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Die Revolution hat gesiegt in der Ukraine. Doch der reichste und mächtigste Mann des Landes ist noch immer der gleiche: ein Boxer, der Milliardär wurde: Der Pate aus der Grube

DONEZK, im Februar. Vier Meter hoch sind die Mauern, die das Grundstück am Rand der ostukrainischen Großstadt Donezk umschließen. Fußgänger wagen sich nicht hierher, und wer sich mit dem Auto nähert, muss zwischen Betonsperren Slalom fahren. Anhalten ist verboten. Die Mauern umfassen ein Quadrat von wohl tausend mal tausend Metern. An einem riesigen Tor stehen Männer mit Gewehren. Kameras erfassen jeden Winkel. Das ist die Festung, in der Rinat Achmetov, der reichste und mächtigste Mann der Ukraine, mit seiner Frau, dem achtjährigen Sohn und seinen Vertrauten lebt. Interviews gibt er fast nie. Und wenn er mit Journalisten redet, dann bezahlt er sie. Großzügig, wie man hört. Als die Revolution siegte, und der Volksheld Viktor Juschtschenko neuer Präsident wurde in Kiew, da tobte Achmetov. So sagen es die Leute aus seiner Umgebung. Seinen Schützling Viktor Janukowitsch, den Wahlfälscher und Wahlverlierer, soll er mit Fäusten bearbeitet haben. Vielleicht denkt Achmetov in diesen Tagen an das Schicksal eines anderen mächtigen Mannes. Vielleicht denkt er an Michail Chodorkowski in Moskau, den Chef des Yukos-Konzerns, der in Haft sitzt, weil er der Politik zu stark geworden war. Viktor Juschtschenko hat Achmetov bereits gewarnt. Zu einem Journalisten, der ihn nach ihm fragte, sagte er: "Mit Banditen verhandelt man nicht." Er sagte auch, er werde mit der Mafia und der Korruption aufräumen. Und Juschtschenko hat in diesen Tagen eine Überprüfung der Privatisierungen der Staatskonzerne angeordnet, eine Überprüfung jener Geschäfte, die Rinat Achmetov reich machten. Es ist Freitag, Fußball in Donezk, tausende Fans ziehen in das Stadion im Herzen der Stadt. Die Arena ist ganz in Orange gehalten - in jener Farbe, die Achmetov nun das Fürchten gelehrt hat. Denn Orange ist nicht nur die Farbe des Vereins, es ist auch die Farbe der Kiewer Revolution. Man kann Achmetov von fern sehen auf der Ehrentribüne mit den kugelsicheren Scheiben. Er ist eher klein, mit weichen Gesichtszügen, einem biederen Haarschnitt. Er wirkt fast ein wenig jungenhaft. Noch eine Minute bis Spielschluss, wieder landet der Ball im Netz, nun steht das Stadion Kopf. Orange, alles ist orange, jubeltrunkene Menschen auf den Rängen. Und ein Mann, der mit seinen Leibwächtern hinauseilt zu den Limousinen mit dunklen Scheiben und identischen Kennzeichen, die im Schneetreiben auf ihn warten. Auf Rinat Achmetov, den Präsidenten und Eigentümer des ukrainischen Tabellenführers Schachtjor Donezk. Es war hier, wo sein Aufstieg begann. Am 15. Oktober 1995, zwanzig Minuten nach Spielbeginn, erschütterte eine gewaltige Explosion das Stadion. Die Bombe zerfetzte sechs Menschen, den damaligen Schachtjor-Präsidenten Alexander Bragin, einen berüchtigten Schutzgelderpresser, und seine Getreuen. Von Bragin soll nur ein Unterarm mit einer Rolex-Uhr übrig geblieben sein. Rinat Achmetov, damals 29 Jahre alt, Boxer, Schutzgeldeintreiber, Hütchenspieler, gehörte zu dessen Syndikat. Er hatte fünf Minuten zuvor einen Anruf bekommen und die Tribüne verlassen, so heißt es. Von diesem Tag an lernte Donezk seinen Namen kennen. "Achmetov ist ein großartiger Mensch", schwärmt der achtzehnjährige Juri, ein Student, der im Stadion als Ordner für zwei Euro die Woche jobbt. "Bei Auswärtsspielen lässt er hunderte Fans mitfahren." Juri durfte schon mal in Mailand dabeisein. "Hotel und Essen umsonst, das alles verdanken wir Rinat. Und er hat Schachtjor wirklich zu einem Spitzenverein gemacht."Schachtjor heißt Zeche, aus den Kohlebergwerken stammt der Reichtum des Donbass, des Landes am Don. Stalin hatte das Gebiet industrialisiert und zum "Revier" des Sowjetreiches gemacht. Neben den Minen wurden Metallhütten, Maschinenbaukombinate und Kraftwerke in die Steppe gesetzt. Aber es wurden auch renitente Arbeiter und Verbrecher in die Minen verbannt. Eine Zeit in Haft gilt im Donbass nicht unbedingt als ehrenrührig. