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Berliner Zeitung | Gedenkportale und Facebook-Seiten: Trauern im Internet erlebt einen Boom
10. April 2012
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Gedenkportale und Facebook-Seiten: Trauern im Internet erlebt einen Boom

Immer öfter wollen Trauernde ihren Schmerz mit einer Online-Community teilen.

Immer öfter wollen Trauernde ihren Schmerz mit einer Online-Community teilen.

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dapd

Sie heißen „Kondolenzbuch für den kleinen Emder Engel!“ oder „Lena (†11) aus Emden Kondolenzseite“: Facebook-Gruppen, die Nutzer angelegt haben, um der ermordeten Lena zu gedenken. Einige haben fast 9000 Mitglieder, unzählige Beileidsbekundungen finden sich auf den Kondolenzseiten. Nur eine Rose aus Textzeichen etwa oder ein kurzes „Mein Beileid“, aber auch längere Texte der Anteilnahme. Wurde über Facebook zu Lynchjustiz aufgerufen, so zeigt dies die andere Seite sozialer Netzwerke: Für eine Generation, für die Facebook wie selbstverständlicher Teil ihres Lebens geworden ist, die sich über Facebook zum Geburtstag gratuliert und die Geburt ihres Kindes verkündet, verlagert sich auch die Trauer ins Netz, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Sabina Misoch. „Es wäre seltsam, wenn es anders wäre.“

Besonders sichtbar ist diese Entwicklung beim Tod von Prominenten wie Robert Enke oder Amy Winehouse: Zehntausende hinterlassen dann Beileidskommentare auf den Websites, ausgedruckt wären es gigantische Kondolenzbücher. Doch es sind nicht nur die prominenten Trauerfälle, die dieses Bedürfnis hervorrufen, sagt Kulturwissenschaftler Norbert Fischer, Professor an der Universität Hamburg. „Wir beobachten dies auch bei privaten Todesfällen, besonderes bei jungen Menschen.“

Verstreute Familien

Einen fundamentalen Wandel der Trauerkultur, nennt Fischer die gegenwärtige Entwicklung. Ort der Bestattung und Ort der Trauer fielen zunehmend auseinander. „Der klassische umgrenzten Friedhof, ein Produkt der Industriemoderne, verliert seine Bedeutung als alleinigen Ort von Trauer und Erinnerung.“ Die klassische Familiengrabstätte verliere ihren Sinn, wenn die Angehörigen nicht mehr am selben Ort wohnen, sagt Fischer.

Immer mehr Menschen entscheiden sich daher für Urnen- oder Waldbestattungen – Alternativen, die keine Grabpflege benötigen, die aus der Ferne nur schwer zu leisten ist.

Deutschlands Friedhöfe haben inzwischen mit einer zu geringen Auslastung zu kämpfen. Und mit erheblichen Finanzproblemen, da die Pflege der Anlage trotzdem aufrechterhalten werden muss. Überall im Land werden Friedhöfe verkleinert oder umgewidmet in Parkanlagen. Zugleich entsteht ein neuer gigantischer Markt – im Internet.

Es herrsche immer noch eine Goldgräberstimmung, sagt Lars Segelke, Gründer des Tauerportals infrieden.de. 16 Milliarden Euro werden im Geschäft mit dem Tod umgesetzt, schätzt der Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands. „Und immer mehr davon wird sich ins Netz verlagern,“ sagt Segelke.

Dem 40-jährigen Psychologen kam die Idee zu dem Trauerportal als eine Verwandte starb. Die Angehörigen lebten über ganz Deutschland verstreut, von Nürnberg bis Bremen. Es gab eine anonyme Bestattung. Segelke war auf der Suche nach einem Ort des Gedenkens. Im Internet, dachte er, müsste es doch so etwas geben. Doch damals, vor vier Jahren, gab es in Deutschland ncoh keine entsprechenden Angebote, sagt Segelke.

In den USA bereits üblich

Erst seit einigen Jahren wächst die Zahl der Trauerportale, eine Entwicklung die in den USA bereits viel früher einsetzte. Wöchentlich habe er Business-Pläne für virtuelle Friedhöfe auf dem Tisch, sagte ein Investor Segelke damals, als dieser selbst auf der Suche nach Geldgebern war.

Inzwischen kooperiert sein Unternehmen mit mehr als dreißig Zeitungsverlagen, der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau etwa. Ein Drittel der Traueranzeigen in deutschen Zeitungen stellt Segelkes Firma online. Auf ein ähnliches Volumen kommt das Portal Trauer.de, dessen Betreiber mit einem knappen Dutzend Zeitungen und Zeitungsgruppen kooperieren.

Im Netz können die Trauernden sich dann nicht nur ins Kondolenzbuch eintragen, sondern auch virtuelle Kerzen entzünden, Lebensstationen und Fotos des Toten hinzufügen. Eine positive Entwicklung, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Misoch: „Das virtuelle Gedenken hilft bei der realen Trauerverarbeitung.“

Millionen trauern online

Die Möglichkeit, den eigenen Schmerz mit einer Community zu teilen, sieht Torsten Dittrich als Grund für den Wachstum seines Trauerportals strassederbesten.de. Mit 1,2 Millionen Zugriffen monatlich dürfte es das meistfrequentierte reine Online-Trauerportal sein, sagt Dittrich. Die Seite ist nicht-kommerziell, für die Serverkosten zahlt Dittrich, der hauptberuflich als IT-Projektmanager arbeitet, drauf.

Dass er das macht, hat mit seiner eigenen Geschichte zu tun: Eine Freundin verlor während der Schwangerschaft ihr Kind. In den ersten drei Monaten gibt es noch kein Recht auf Bestattung; viele Menschen haben aber trotzdem das Bedürfnis zu trauern, weiß Dittrich, seit er daraufhin begann, das Trauerportal zu entwickeln.

18.000 virtuelle Gräber gibt es auf strassederbesten.de. Sie lassen sich in einer hügeligen Landschaft platzieren und komplett frei gestalten. „Von konservativ bis trashig ist alles dabei,“ sagt Dittrich. Auch das, sagt Kulturwissenschaftler Fischer ist ein Trend: Dem individuellen Trauerempfinden Ausdruck zu verleihen – auf den strikt reglementierten Friedhöfen war das bislang nicht möglich.

Wie bei Google Streetview

Die Kehrseite des Online-Trauer-Booms: Unternehmen, die Anzeigen aus anderen Portalen auslesen, um auf möglichst viele Gedenkseiten zu kommen. Und nicht alle Websites halten für immer. Mehr als 200.000 Euro kann der Start eines professionellen Gedenkportals kosten, kleine Unternehmen können sich da leicht verkalkulieren. Die digitale Unsterblichkeit, die Trauerportale versprechen, hält dann nicht einmal für fünf Jahren. Mit „Erinnerungen für Generationen“ warb etwa das Trauerportal e-bestattungen.de. Geblieben ist ein Werbeclip bei Youtube – auf der Website erscheint heute nur noch Werbung, die Kondolenzprofile sind verschwunden.

Dass die realen Friedhöfe verschwinden werden ist ein Gedanke, der infrieden.de-Geschäftsführer Lars Segelke nicht gefällt. Vielleicht, so hofft er, lassen sie sich auch durch eine virtuelle Erweiterung retten – indem sich der Friedhof online wie bei Google Streetview durchlaufen lässt. Bei Bedarf öffnet sich auf einen Klick die Erinnerungsseite, wo sich auch Blumen bestellen lassen – für das reale Grab.