seinem Kulturchef: Krawall-Feuilletonist Matthias Matussek entlassen

Für seine schlechten Manieren war Matthias Matussek schon immer berüchtigt. So brüllte er im "ARD-Presseclub" mit rotem Kopf gegen den stellvertretenden Chef des Handelsblatts, Roland Tichy, bloß weil dieser seine These von einem "neuen deutschen Nationalgefühl" nicht teilen mochte. Nach Ende der Sendung führte Matussek die Auseinandersetzung sogar mit Körpereinsatz weiter. Auch die Theologin Uta Ranke-Heinemann musste sich von ihm schon im Fernsehen ungalant anfahren lassen: "Sie haben hier gar nichts zu sagen!"Doch nicht nur vor laufenden Kameras inszenierte Matussek sich als eine Art cholerischen Wirtshausschläger, der eher aus Versehen auf die Stelle des Spiegel-Kulturchefs geraten zu sein schien. Auch innerhalb des eigentlich ja altehrwürdigen Hauses behandelte er seine Untergebenen derart rüde, dass es schon mehrfach zu Abmahnungen kam.Nun war der Kultur-Teil des Spiegels auch vor Matussek schon lange kein Ort der besonders tiefgründigen kulturellen Analyse mehr oder der geistreichen feuilletonistischen Kritik. Doch der stumpfgeistige Stammtischton, den er nach seiner Amtsübernahme im Jahr 2005 mit seinen Getreuen - darunter der Borderline-Fabulierer Joachim Lottmann und der Popliterat Moritz von Uslar - etablierte, war selbst jenen zu viel, die sich vom Spiegel einen "frischeren Ton" wünschen mochten. Die politische Ausrichtung verschob er noch weiter nach rechts und schoss sich auf die üblichen Feinde ein: das Regietheater, das einmal wieder "unsere Klassiker" ruinierte; die Achtundsechziger; all jene vaterlandslosen Gesellen, die sich über das "neue deutsche Nationalgefühl", wie es angeblich bei der Fußball-WM zu beobachten war, nicht ebenso freuten wie er.So absehbar der Spiegel-Kulturteil unter ihm auch wurde, als Ego-Freak hatte Matussek durchaus Qualitäten, weswegen er seit einer Weile einen gern angeklickten Videoblog auf der Spiegel-Internetseite führte.In der Redaktion schwand sein Rückhalt jedoch zusehends; selbst Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, der ihn 2005 auf den Thron gehoben hatte, wäre ihn zuletzt wohl gern losgeworden. Aber der entmachtete Aust hat ohnehin nichts mehr zu sagen; und Matussek wurde jetzt zum Rücktritt aufgefordert. Wie uns zu Ohren kam, soll ein neuerlicher Ausfall im Kollegenkreis das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Vorerst wird Matusseks Vorgänger Mathias Schreiber das Kulturressort leiten. (bal., sep.)------------------------------Foto: Matthias Matussek, seit 2005 Kulturchef des Spiegels