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Berliner Zeitung | Programmierer auf der Republica: M. C. McGrath: „Die Überwacher zurücküberwachen“
07. May 2015
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Programmierer auf der Republica: M. C. McGrath: „Die Überwacher zurücküberwachen“

M. C. McGrath im Interview

Der 21-jährige Programmierer M. C. McGrath.

Foto:

Jonas Rest

Berlin -

Der 21-jährige Programmierer M. C. McGrath hat bei der Re:publica eine Datenbank vorgestellt, in der 27.000 LinkedIn-Profile der Geheimdienst-Branche durchsucht werden können. McGrath hat an der Boston University studiert und am MIT geforscht. Nun ist er nach Berlin gezogen, um finanziert von mehreren Stipendien als Gründer der Organisation Transparency Toolkit digitale Werkzeuge zu entwickeln, um die Geheimdienste zurück zu überwachen.

Herr McGrath,wie sind sie darauf gekommen, Geheimdienst-Mitarbeiter aus dem Job-Netzwerk LinkedIn herauszufiltern?

Die Linkedin-Profile der Geheimdienst-Mitarbeiter ploppten immer wieder hoch, als wir die Code-Namen von Überwachungsprogrammen bei Google suchten. Wir merkten schnell, dass die Lebensläufe und Profile der Agenten auf Linkedin eine sehr wertvolle Informationsquelle sind. Es finden sich teilweise sehr präzise Beschreibungen der Geheimprogramme in den Linkedin-Profilen.

„Institutionen bestehen aus Menschen“

Dann haben Sie eine Anwendung programmiert, um die Profile systematisch auszulesen?

Ja, wir haben 27.000 Profile aus der Geheimdienst-Branche gefunden , in dem wir nach bestimmten Schlüsselwörtern gesucht haben. In unserer Datenbank kann man nun nicht nur recherchieren, wer an welchen Programm arbeitet. Anhand der Lebensläufe bekommt man in der Gesamtschau auch einen ziemlich guten Eindruck davon, wann welche Geheimprogramme gestartet wurden und wann sie wieder von einem anderen Geheimprogramm abgelöst wurden. Man kann die Überwacher also zurück überwachen. Ich denke, es ist wichtig, sich den Überwachungsstaat auch auf Ebene der Individuen anzusehen. Institutionen bestehen aus Menschen. Wenn wir besser verstehen, wie die Menschen ticken, die dort arbeiten, hilft es, die Institutionen zu verändern.

Es scheint absurd, dass Geheimdienst-Agenten, die andere Menschen im Internet überwachen, selbst streng geheime Programmnamen inklusive Beschreibungen auf ihren Linkedin-Profilen veröffentlichen.

Dass sie so viel preisgeben, hat viel mit der Auslagerung von Geheimdiensttätigkeiten in private Firmen zu tun. Wie anderen Arbeitnehmer müssen auch Analysten potentiellen Arbeitgebern zeigen, was sie können, um für Stellen in Betracht gezogen zu werden. Also posten sie, dass sie sich mit den Geheimdatenbanken auskennen.

Nicht nur schlechte Menschen, die schreckliche Dinge tun

Haben Sie sich auch einzelne Profile genauer ausgewertet? 

Ja. Das ist teilweise sehr interessant. Ich bin etwa auf einen Analysten aus dem US-Bundesstaat Indiana aufmerksam geworden, der seit 1998 für die Geheimdienste arbeitete. Allerdings blieb er bei seinen beiden letzten Arbeitgebern nur noch zwei Monate, was bemerkenswert in Kombination mit der Tatsache ist, dass er in seinem Lebenslauf zugleich schreibt, dass er sich dort für eine eine unabhängige Überprüfung der Datensammlung eingesetzt hat. Nun ist er Gebrauchtwagenhändler. Vielleicht konnte er die Überwachung nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Das ist auch eine Erinnerung daran, dass in unserer Datenbank nicht nur schlechte Personen sind, die schreckliche Dinge tun. Manche versuchen vielleicht, das System von innen zu verändern und wir wissen davon nichts. Wenn wir dem Überwachungsstaat ein Gesicht geben, können wir ihn besser verstehen - und das ist eine Voraussetzung, um Veränderungen durchzusetzen.

 Das Gespräch führte Jonas Rest