image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Die Nullerjahre: Nation-Building - der wiedervereinigte Staat baut sich eine neue Hauptstadt: Das Pathos der Berliner Republik

Kürzlich lief ich mit einem Freund, der Berlin seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, durch die Stadt. Während wir herumspazierten, und mein Begleiter aus dem Staunen nicht herausfand, erkannte ich, wie abgebrüht mich die letzten Jahre gemacht haben. Ich ha-be mich daran gewöhnt, dass eine Stadt sich schneller verändert als ein Bühnenbild mittels Kulissenbau. Ich finde es inzwischen normal, dass meine Umgebung mich allein schon durch die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung unterhält. Selbst an die Neuberliner Farbpalette habe ich mich gewöhnt. Stimmt, diese Straße war mal durchgängig rußgeschwärzt, die nächste auch, eigentlich war die ganze Stadt dunkelgrau, nur hier und da mal sachte sandfarben. Dass ganze Stadtviertel nun in Babyrosa, Pastellblau und Brandungsgrün getaucht sind, erscheint mir heute ganz normal, so, als habe Berlin immer so ausgesehen.Meinem Freund aber kam es vor, als würde er die Einführung des Farbfernsehens ein zweites Mal erleben. Die Plattenbauten tragen Spoiler und poppige Fliesen, die der Regen wieder sauber wäscht. Wo neu gebaut wurde (und wo wurde das nicht?) knüpft nun ein retrospektiver, unspezifisch-wuchtiger Metropolenstil an die Zeit zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg an - die Stadt erneuert sich, indem sie sich wiederherstellt. Die meisten Brachen, die die Grenze zwischen Ost und West hinterlassen hatte, wurden geschlossen - längs der Holzmarktstraße sieht man hier und da die Spree wieder. Ein wahrer Durchbruch, zum Leidwesen der Clubszene dort, aber zum Segen der Stadt: Hier, zwischen Oberbaumbrücke und den Treptowers stehend am Kai der Spree, hinter sich die auf leerem Gelände wie von ferne gelandete O2-Arena, vor sich der Fluss und die Kreuzberger Wasserfront in Cinemascope - da ergibt sich ein neues, aufregendes Gefühl von der Größe der Stadt und ihren ungenutzten Speichern, die auf Neues warten.Und wieder dieses Gefühl: Mein Gott, wie haste dir verändert! Auch in der letzten Dekade, diesmal auf paradoxe Weise: Berlin hat sich gesetzt, und das mit großer Geschwindigkeit, es hat sich gesettled, hat räumlich, architektonisch, kulturell, mental und gastronomisch in seine neue Rolle als Hauptstadt des gesamten Landes hineingefunden. Dass die Stadt das schaffen würde, hatten viele bezweifelt.Für viele Beobachter des Zeitgeschehens begann die Berliner Republik, die neue, vom Regierungsumzug eingeleitete Ära einer geeinten Nation, am 9. September 2001, mit der Eröffnung des Jüdischen Museums. Es war ein gesellschaftlich exklusives Event, das weit über Deutschland hinaus Beachtung fand, der Stern bezeichnete es gar als "Weltkulturereignis". Die FAZ druckte die rund 850 Namen umfassende Gästeliste des Festaktes auf zwei Seiten ab samt Sitz- und Tischordnung des Dinners, das in sechs Räumen stattfand. Das Label Berliner Republik, schrieb das Blatt, hätte einen Inhalt bekommen. Es bestünde aus diesen Namen.Es war aber nicht nur das "Personenverzeichnis der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2001", wie die FAZ mit der ihr eigenen elitären Inbrunst titelte, sondern eine internationale Elite mit Konzentrationen auf Israel und die USA, die sich hier zusammenfand, um in der alten und neuen Hauptstadt nicht allein der Ermordung der Juden zu gedenken, sondern jüdisches Leben in Deutschland wieder zu feiern. Es musizierte