image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Die Kosten der WM - insgesamt wurde der Steuerzahler im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft mit mehreren Milliarden Euro belastet: Die Kunst des Rechnens

MÜNCHEN. In einer Frage sind sich deutsche und Schweizer Fußballfunktionäre ausnahmsweise einig: Sowohl das WM-Organisationskomitee (OK) als auch der Fußball-Weltverband (Fifa) behaupten unisono, die Weltmeisterschaft 2006 würde ausschließlich mit privaten Mitteln finanziert. Dies ist die Botschaft, die mit der Wahrheit allerdings nicht hundertprozentig kompatibel ist. Denn für den Großteil der mit der WM verbundenen Kosten steht der Steuerzahler ein, auf direktem oder verdecktem Wege.Im Kern muss man bei der Austragung von Großereignissen wie Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen immer zwischen zwei Etats unterscheiden: dem reinen Organisations-Etat für die jeweiligen Veranstaltungen und dem Infrastruktur-Etat. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat dafür die Begriffe OCOG-Etat und Non-OCOG-Etat eingeführt. Die Fifa kennt derlei Unterscheidungen nicht. Die Kunst besteht allerdings sowohl im olympischen, als auch im Fußballbereich darin, möglichst wenig Kosten in den Organisations-Etat aufzunehmen, und möglichst viele Kosten als nicht-olympiabedingte oder eben nicht-WM-bedingte Investitionen auszuweisen. So errechnet sich immer wieder ein hübsches kleines Plus in den jeweiligen Organisations-Etats. Das wird bei der WM 2006 nicht anders sein. Transparent und damit für jeden Steuerzahler nachprüfbar sind diese Rechen- und Buchungskunststücke keinesfalls.Hinzu kommen die seit 2001 gestiegenen Aufwendungen für die Sicherheit, die fast komplett öffentlich finanziert werden (ein OK bezahlt nicht viel mehr als den Ordnungsdienst in den Arenen). Die Bundesregierung macht keine Angaben zu den Sicherheitskosten. Deshalb ein Vergleich: Für die Sicherheit der Olympischen Spiele 2004 in Athen wurden Kosten von bis zu einer Milliarde Euro kolportiert.Nachfolgend ein Versuch, einige Antworten auf grundlegende Fragen zu geben, die OK, Fifa und die deutsche Politik schuldig bleiben.----Wie viel Geld kostet die Fußball-Weltmeisterschaft?Im Etat des WM-OK sind nur 430 Millionen Euro ausgewiesen. Überprüfbar ist diese Summe nicht, weil nur rudimentäre Angaben dazu öffentlich gemacht werden. Über den OK-Etat hinaus wurden allein für den Bau der Stadien 874 Millionen Euro öffentlicher Mittel aufgebracht, die natürlich - das ist die andere Seite der Medaille - auch als langfristige Investition betrachtet werden können. Allein schon die Kosten für die WM-Sicherheit könnten sich in der Höhe des eigentlichen WM-Etats bewegen. Und auch jene Steuerbefreiung, die 1999 noch in der Bewerbungsphase dem Fußball-Weltverband Fifa gewährt wurde, macht - berechnet auf die Fifa-Einnahmen im WM-Zeitraum 2003 bis 2006 - einige Hundert Millionen Euro aus.Wie viel zahlt der deutsche Steuerzahler?Insgesamt wurde der Steuerzahler im WM-Zusammenhang mit mehreren Milliarden Euro belastet. Wobei nicht jede Ausgabe hundertprozentig WM-bedingt ist. Diese Investitionen kommen vor allem privaten Wirtschaftsunternehmen zugute: den Bundesliga-Vereinen. Politik und Sport haben die Losung ausgegeben, diese WM als großen finanziellen Gewinn zu verbuchen. Tatsächlich aber hatte das OK beträchtliche Probleme mit der Finanzierung des Etats. Auf politischen Ukas hin sind daher halbstaatliche Firmen als "nationale Förderer" eingestiegen.Wo kann die Öffentlichkeit die nötigen Angaben bekommen?In einer Demokratie sollte es als