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Berliner Zeitung | Die Pogues spielten in der Zitadelle Spandau ein anrührendes Folk-Punk-Konzert: Bis zum letzten Krächzen
05. August 2010
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Die Pogues spielten in der Zitadelle Spandau ein anrührendes Folk-Punk-Konzert: Bis zum letzten Krächzen

Die Pogues habe ich Ende der Achtziger Jahre das erste Mal gesehen. Es war ein sonniger Festivalnachmittag, an dem kurz vor dem Auftritt der Band eine Limousine vorfuhr, aus der erst ein paar Zigaretten und dann Sänger Shane MacGowan fielen. Fröhlich lallte er einen Gruß an das zufällige Publikum seiner Ankunft, bevor er in Richtung Bühnenaufgang wankte. Nicht viel später gab er ein sehr amtliches Konzert.Keine wirklich sentimentale Erinnerung, aber eine, die anlässlich des Besuchs der Band in der Spandauer Zitadelle am Dienstag schmerzlich den Zauber der Jugend betont: Noch den albernsten, peinlichsten oder kaputten Zustand in ein irgendwie cooles Statement verwandeln zu können. MacGowan, damals auf der Höhe seines Ruhms, stand schlaksig und bedröhnt auf der Bühne und seine Ausfälle mehrten nur die Aura des poetisch lebensuntüchtigen Rebellen.Heute ist Shane MacGowan 52 Jahre alt, das Gesicht mit den drolligen Henkelohren rund und formlos und so blass, dass es von Weitem aussieht, als sei es weiß geschminkt. Angeblich, berichten die Leute vorne an der Bühne, hat er sich die Zähne richten lassen, die ihm schon vor zwanzig Jahren beinahe komplett aus dem Zahnfleisch gerottet sind. Beim Sprechen helfen sie ihm nicht, es gelingt ihm nur nuschelnd und zungenschwer. Er geht einen staksigen Alkoholikergang und hält sich am Mikrofon fest, die Singstimme ein kräftiges Krächzen, quasi das Originalorgan zum Method-Acting von Leuten wie Tom Waits.Es ist wirklich überraschend, dass Shane MacGowan noch lebt. Das wiederum wird wohl ein nicht unerheblicher Grund sein, dass er uns - und die rund 6 000 Leute im kühlen Nieselregen - schon auch berührt, wie er da vorne schwankend alte, großartige Stücke wie "A Rainy Night In Soho" gröhlt, oder "The Old Main Drag" und "A Pair of Brown Eyes", vom zweiten und besten Pogues-Album "Rum, Sodomy And The Lash".Die Pogues haben 1982 sozusagen die proletarische Prätention des Punk wörtlich genommen. Daher brachten sie sein musikalisches Ungestüm mit vorzugsweise irischem Folk zusammen und die rebellische Pose mit dem Humor und der solidarischen Sentimentalität der Straße. Nicht umsonst war einer ihrer größten Hits "Dirty Old Town", Ende der Fünfziger von Ewan MacColl über die Trübnis der Industriestädte Nordenglands geschrieben.Live kann MacGowan trotz der abgeschabten Stimme noch immer gekonnt Zorn und eine gewisse Härte über die Melancholie und Bitterkeit dieses am heftigsten bejubelten Songs legen. Und noch immer transportiert die Band beherzt - und weitgehend orginal besetzt - die Energie des Punk in die Hemdsärmeligkeit ihrer Folkarrangements mit Tin Whistle, Banjo und Harmonika. Man sollte sich dabei das irische Moment durchaus als künstlerische Vision vorstellen. MacGowans Eltern sind zwar Iren, aber er wuchs, wie alle seine Mitmusiker, in England auf und fand seine irischen Wurzeln erst, nachdem er die musikalischen Wurzeln im stilistisch offenen Punk von Bands wie The Clash gefunden hatte.Immerhin zeigt MacGowans zu Recht hochgelobtes Texthandwerk, kraftvoll, derb und zärtlich zugleich, den Einfluss des irischen Dichters, Aktivisten und früh verstorbenen Alkoholikers Brendan Behan. Leider schrieb MacGowan seine letzten Songs für zwei Solo-Alben mit den Popes in den mittleren Neunzigern. Die Pogues hatten ihn 1991 gefeuert, weil die Trunksucht - und eine zwischenzeitlich zusätzlich gepflegte Heroinabhäbgigkeit - jeden geregelten Bandbetrieb verhinderte. Freilich löste sich die Band ohne ihren heiligen Trinker nach zwei wenig beachteten Alben auf.Mittlerweile spielen sie seit neun Jahren wieder zusammen, ohne neue Songs geschrieben zu haben. Was nicht heißt, dass MacGowan, der laut Selbstbezichtigung schon als Vierjähriger sein erstes Bier bekam, seinen Lebensstil besonders verändert hat. Wenn es sein muss, erbricht er sich auch mal kurzerhand ins Publikum.In der Zitadelle pausierte er stattdessen ab und zu, um Spider Stacy oder Jem Finer singen zu lassen. Zwei Stunden hält er auf diese Weise immerhin durch. Der schönste Eindruck des Konzertes war, wie sich die höchst sympathische, aus jeder Zeit gefallene Band, der betrunkene Sänger und das Publikum so schön zusammen freuen. Nur das Unbehagen, einem todkranken Mann beim Singen zuzuschauen, konnte er nicht vertreiben.------------------------------Foto: Ein Wunder, dass er noch lebt: Pogues-Sänger Shane MacGowan.


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