das Chicago Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Daniel Barenboim. Dessen Konzertmeister spielte auf einer Geige, die einmal Alma Rose gehört hatte, der österreichischen Virtuosin, die das sogenannte Mädchenorchester im KZ Auschwitz geleitet hatte und dort 1944 ermordet wurde.2005 wird nach einem ästhetisch-politischen Streit, der ein Jahrzehnt lang die Feuilletons der Republik in Atem gehalten hatte, das Holocaust-Mahnmal eröffnet, abermals ein Ort, der rasch zu den Orientierungsmarken der Berliner Republik wird, einer der wichtigsten Zielorte der Berlin-Besucher. Peter Eisenmans Stelenfeld wird nicht der "fußballfeldgroße Alptraum", den Martin Walser befürchtet hatte, sondern ein "Skandal, der gefällt", ein grauer Wald mit offenen Bedeutungen, der die Menschen auf eine fast spielerische Weise nachdenklich macht. Fünf Jahre später, vor wenigen Tagen nämlich, wird der Neubau für die Ausstellung "Topographie des Terrors" eröffnet. Alle drei Orte sind, angeführt vom Jüdischen Museum, hervorragend besucht, umlagert von Touristen aus dem In- und Ausland. Ein florierendes Erinnerungsbusiness hat sich zwischen den historischen Orten entwickelt, in Rikschas und offenen Stretchtrabbis werden die Besucher über die Geschichtsmeile zwischen Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal, Checkpoint Charlie, Topographie des Terrors und Potsdamer Platz kutschiert. Routinierte Gedenkspezialisten arbeiten an einer Vervollkommnung der "Erinnerungslandschaft", wie die derart gegenständlich gewordene Geschichtspolitik in den einschlägigen Planungsgremien genannt wird. Man mag über diese Gedenkroutine die Nase rümpfen, sie gehört aber zu den unvermeidbaren Begleiterscheinungen einer Professionalisierung der Erinnerung, die zu den Grundbedürfnissen der deutschen Öffentlichkeit gehört und zu den Erwartungen, die sie an ihre Hauptstadt knüpft. Erinnerungs- und Gedenkorte sind Bestandteile des Nation-Building - und genau das ist es, was im Berlin der Nullerjahre überall zu erleben ist: die Formierung einer neuen gesellschaftlichen Identität, die zu den Hauptaufgaben neugegründeter, veränderter, erweiterter oder verkleinerter Nationen gehört - Kroatien, Serbien, Afghanistan oder eben Deutschland nach der Vereinigung.Im Blick zurück treffen sich Ost- und Westdeutsche. Es ist ja nicht nur die Sprache, die sie eint, sondern die Last der Verbrechen aus der NS-Zeit. Der deutsche Einigungsprozess führt zu einer Auseinandersetzung über einst divergierende Geschichtsbilder. Dass der Terror aus der Mitte des Volkes kam, hatte die westdeutsche Gesellschaft in schmerzhaften Prozessen lernen müssen. Der überzeugte Antifaschismus der DDR blendete dagegen die Loyalität der Mehrheit der Deutschen gegenüber dem NS-Regime weitgehend aus, galt doch dort die offizielle Definition von der "terroristischen Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" über die Arbeiterklasse und die Mehrheitsgesellschaft. Das NS-Regime als Volksstaat und Wohlfühldiktatur, die bis zur Wende des Kriegsglücks auf die Zustimmung der großen Mehrheit des Volkes rechnen konnte oder als Unterdrückungsinstrument des eigenen Volkes - das sind Fragen, die Ost und West nun erneut diskutieren und nicht nur die Auswärtigen zu den Gedenkorten strömen lassen.Dabei spielen Sühne und Scham durch den historischen Abstand nur noch eine geringe Rolle; Nachkommen von Opfern und Tätern begegnen sich an den Erinnerungsorten in dem gemeinsamen Interesse an der Frage, wie es zu dem Zivilisationsbruch in einer der fortschrittlichsten, gebildetsten