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Berliner Zeitung | Interview mit Markan Karajica: „Die Menschen lieben ihr Fernsehen“
12. June 2014
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Interview mit Markan Karajica: „Die Menschen lieben ihr Fernsehen“

Markan Karajica ist Digitalchef des Medienkonzerns Pro Sieben-Sat1.

Markan Karajica ist Digitalchef des Medienkonzerns Pro Sieben-Sat1.

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Benemüller

Warum braucht Pro Sieben-Sat1 jetzt auch noch die 7TV-App?

Markan Karajica: Die Antwort ist simpel. Die App bietet eine kostenlose Mediathek der Inhalte aller Sender der Pro Sieben-Sat1-Gruppe. Hinzu kommt, dass Sie den Livestream des gesamten Free-TV Programms verfolgen können. Diese Kombination ist bislang einzigartig.  

Der Livestream soll aber 2,99 Euro pro Monat kosten. Sind Nutzer tatsächlich bereit dafür zu zahlen? Bei öffentlich-rechtlichen Sendern sind auch die Livestreams kostenlos.

Karajica: Die Bereitschaft für gute Inhalte und Service zu bezahlen steigt. Wir glauben, dass der Preis attraktiv ist. Die 2,99 Euro betrachten wir als technische Zugangsgebühr. Wir setzen darauf, dass die Nutzer sehr einfach zwischen Live-TV und Archiv switchen können. Das kommt an: Wir sind vor gut einer Woche sehr sanft gestartet, haben aber schon jetzt eine sechsstellige Zahl an Downloads erreicht. In Apps-Stores sind wir im Bereich Unterhaltung unangefochten an der ersten Stelle.  

Wir erleben gerade eine Explosion an TV-,Video- und Mediatheken-Apps. Passiert gerade die größte Revolution in der Geschichte des Fernsehens?

Karajica: Ach wissen Sie, das hat man bei der Erfindung der Farbfernsehens, der Fernbedienung oder der Smart TVs auch schon gesagt. Aber richtig ist: Extrem viel ist in Bewegung. Treiber sind die mobilen Geräte. Der Videokonsum auf mobilen Geräten ist zum Standard geworden. Unser Dogma ist: Die Inhalte von Pro Sieben-Sat1 müssen heute für die Nutzer immer und möglichst überall verfügbar ein. Wenn ein TV-Sender das nicht schafft, hat er verloren.  

Weil sich die Nutzung von Smartphones und Tabletrechnern intensivieren wird?

Karajica: Keine Frage, zumal Smartphones und Tablets immer leistungsfähiger werden. Mobile Geräte werden in den nächsten Jahren die Mediennutzung immer stärker dominieren. Verstärkt wird dies durch den Ausbau der Funknetze.  

Heißt das, dass das gute alte lineare Fernsehen ausgedient hat?

Karajica: Definitiv nicht. Im Gegenteil: Ich denke, die besten Zeiten des linearen Fernsehens liegen noch vor uns: Denn Fernsehen, so wie wir es verstehen, ist der Antrieb für ein ganz neues Entertainment-Erlebnis. Die Menschen lieben ihr Fernsehen, entsprechend hoch sind die Reichweiten. Schließlich haben wir in Deutschland noch immer eine durchschnittliche TV-Nutzung von 3,7 Stunden pro Tag.   

Aber gerade junge Menschen zwischen zwölf und 20 Jahren nutzen inzwischen Smartphones und Tablets intensiver als den Fernseher.

Karajica: Deshalb sehen wir die Chance, diese Leute über eine App wie 7TV besser zu erreichen als über das konventionelle TV-Programm. Hier erschließen wir also neue Nutzergruppen. Wir sind auch stark in den sozialen Netzwerken vertreten, um dort zu sein, wo die Nutzer sind. Und am Ende schauen sich ja auch Tablet-Nutzer die Circus HalliGalli Sendungen an. Wir führen die jungen Nutzer dabei zugleich auch an unserer Sendermarken heran, allen voran sicher mit Pro Sieben. 