Transparenzgebot eigentlich selbstverständlich sein, dass sowohl das OK als auch die Bundesregierung den Kunden beziehungsweise Bürgern im Internet ausführliche Informationen zu sämtlichen Kostenarten inklusive einer sauberen Einnahme-Ausgabe-Rechnung zur Verfügung stellen. Dies ist nicht der Fall. Die Angaben sind unzureichend und nebulös - wenn überhaupt Zahlen genannt werden (siehe www.fifawm2006.deutschland.de). Auch im siebten WM-Fortschrittsbericht der Bundesregierung fehlt eine saubere Auflistung. Es wird lediglich die positive Seite betont und behauptet, die WM würde 50 000 Arbeitsplätze schaffen und in den kommenden zwei Jahren noch 1,5 Milliarden Euro "zusätzliche Wertschöpfung" auslösen. Beweise dafür bleibt man schuldig. Diese Verweigerungshaltung hat Tradition: Schon der ehemalige Bundesinnenminister und WM-Aufsichtsrat Otto Schily hat behauptet: "Zahlen zu nennen wäre spekulativ und nicht seriös. Aber der Gewinn, den wir aus der WM ziehen, ist mit Sicherheit bei weitem höher als alle Aufwendungen, die zu leisten sind."Welche Aufwendungen leistet die Fifa für die WM 2006?Die Fifa überließ dem OK die Ticketeinnahmen (200 Millionen Euro) und leistete aus dem so genannten Hospitality-Programm einen Zuschuss von 170 Millionen Euro. Im Vergleich zu den 1,652 Milliarden Euro, die der Weltverband im vierjährigen WM-Zeitraum erlöst, ist das ein bescheidener Beitrag. Zum Vergleich: Das IOC zahlt den Olympiaausrichtern aus den TV-Erlösen einen Zuschuss von etwa einer Milliarde Dollar. Die Fifa argumentiert, dass sie für sämtliche WM-Wettbewerbe (Männer, Frauen, Nachwuchs, Confederations Cup etc.) zwischen 2003 und 2006 insgesamt 558 Millionen Euro überwiesen hat. An Prämien werden unter den 32 teilnehmenden Teams 235 Millionen Euro ausgeschüttet.------------------------------Haushaltskosten der Weltmeisterschaft 2006Fifa-Einnahmen, Vergleich im WM-Zeitraum (in Euro)2003 - 2006 2007 - 2010Fernsehrechte: 1,045 Milliarden 1,483 MilliardenMarketingrechte: 402 Millionen 702 MillionenLizenzen/Hospitality: 205 Millionen 156 MillionenGesamt: 1,652 Milliarden 2,341 MilliardenEigenkapital: 295 Mio (per 31.12.2005) 545 Mio (per 31.12.2010 geplant)Anmerkung: Über die Finanzberichte der Fifa kursieren mitunter missverständliche Zahlen, was daran liegt, dass die Fifa derzeit in Schweizer Franken und in US-Dollar abrechnet. Da die Marketingpartner und Fernsehanstalten die Vertragssummen in Raten zu unterschiedlichen Zeitpunkten überweisen, können sich Währungsverluste und -gewinne ergeben. 2007 wird das gesamte System auf US-Dollar umgestellt.Aufwendungen aus öffentlichen Kassen (Bund, Länder, Städte und Gemeinden)3,7 Milliarden - Infrastruktur (Ausbau von Autobahnen und Bundesstraßen)874 Millionen - öffentl. Anteil an Stadionbauten (Gesamtkosten: 1,578 Milliarden)640 Millionen - zusätzliche Aufwendungen der WM-StädteSonderpostenSicherheit: mehrere Hundert Millionen Euro (geschätzt)Steuerbefreiung für Fifa und teilnehmende Verbände: dreistellige Millionensumme in EuroVerkappte Subventionen: Die Sponsoren des WM-OK, die insgesamt 60 Millionen Euro beisteuern, sind fast ausschließlich halbstaatliche Firmen (Bahn, Telekom, Oddset, Postbank, EnBW). Zudem befördern ARD und ZDF, die für die Übertragungsrechte 180 Millionen Euro zahlen und eine ähnliche Summe für die technischen Kosten aufwenden müssen, mit Gebührengeldern den WM-Betrieb.------------------------------Grafik (2): Etat des deutschen WM-Organisationskomitees (Einnahmen und Ausgaben)------------------------------Foto: Ein Tänzchen für das Milliardenspiel - Szenen vor dem Münchner WM-Stadion.