Gesellschaften der Welt kommen konnte. Bundespräsident Johannes Rau erklärte in seiner Ansprache zur Eröffnung des Libeskind-Baus: Die Vernichtung der Juden "darf nicht zu dem Fehlschluss führen, dass der Holocaust die Summe der deutsch-jüdischen Geschichte sei. Der Holocaust war weder im deutschen Wesen noch in der deutschen Geschichte angelegt." Und Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums, betonte, "dass gerade die deutschsprachigen, des Undeutschen verdächtigten Juden in Wahrheit herausragende Repräsentanten der deutschen Kultur waren."So wird zu Anfang des neuen Jahrhunderts gerade in der schmerzlichen Vergegenwärtigung der Vergangenheit der Keim für einen neuen Patriotismus gelegt, der die Nullerjahre noch öfter beschäftigen wird, vor allem 2006, als er im vielbeschworenen Sommermärchen der Fußball-WM seinen burlesken Ausdruck fand. Die Deutschen werden wieder stolz auf sich, auch auf ihre weltweit als vorbildlich empfundene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, was in den jüngsten Feierstunden schon wieder penetrante Züge bekam: In Sachen Vergangenheitsbewältigung lassen wir uns von nichts und niemandem die Butter vom Brot nehmen!Perfektes Nation-Building, wörtlich genommen, auch bei der politischen Architektur der Stadt: Die Reichstagskuppel, 1999 nach langen Querelen eher widerwillig von Sir Norman Foster errichtet, wird zum Lieblingsziel deutscher Berlinbesucher. Lange Schlangen stauen sich vor dem Eingang. Dass man hier einmal die Chance hat, den Politikern aufs Dach zu steigen, steht in jedem Reiseführer. Die gegenläufigen Spiralen im Innern des gläsernen Gebildes verschaffen ein berauschendes Raumgefühl. Foster ist es gelungen, der Demokratie ein Gehäuse zu geben, das dem Publikum tatsächlich das Gefühl verschafft, politische Heimat zu besteigen. Die Volksherrschaft bekommt einen baulichen Ausdruck, der auch mit den institutionellen Abstraktionen, die den Begriff Volksherrschaft gleich wieder ernüchtern lassen, in Einklang zu bringen ist. Nur in Maßen pathetisch ist die Kuppel, aber nicht minder spaßig und menschenfreundlich, ganz so, wie Deutschland gerne sein will - und das thronend über einem Bau, mit dem fast mythische Bilder der Geschichte verknüpft sind: Scheidemann am Balkon, 1918 die Republik ausrufend; der brennende Reichstag, der zum Vorwand für die NS-Machtergreifung wird; Rotarmisten, die 1945 den Sowjetstern über dem zerschossenen Gebäude hissen.2001 werden das Kanzleramt eingeweiht und das Paul-Löbe-Haus, zwei Jahre später auf der anderen Seite der Spree das Marie- Elisabeth-Lüders-Haus - alle drei nun wirklich bestimmt von einem Pathos, der in der alten Bundesrepublik undenkbar gewesen wäre. Architekt Axel Schultes schuf mit dem Kanzleramt eine dramatische Bauskulptur, deren übermenschliche Proportionen zugleich etwas Luftikushaftes haben und Gerhard Schröder deshalb weit besser standen als Angela Merkel. Ungetrübt erhebend dagegen, wie die weiter östlich gelegenen Parlamentsbauten mit ihren übermenschlich hohen, dramatisch auskragenden Dächern den kurvigen Lauf der Spree wiederholen, die träge unter ihnen vorbeifließt.Ein Regierungsviertel aus einem Guss ist entstanden, vergleichbar nur mit der Hauptstadt Brasilia von Oscar Niemeyer und Lúcio Costa oder dem Regierungszentrum von Chandigarh von Le Corbusier - und ähnlich wie diese auf der grünen Wiese errichtet. Nur der riesigen innerstädtischen Brachlandschaft entlang der Spree, die Krieg und Jahrzehnte der Teilung hinterlassen hatten, ist es zu verdanken, dass die Berliner Republik sich ein