Abe braucht in fünf Jahren jemand noch ein TV-Gerät?

Karajica: Definitiv: 10 Millionen Fernsehgeräte wurden im letzten Jahr verkauft. Ich denke, die Zahlen sprechen für sich. Sie sind inzwischen internetfähig und eröffnen den Nutzern eine Reihe gänzlich neuer Möglichkeiten. In fünf Jahren werden wir von einem Gerät zum nächsten nahtlos wechseln können. Ich fange abends im Wohnzimmer an, eine Show mit Stefan Raab zu schauen und sehe mir den Rest am nächsten Morgen auf dem Tablet in der S-Bahn an. Zugleich wird lineares Fernsehen zunehmend mit Online-Angeboten verschmelzen. Sie sehen eine klassische Nachrichtensendung, rufen zwischendurch Hintergrundbeiträge ab und schauen dann zeitversetzt die Nachrichten weiter.  

Wer so viele Möglichkeiten hat, kann auch Werbung umgehen. Ist online nicht auch eine Gefahr für werbefinanziertes Fernsehen?

Karajica: Die Frage der Kannibalisierung stellt sich so nicht. Ziel ist die Gesamtreichweite von Sendungen hochzuhalten. Wir bieten den Werbekunden zunehmend neue Touchpoints, um mit ihren Zielgruppen auch direkt in Kontakt zu kommen. Und im Zweifel ist es besser, dass wir selbst neue Online-Geschäftsmodelle anbieten als jemand anders. 

Apropos Konkurrenz: Starten sie jetzt 7TV, weil sie dem extrem erfolgreichen Streamingdienst Netflix zuvor kommen wollen, der im Herbst in Deutschland starten will?

Karajica: Netflix tritt nicht gegen 7TV, sondern gegen Maxdome, die Online-Videothek der Pro Sieben-Sat1 Gruppe an. Da spielt dann eine Rolle, wer exklusive und lokale Inhalte zu bieten hat und auf welchen Endgeräten verfügbar ist. Wie groß ist die Marketing-Power? Wie sind Medienangebote miteinander vernetzt? Ich glaube, Pro Sieben-Sat1 steht da ganz gut da. 

Auch Amazon bietet Filme und Serien für mobile Geräte, ebenso wie die Telekom oder der Kabelnetznetzbetreiber Unitymedia. Apple ist mit iTunes dabei und so weiter. Wird diese Unübersichtlichkeit noch wachsen?

Karajica: Die Vielfalt wird definitiv wachsen, denn die Zugangsbarrieren werden geringer. Es wird immer einfacher Multimedia-Apps zu bauen. Hauptreiber aber werden Inhalte sein. 

Das zeigt auch Netflix, die über selbst produzierte Serien groß geworden sind.

Karajica: Und eine davon haben wir übrigens co-produziert. Es sind attraktive und vor allem auch vielfältige Inhalte, die über den Erfolg einer Plattform entscheiden. Unsere Leuchtturm-Formate wie „Germany´s next Topmodel“ oder „The Voice of Germany“, aber auch Serien wie „Der letzte Bulle“ oder „Danni Lowinsky“ werden auch künftig einen guten Stand haben. Aber es werden sich auch in Nischen unzählige Angebote entwickeln. Ein Mountainbike-Fan etwa ist bereit, für erstklassige Mountainbike-Videos zu zahlen. Das wird wie im stationären Handel sein. Es wird Händler geben, die den Mainstream bedienen und es wird spezialisierte Händler geben, die Premiumprodukte anbieten. Für beides gibt es Märkte. Deshalb wird es auch für Lifestyle oder für Mode exklusive Plattformen geben. Das macht es auch möglich, mit neuen Formaten zu experimentieren, vielleicht mit einer Comedyshow online klein anzufangen, um sie ins große Fernsehen zu hieven, wenn sie erfolgreich ist.


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