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 brachen gnadenlose Kämpfe um den Reichtum des Landes aus. Industrielle, Bankdirektoren, Politiker wurden von Kugeln durchsiebt oder von Bomben zerrissen. Was profitabel war, wurde für ein paar Rubel privatisiert. Das Motto hieß "Bereichert euch". Aus den Kämpfen ging eine neue Bourgeosie hervor, eine Melange aus roten Bossen und Kriminellen - und als Sieger der Donezk-Clan um Rinat AchmetovSein Reichtum wirkt obszön in einem Land, in dem 150 Euro als Spitzenlohn gelten. Zehntausende von Arbeiterfamilien hängen von Achmetovs Clan ab, der wie eine Holding organisiert ist. Der Milliardär besitzt nicht nur Minen, Stahlschmelzen, Banken und den Fußballverein. Wer auf dieser Ebene Geschäfte macht, braucht Einfluss auf die Politik. Und er hatte ihn. Er wollte eine Freihandelszone - er bekam eine Freihandelszone. Er forderte Subventionen - er kriegte sie. Und mit Ministerpräsident Janukowitsch hatte er einen starken Mann in Kiew. "Für die Region wirkte es fast wie ein Segen, als Achmetov zum Paten aufstieg", erzählt der Donezker Journalist Sergej Furmanjuk. "Vorher gab es jede Woche Tote. Er hat mit eiserner Hand aufgeräumt. Wie, das hat noch niemand recherchiert. Journalisten leben hier gefährlich." Der Fernsehreporter Igor Alexandrow, der auf Achmetovs Spuren die Korruption in der Donezker Verwaltung aufdecken wollte, wurde 2001 mit einem Baseballschläger erschlagen. Mitten in der Stadt. Im vergangenen Wahlkampf prügelten die berüchtigten jungen Männer mit den Lederjacken nicht nur Juschtschenko-Anhänger, sondern auch Journalisten krankenhausreif. "Achmetov wird immer sagen, dass er keinen Einfluss auf die Politik nimmt", sagt der Chef der Juschtschenko-Partei in Donezk, Pjotr Garwat. "Aber jeder, der logisch denken kann, weiß, dass es im Donbass nichts gibt, das er nicht beeinflusst." Leonid Tsodikov könnte viel davon erzählen. Er war der erste, der in Donezk eine unabhängige Zeitschrift gründete. Im Präsidentenwahlkampf 1999 plante er, belastendes Material gegen den Kandidaten Leonid Kutschma zu publizieren. Er sagt: "Da bekam ich einen Anruf von Achmetov. Er lud mich zu einem Treffen ein." Er habe damals ein Angebot erhalten, das er nicht ablehnen konnte. Achmetov hat ihm sein Blatt abgekauft, ihn an der Spitze belassen, und ihm auch noch die Leitung einer Kiewer Tageszeitung übertragen. Und der Einfluss des Paten? Natürlich gehöre er zum System Achmetov, sagt der Chefredakteur in seinem chaotischen Büro, sinnlos, es abzustreiten. Rinat Achmetov hatte schnell begriffen, dass er, um den Ruf als Krimineller loszuwerden, eine gute Presse brauchte. Heute sind alle bedeutenden Zeitungen und Fernsehsender des Donbass in der Hand seines Clans. In diesen Medien wurde während des Wahlkampfs im letzten Jahr Werbung für Juschtschenko nicht einmal gegen Geld publiziert. Doch als "Boss der Bosse" schaltete Rinat Achmetov nicht nur die Presse gleich. Seine Holding "System Capital Management" kontrolliert inzwischen über Beteiligungen die gesamte Wirtschaft im Donbass. Sein persönliches Vermögen wird auf fast drei Milliarden Euro geschätzt. Kein Oligarch der Ukraine und nur wenige in Russland können sich mit ihm messen. Achmetov wirkt auf fast