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Berliner Zeitung | Todestag: Boris Nemzows Mörder wollten Putin einen Dienst erweisen
27. February 2016
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Todestag: Boris Nemzows Mörder wollten Putin einen Dienst erweisen

Der Ort des Verbrechens. Es gab Anteilnahme nach Nemzows Tod, aber auch viel Gleichgültigkeit.

Der Ort des Verbrechens. Es gab Anteilnahme nach Nemzows Tod, aber auch viel Gleichgültigkeit.

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dpa/Julius Koerbel

Drei Stunden vor seinem Tod hatte Boris Nemzow seinen letzten Auftritt als Politiker. Es war Freitagabend um 20 Uhr, Nemzow saß im Studio von Echo Moskau. Echo Moskau ist der einzige kritische Radiosender Russlands und damit so etwas wie das Wohnzimmer der Opposition in ungemütlichen Zeiten. „Borja“, nannte die Moderatorin Ksenia Larina den Gast, das klang zärtlich und vertraut.

Boris Nemzow warb für einen Protestmarsch am Wochenende und strahlte Zuversicht aus, wie immer. Er war der sonnengebräunte Kämpfer mit dem spöttischen Lächeln, einer, der den Optimismus zur Lebenshaltung gemacht hatte, auch wenn es in Russland wenig Grund für Optimismus gab für einen Liberalen wie ihn. Einst hatten die Zeitungen Nemzow als eine Art Wunderkind der russischen Politik bejubelt, er war 1991 der jüngste Gouverneur des Landes, und Präsident Jelzin hatte ihn einmal seinen Nachfolger genannt. Nun war er 55 Jahre alt und fast zwei Jahrzehnte in der Opposition.

„Frühling!“ sollte die Losung des Protestmarsches lauten. Die Moderatorin Larina ärgerte das. Das klinge viel zu fröhlich und positiv, sagte sie – als wären die Proteste gegen den Kreml nicht schon vor vier Jahren verebbt, und als könnte man vom Krieg in der Ukraine, von Blut und Tod schweigen! „Das Volk geht nun mal ungern auf Trauerfeiern“, konterte Nemzow trocken.

Wie einst die reaktionären Schlägertrupps des Zaren

Er ahnte nicht, dass er nur wenig später auf einem nassen Gehsteig liegen würde, mit vier 9-mm-Kugeln im Leib. Und dass der von ihm angekündigte Protestmarsch umfunktioniert werden würde zu einer Trauerfeier für den ermordeten Boris Nemzow. 50.000 Menschen zogen an jenem Sonntag dicht gedrängt und bleich und schweigend durchs Stadtzentrum, mit russischen Fahnen, an die schwarze Trauerbänder geheftet waren. Keine Spur war da von Frühling, von Hoffnung.

Der Mord an Nemzow erschütterte jenen Teil der russischen Öffentlichkeit, der sich überhaupt noch erschüttern lässt. Und er erschütterte wenigstens für einen Moment das Machtgefüge in der Hauptstadt; das ist mehr, als man von den vorhergegangenen politischen Morden in Putins Russland sagen kann.

Wadim Prochorow ist Nemzows Anwalt, Mitstreiter, Freund. Als Nemzow an jenem Abend des 27. Februar im Radiostudio war, haben die beiden noch telefoniert; Prochorow wollte Nemzow warnen, dass der Kreml-treue Fernsehsender NTW für Sonntag einen neuen Hetzfilm gegen Nemzow und die Opposition angekündigt hatte. Es war Teil einer Kampagne; am Sonntag zuvor hatte schon eine neue Bewegung namens „Anti-Maidan“ Konterfeis von Nemzow und anderen Putin-Gegnern durch Moskau getragen und sie als gefährliche Aufrührer im Sold Amerikas bezeichnet. „Schwarzhunderter“ nannten Nemzow und Prochorow diese Bewegung, wie einst die reaktionären Schlägertrupps des Zaren.

Parallelen an Mordfall Anna Politkowskaja

Auch an jenem Freitag dachte Prochorow: Das waren die „Schwarzhunderter“, als er den toten Nemzow kurz nach Mitternacht auf der Großen Moskau-Brücke liegen sah, nur 100 Meter vom Kreml entfernt. Nemzow war mit seiner Geliebten Anna Durizkaja – einem rund 30 Jahre jüngeren Model aus Kiew – auf dem Heimweg niedergeschossen worden, der Täter war im Auto geflohen. Den Rest der Nacht verbrachte Prochorow mit Vernehmungen. Irgendwann begegnete er dem Moskauer Polizeichef, General Anatoli Jakunin. Der fragte beiläufig: „Und wenn es Tschetschenen waren?“

Es waren Tschetschenen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon aus dem Munde des Geheimdienstchefs Alexander Bortnikow. Am 7. März verkündete er persönlich die Festnahme des mutmaßlichen Todesschützen im Ersten Fernsehkanal; das galt als Zeichen dafür, wie ernst man im Kreml den Mord am ungeliebten Oppositionsführer Nemzow nahm. Ein Tschetschene namens Zaur Dadajew war festgenommen worden, daneben vier weitere Tatverdächtige; ein fünfter hatte sich bei der Festnahme in die Luft gejagt, ein sechster war untergetaucht und wurde gesucht.

