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Die Firma Tekbir aus Istanbul kleidet gläubige Muslimas ein - mit den Entwürfen der Kölner Designerin Heidi Beck: Mode für die bedeckte Frau

Als die Firma Tekbir im April dieses Jahres ihre alljährliche Modenschau in Istanbul zeigte, klingelte am Tag darauf bei Heidi Beck das Telefon. Der Türkei-Korrespondent einer großen deutschen Zeitung war am Apparat. "Frau Beck", sagte er, "wissen Sie, dass ausnahmslos alle Zeitungen in der Türkei über diese Schau berichtet haben?" Heidi Beck war als Designerin an der Schau beteiligt gewesen - und sie war der Grund für das große Medieninteresse. Nicht, dass eine deutsche Designerin in Istanbul für türkische Medien etwas so Ungewöhnliches wäre. Die Mischung war es allerdings schon. Denn die Firma Tekbir bietet "Islamische Mode für die bedeckte Frau", und Heidi Beck ist alles andere als eine Konvertitin, sondern Inhaberin eines kleinen Haute-Couture-Labels für hochpreisige Strickmode. Ihre Abendkleider sind oft in Gold oder Silber gewirkt, mit tiefem Dekolleté, aus einem sich wie eine zweite Haut um den Körper schmiegenden Material - und sie kosten zwischen vier- und fünftausend Euro.Ein paar davon hängen, verführerisch schön, in dem aparten Dach-Atelier, das sich Beck in ihrem Wohnhaus in Köln-Ehrenfeld ausgebaut hat. Aber derzeit ist sie fast nur noch zu Besuch hier: "Die Firma Tekbir hat mein ganzes Leben umgekrempelt." Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen: mit einer kleinen Anfrage per Mail, ob sie sich vorstellen könne, hin und wieder eine ganz andere, muslimische Frauenmode zu entwerfen. Heidi Becks Mann ist Architekt und baut seit 25 Jahren Krankenhäuser in Saudi-Arabien. Die arabischen Bauherren waren schon öfter bei den Becks in Köln zu Gast und haben dort selbstverständlich auch gebetet. Mit einem adschmanischen Prinzen, der selbst Haute-Couture-Stoffe entwirft und produziert, ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Heidi Beck war der Islam vertraut, sie hatte noch nie Probleme damit. Also hat sie Ja gesagt.Auch, weil sie gerade Zeit hatte. Kurz zuvor nämlich hatte sie ihre Angestellten entlassen, das 300-Quadratmeter-Atelier aufgegeben und die Fühler in Richtung China und auch schon Türkei ausgestreckt. Sie war auf der Suche nach Strickerinnen. In Deutschland zu produzieren, war ihr zu teuer geworden. Heidi Beck ist eine schmale, ernste Mittfünfzigern mit leiser Stimme und schwarzem Haar. Seit 30 Jahren ist sie im Geschäft. In den späten Siebzigern, als sie ihr Label aufzubauen begann, war die Modewelt noch anders strukturiert. Man wollte individuell und besonders sein, es gab viele kleine, exklusive Label - und ebenso viele Boutiquen, die sie verkauften. Dann setzte sich das Kettengeschäft mehr oder minder flächendeckend durch, nicht nur auf H&M-Niveau, sondern auch im gehobenen Segment: An die Stelle der edlen Boutiquen traten die Labelshops von Versace, Dior & Co., und für Designer wie Heidi Beck, die ihre Stücke nach Moskau, Tokio und New York verkaufte, wurden die Geschäfte immer schwieriger. "Zur Zeit", sagt sie, "wird die Mode wieder individueller, couturiger. Man hat als Einzelkämpfer wieder Chancen, allerdings nicht in diesem hohen Preissegment."Sie wollte billiger produzieren, war gerade auf dem Sprung. Nur ist sie, vorläufig zumindest, ganz woanders gelandet als geplant. Nicht, dass in Istanbul alles einfach gewesen wäre. "Am Anfang wurde ich bestaunt wie das Mädchen vom Mond", sagt Heidi Beck. Sie war nicht nur die erste Ausländerin im Unternehmen. Sie war auch die erste Designerin, die dort arbeitete. Die Entwürfe hatten zuvor die Schnittmacherinnen selbst gemacht. "Entworfen", sagt Heidi Beck, "ist dafür nicht ganz das richtige Wort." Denn bis dahin fuhren die Brüder der Firma Tekbir (neun sind es an der Zahl) Jahr für Jahr auf die großen Modeschauen, nach Paris und auch auf die CPD nach Düsseldorf. Mit Stapeln von Katalogen kamen sie nach Istanbul zurück und aus diesen Vorlagen wurde für die 35 türkischen Tekbir-Geschäfte und die vielen Franchise-Unternehmen in Deutschland das Passende gewählt, kopiert und nach den eigenen Vorstellungen und Vorschriften umgearbeitet.Zirka 800 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. 