unheimliche Art unangreifbar. Er trinkt nicht, hat keine bekannten Affären, gilt als kalt, effizient. Nur sein Faible für Kartenspiele ist bekannt und sein Jähzorn berüchtigt. Als sein Fußballverein vor zwei Jahren haushoch gegen Austria Wien verlor, soll Achmetov eigenhändig die BMW- und Mercedes-Limousinen seiner Stars mit einem Baseballschläger zerbeult haben.Um sein Imperium abzusichern, unterstützte der Milliardär den Wahlfälscher Janukowitsch. Der stellte die Arbeiter ruhig, in dem er Abermillionen von Subventionen aus Kiew ins Donbass leitete. Und den Oligarchen übergab Janukowitsch das letzte Tafelsilber der Ukraine. Für das größte ukrainische Stahlwerk zahlte Achmetov gemeinsam mit einem Partner Mitte 2004 nur 800 Millionen Dollar. Russische Firmen, die das Doppelte boten, wurden von der Ausschreibung gleich ausgeschlossen. Vielleicht verstanden sich Achmetov und der bullige Janukowitsch deshalb so gut, weil sie aus dem gleichen Milieu stammen. Rinat Achmetov ist in einem der ärmsten und schmutzigsten Minenarbeiterviertel von Donezk, Oktjabrskaja, groß geworden. Über den windschiefen Holzbuden ragt der alte Förderturm in den grauen Himmel. Ein paar Leute sind an diesem Wintertag damit beschäftigt, den gefrorenen Boden aufzubrechen und in einem Erdloch zu wühlen. Eine Wasserleitung ist geplatzt. Natürlich kennen die Männer den Sohn ihres Viertels. "Er ist ja hier aufgewachsen", sagt ein Jugendlicher. Rinat sorge für die Leute hier, schau, die Straßenlampen, sie leuchten. "Er ist ein guter Mann." Im renovierten Donezker Rathaus lobt der Vorsitzende des Haushaltsausschusses den Paten Achmetov als Wohltäter, der für saubere Straßen sorge, für glanzvolle Konzerte und für die abendliche Festbeleuchtung der Innenstadt mit ihren Juwelierläden und Autosalons. "Denken Sie an das Amerika der dreißiger Jahre", sagt der Mann aus dem Stadtparlament. "Rockefellers und Duponts Kapital hat auch zweifelhafte Ursprünge." Aber spürt man im Rathaus nicht einen gewissen Druck? "In bestimmten Fragen, wenn die finanziellen Strukturen Achmetovs berührt werden, dann ist ein solcher Druck denkbar." So sagt es der Abgeordnete, der wie alle zur einzigen Partei gehört, die es im Rathaus von Donezk gibt. Der "Partei der Regionen", der Partei von Rinat Achmetov. Man sagt, Rinat Achmetov wolle seine Geschäfte nun endgültig legalisieren und stärker im Westen aktiv werden. Nach Russland wolle er Stahl verkaufen, aber vor Moskaus Oligarchen müsse er sich fürchten. Und nun eben auch vor der neuen Macht in Kiew. Wie die Regierung der Revolution mit ihm und den anderen Industriemagnaten umgeht, daran wird sich die politische Stabilität der Ukraine entscheiden. Am vergangenen Wochenende hielt Viktor Juschtschenko eine Rede in Donezk. Er sagte, Achmetovs Geschäft mit dem Stahlwerk werde er in jedem Fall rückgängig machen. Der hat schon gekontert, mit ihm werde gar nichts rückgängig gemacht. Aber Achmetov spürt, dass die Regeln sich ändern. Und er versucht, sich mit der neuen Macht zu arrangieren. Er hat Julia Timoschenko, der wichtigsten Mitstreiterin Juschtschenkos, einen Auftritt in seinem Fernsehsender ermöglicht. Aber es ist auch von einem Anschlag die Rede, den der Milliardär nur knapp überlebt hat. Rinat Achmetov wird Angst haben müssen.------------------------------Sein Jähzorn ist berüchtigt. Als sein Fußballverein haushoch gegen Austria Wien verlor, soll Achmetov eigenhändig die BMW- und Mercedes-Limousinen seiner Stars mit einem Baseballschläger zerbeult haben.------------------------------Foto: Mann im Hintergrund: Rinat Achmetov (l.) und der alte Ministerpräsident der Ukraine, der Wahlfälscher Janukowitsch. Achmetov orientiert sich nun neu.