politisches Machtzentrum von einer Grandezza bauen konnte, wie es sonst nur Entwicklungsländern oder Diktaturen möglich wäre.Am Spreebogen hatte das wiedervereinigte Deutschland mit großer Geste dem Verdacht entgegen gebaut, es sei nur wenig mehr als eine vergrößerte Bundesrepublik. Hier baute sich eine erneuerte Nation eine Identität, die mit der oft belächelten, grundsoliden Bescheidenheit Bonns nichts mehr zu tun hatte. Bis heute spazieren die Deutschen staunend durch die babylonischen Paläste, starren in die Büros der Verwaltungen und sind froh, auf einem der Schreibtische etwas so Vertrautes zu sehen wie ein Überraschungsei.Weiter östlich, die Linden hinunter in Richtung des alten, feudalen Regierungsviertels, wurde der Sitz der DDR-Volkskammer abgerissen - hier baut nun die Nation ihre vorsozialistische, vorbürgerliche Vergangenheit wieder auf. Nation-Building mit der Abrissbirne. Gleich gegenüber saniert der Bund für mehr als 1,3 Milliarden Euro die Museumsinsel. Die Wiedereröffnungen des Bode-Museums 2006 und des Neuen Museums 2009 glichen vollendeten Zeitreisen. Vor allem das Neue Museum ist eine Zeitmaschine, in der auch die Geschichte spürbar wird, die man selbst erlebt und mitgestaltet. In der Kombination von Alt und Neu wird das Vergehen an sich gefeiert und der Besucher erlebt sich als Zeitgenosse Nofretetes, ausgeliefert derselben Vergänglichkeit, der wir uns entgegenstemmen, nicht zuletzt mit unseren Museen.Wieder und wieder werden Abgeordnete aus den Bundesländern vor das Alte Museum geführt und man erklärt ihnen das Prinzip des friderizianischen Spree-Athen, das durch die Rekonstruktion des Stadtschlosses wieder komplettiert werden soll: links der Dom steht für die Religion, gegenüber das Schloss für die weltliche Macht und die Politik; rechts die Humboldt-Universität steht für die Wissenschaft, hinter der lauschenden Parlamentariergruppe verkörpern die Museen das kollektive Gedächtnis. Eine Idealstadt entsteht vor ihren Augen, die so wenig mit den realen Märkern und Asphaltberlinern zu tun hat, dass auch die Pfälzer und Schwaben sich mit ihr identifizieren können - sie müssen es schließlich bezahlen.In den Nullerjahren entwindet sich Berlin den Berlinern. Berlin ist Hauptstadt für die Sachsen wie für die Hamburger, die Mecklenburger wie die Rheinländer. Ganze Stadtviertel wie der südliche Tiergarten sind geprägt von Bundesverbänden und Interessenvertretungen. Das Klingelhöfer-Dreieck etwa, ein aus dem Boden gestampftes Revier für wohlhabende Zugezogene, steht mit seinen trotzigen Bauten für Interessenverbände, Botschaften und Residenzen beispielhaft für ein neues entmischtes Berlin. In den Wohnungen ist das Zimmer für das Au-pair-Mädchen mit eingeplant. Im Sommer hüten sie die Kinder im streng formalistisch angelegten Privatpark. Hier wird sinnlich deutlich, wie Berlin sich neu sortiert - eine Stadt, die immer stolz war auf die soziale Durchmischung, wie sie die Mietskaserne vorgab, in der die Beletage des Vorderhauses die Wohlhabendsten beherbergte; im vierten, niedrigeren Stock wurde es schon ärmer. Hinten, von Hof zu Hof zunehmend, schloss sich die Bedürftigkeit an. Mit dieser Durchdringung der sozialen Schichten, einer charmanten historischen Besonderheit Berlins, macht die Stadt nun Schluss.------------------------------Foto: Das Holocaust-Mahnmal - seit fünf Jahren eine Orientierungsmarke der Berliner Republik und ein Ort, der Menschen auf eine fast spielerische Weise nachdenklich macht.Foto: Harald Jähner, Jahrgang 1953, ist seit 2003 Feuilletonchef der Berliner Zeitung.