1983 wurde es von dem ostanatolischen, nach Istanbul ausgewanderten Dorfschneider Mustafa Karaduman gegründet. Bald kamen die Brüder nach. Eine bessere, schickere, auch höherpreisige Mode für die gläubige Muslima wollte man produzieren. Damals, als die Karadumans begannen, klang das für viele absurd. Ab Mitte der 90er-Jahre boomte das Geschäft."Die Firma Tekbir", sagt Heidi Beck, "kann es sich nicht leisten, die jungen Frauen aus reichen und mittelständischen Familien zu ignorieren, die Kopftücher tragen und zeigen wollen, dass sie zum Islam gehören." Die sich aber auch, ohne gegen die Spielregeln zu verstoßen, stylish und geschmackvoll anziehen wollen. Denn es ist ein ziemlich großes Kundensegment geworden. Deswegen ist Heidi Beck jetzt in Istanbul. Letzten Sommer hatte sie den Auftrag bekommen, eine Kollektion für den Sommer 2008 zu entwerfen. 80 Modelle hatte sie gezeichnet. Ursprünglich wollte man sich in Düsseldorf treffen, aber der Hauptverantwortliche wurde krank. Dann kam der Ramadan und es ging gar nichts mehr. Im Oktober kam man schließlich zusammen. "Sehr schön" fanden die Brüder die Entwürfe und schlugen vor, dass sie für sechs Wochen nach Istanbul käme um die Entwicklung der Prototypen zu betreuen. Jetzt lebt Heidi Beck schon seit mehr als einem halben Jahr hauptsächlich dort.Die Tekbir-Mode, sagt sie, sei bis dahin von gedeckten Farben dominiert gewesen, von langen, sackartigen, einreihig geknöpften Mänteln. Sie hat Verspielteres und Modischeres versucht, Farbiges, Doppelreihiges, Tailliertes, Gekräuseltes. Sachen, die Arme und Beine bedecken, die Spaß machen, aber nicht gegen die Regeln verstoßen. "Sehr schön", hat man diese Prototypen gefunden. Aber produziert wurde kein einziger. Jede Woche kommen die Geschäftsführer der umliegenden Tekbir-Geschäfte, schauen, was neu entstanden ist, dann geht ihr Daumen nach oben oder nach unten. Und davon hängt alles ab.Im Frühjahr sind die Tekbir-Chefs wie jedes Jahr auf die großen Modenschauen gefahren, sie haben die Kataloge mitgebracht, und dann hat der Produktionschef Cafer Karaduman - Becks Vorgesetzter und die treibende Kraft für die Veränderungen im Unternehmen - eine Krisensitzung abgehalten. Er hat die Kataloge aufgeschlagen und Heidi Becks Entwürfe daneben gelegt. "Die Farben, die neuen Trends, das alles lag bei uns schon vor", hat er gesagt. "Aber wir haben es abgelehnt. Wir sind dumm gewesen." Das, so Beck, sei ihr Durchbruch gewesen. Oder vielmehr: Es war ein Anfang. Denn die Hüftpolster haben sie trotzdem von ihren Kleidern entfernt. Die eleganten osmanischen Pluderhosen, die sie entworfen hat, wollten die Schnittmacherinnen nicht produzieren, weil sie sie "schäbig" und "rückständig" fanden.Heidi Beck hat für die Geschäftsführer Vorträge über Mode gehalten. Man ist ins Gespräch gekommen. Ihre Sachen werden jetzt produziert und sie werden von den Geschäften auch bestellt. Auch die restliche Produktion ist bunter, modischer, lebendiger geworden. Wenn man verstehen will, warum keine türkische Designerin bei Tekbir arbeitet, muss man Heidi Beck nur nach den Zeitungsartikeln zur Schau befragen. Viel Gutes stand nicht darin. Es ging nicht gegen sie. Es ging gegen die Brüder Tekbir. Den säkularen Blättern war alles zu konservativ, den konservativ-islamischen zu offenherzig. Die Fronten sind verhärtet. Jemand von außen kann da leichter die Grenzen überschreiten.Eine eigene Kollektion hat Heidi Beck für dieses Jahr nicht entwerfen können. Aber Tekbir hat ihr nicht nur ein gutes Angebot gemacht, ihr kommt im Umbruch auch eine aufregende Rolle zu. "Nur langsam", meint sie, "brauche ich wieder Zeit für mein eigenes Label." Währenddessen klingelt das Telefon. Eine Kollegin ist in Rumänien mit hochqualifizierten Strickerinnen in Kontakt gekommen, die dringend Arbeit suchen. Ob Heidi Beck vielleicht Interesse hat? "Ich habe gerade Besuch", sagt sie, "aber ich melde mich."------------------------------Foto: Weg von den sackartigen Mänteln: Heidi Beck hat Tekbir mehr Farbe und Raffinesse verordnet - mit Sachen, die Spaß machen, aber nicht gegen die Regeln verstoßen.------------------------------Foto: Haute Couture in Strick entwirft Heidi Beck seit 30 Jahren in Köln. Nur dieses Jahr gibt es wegen Tekbir keine Kollektion.


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