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Dietmar Schultke war wider Willen bei den Grenztruppen der DDR - die Vergangenheit lässt ihn nicht los: Soldat im Niemandsland

Der Mann wirkt wie besessen. Mit 50 000 anderen Männern war Dietmar Schultke anderthalb Jahre lang zum Wehrdienst am Eisernen Vorang abkommandiert. Doch im Gegensatz zu vielen Kameraden kommt Schultke von dieser Zeit nicht los. "Sie sind doch viel zu jung, was wissen Sie schon von der Mauer", fragen ältere Menschen den 32-jährigen Historiker, wenn er mal wieder einen seiner Vorträge über die innerdeutsche Grenze hält. Schultke, der heute in Berlin lebt, erzählt dann von seinen "Grenzerfahrungen". Im Schneesturm habe er nachts auf dem Brocken Wache geschoben, acht endlose Stunden lang, gefroren habe er und frustriert über den Zaun gestarrt. Die Stadt Braunlage lag da, nicht weit entfernt und doch unerreichbar.Schultke wollte am liebsten "rübermachen". Schon immer wollte er weg, in den Westen. Auslöser, so sagt er, sei eine Freundin der Familie aus New York gewesen. Als er neun Jahre alt war, kam diese Tante Liesel zu Besuch nach Ranzig bei Beeskow, wo Schultke als Sohn von Landarbeitern auf einer LPG aufwuchs. Sein Interesse am Westen war geweckt, seine Distanz zum eigenen Staat wuchs. Schultke wurde kirchlich erzogen, er ließ sich konfirmieren.Post aus HawaiiIm Februar 1987 erhielt der junge Zerspanungsfacharbeiter die "blöde Karte", den Einberufungsbefehl vom Wehrkreiskommando Frankfurt (Oder). Am selben Tag lag eine Postkarte von Tante Liesel im Briefkasten, abgestempelt in Hawaii. "Was soll ich tun?" fragte Schultke sich und dachte an Flucht. Warum wurde ein derart unzuverlässiger Bürger ausgerechnet zur Bewachung der innerdeutschen Grenze abkommandiert? Schultke sagt, nur Männer, die keine West-Verwandten ersten und zweiten Grades hatten, so wie er, kamen in Frage. Er selbst stand mit seinem Wachhund "Nena vom Brockenblick" auch nicht in vorderster Linie, sondern erst in sechster Reihe, am geharkten Spurenstreifen mitten im Niemandsland, drei Kilometer vom Westen entfernt. Die Kompanie war in einer Ortschaft namens Elend stationiert. "Ich konnte dort keinem trauen, es gab lauter Spitzel", sagt Schultke. Heute weiß er aus den Akten, dass jeder zehnte Grenzsoldat auch bei der Staatssicherheit war. Und jedes Jahr brachten sich mehr als 20 Soldaten der Grenztruppen um, weil sie Drill, Suff und Stumpfsinn nicht mehr ertrugen. "Keiner kommt durch" hat Schultke sein Buch über die Grenze genannt, für das er jahrelang in diversen Archiven noch unveröffentlichte Dokumente aufstöberte. Der Titel ist einem Gedicht des regimetreuen Dichters Helmut Preißler entlehnt: "Keiner kommt durch, Genossen, das sei versprochen! Nicht den Verführten lassen wir aus unserem Land, nicht den Verführer lassen wir herein." Was für einen Mist die uns erzählt haben, sagt Schultke. Vom "antifaschistischen Bollwerk" sei die Rede gewesen, die Mauer solle "Abwerbungsversuche" durch West-Agenten verhindern. Schultke ist sich sicher, dass die DDR-Führung über jeden einzelnen Schuss informiert wurde, der an ihrem "Schutzwall" abgegeben wurde. "Egon Krenz gehört ins Gefängnis nach Hohenschönhausen", sagt er. Als Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates hätte der Staatsratsvorsitzende den Schießbefehl an der Mauer aufheben können. Kalaschnikow im Wald vergessenNach einer Nacht auf dem Brocken ließ Schultke seine Kalaschnikow im Wald liegen, mit 30 Schuss Munition. "Stiller Protest, ich war fertig", gibt er heute als Motiv an. Der Kompanieführer, Hauptmann Becker, rastete aus. Schultke wurde bestraft und degradiert, vom Gefreiten zum Soldaten. Er erhielt Ausgangssperre, wurde in der Freizeit zu Zwangsarbeit verdonnert, "Arbeitsverrichtung" hieß das. Nur entlassen wurde er nicht.Den neunten November 1989 hat Dietmar Schultke in Berlin erlebt. Eingezwängt stand er in der Menschenmasse vor dem Bahnhof Friedrichstraße. In der Tasche hatte Schultke eine Fahrkarte nach Prag. Er wollte einen Tag später flüchten. Dietmar Schultke, Keiner kommt durch, Die Geschichte der innerdeutschen Grenze von 1945-1990, mit Beiträgen von Jürgen Fuchs und Günter Wallraff. Vortrag am Dienstag um 20 Uhr im Tränenpalast, Eintritt 5 Mark."Darüber, dass ich abhauen wollte, konnte ich mit keinem Menschen sprechen. " Dietmar Schultke, Ex-Grenzsoldat