Das waren große Ermittlungserfolge in kürzester Zeit. Nur sind seither keine weiteren gefolgt. Vielmehr stießen die Ermittler auf jene unsichtbare Wand, auf die schon die Ermittler im Mordfall Anna Politkowskaja stießen. Es ist die unsichtbare Wand, die zwischen Russland und seiner Teilrepublik Tschetschenien verläuft, weil russische Gesetze dort wenig Wirkung haben.

Mord war für Ramsan Kadyrow

Schon einen Tag nach Bortnikows Auftritt im Fernsehen meldete sich Ramsan Kadyrow, Oberhaupt und faktisch Diktator der Republik Tschetschenien, zu Wort. Er kenne den festgenommenen Dadajew als „echten Patrioten Russlands“, schrieb Kadyrow auf seinem Instagram-Fotoblog, der 1,7 Millionen Abonnenten hat. Wie sich herausstellte, war Dadajew Offizier einer Kadyrow-treuen Sondereinheit des Innenministeriums.

Kadyrow stritt gar nicht ab, dass Dadajew Nemzow erschossen haben könnte – vielleicht hätten dessen Äußerungen zum Karikaturenblatt Charlie Hebdo ja „den tiefgläubigen Dadajew, wie jeden Muslim, erschüttert“. Kadyrow stritt nur ab, Dadajew könne etwas gegen Russland unternommen haben. Der Mord, so musste man daraus schließen, war für Kadyrow durchaus mit Patriotismus vereinbar.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie eine ganze Gesellschaft abgestumpft wird von einem Klima unterschwelliger Gewalt.

Dadajew war Offizier eines Regiments, das inoffiziell „Sewer“ („Nord“) heißt, offiziell aber den Namen von Ramsan Kadyrows Vater Achmed trägt. Es ist Teil der Truppen des russischen Innenministeriums, untersteht formal also Moskau; faktisch aber wird es nur aus Tschetschenen rekrutiert und zählt zu Ramsan Kadyrows Privatarmee. Auch die Mittäter Beslan Schawanow und Ruslan Muchudinow hatten bei „Sewer“ gedient. Richtig brisant aber war ein weiterer Name: Nach Moskau war Dadajew offenbar im Gefolge seines Vorgesetzten Ruslan Geremejew gekommen, eines Bataillonschefs bei „Sewer“ und Neffen der mächtigsten Männer.

Zu seinen Onkeln zählen Sulejman Geremejew und Adam Delimchanow, die Vertreter Tschetscheniens in den beiden Kammern des russischen Parlaments. Delimchanow ist bekannt dafür, dass ihm bei einer Rauferei in der Duma eine vergoldete Pistole aus der Jacke fiel. Er gilt als möglicher Nachfolger Kadyrows.

Ruslan Geremejew verbrachte mehrere Monate mit den Mördern Nemzows; man wohnte in zwei benachbarten Häusern, kaufte im Oktober ein altes Zaporozhez-Auto für Boris Nemzows Beschattung, und vergnügte sich in der Großstadt. Nach der Tat flog Geremejew zusammen mit dem mutmaßlichen Todesschützen Dadajew von Moskau nach Grosny, sie saßen nebeneinander.

Befragung Ramsan Kadyrows vergeblich beantragt

Für Prochorow ist klar, dass die Drahtzieher der Tat „in Kadyrows direktem Umfeld, ihn eingeschlossen“, zu suchen sind. Als Anwalt von Nemzows Tochter Zhanna hat er schon im April eine Befragung Kadyrows beantragt – vergeblich. Nicht bloß Kadyrows Person, sogar die von Ruslan Geremejews scheint für die Moskauer Ermittler tabu zu sein. Wie Prochorow weiß, waren die Ermittler zweimal drauf und dran, den Zeugen Geremejew offiziell zum Beschuldigten zu erklären, aber der Chef der Ermittlungsbehörde Alexander Bastrykin, ein alter Vertrauter Putins, verweigerte die Unterschrift. Stattdessen erklärte das Ermittlungskomitee das Verbrechen im Januar 2016 für aufgeklärt. Die Anklageschrift gegen Dadajew und vier seiner Helfer ist abgeschlossen und wurde den Beschuldigten vorgelegt, Prochorow als Anwalt Zhanna Nemzowas darf die 65 Bände ebenfalls einsehen.

„Auftragsmord“ lautet die Anklage. Als Organisator und Auftraggeber haben die Ermittler einzig den Mittäter Ruslan Muchudinow bezeichnet. Gegen ihn „und unbekannte Personen“ wird in einem gesonderten Verfahren weiter ermittelt. Ruslan Geremejew gilt nach wie vor als Zeuge. Wo Muchudinow und er sich aufhalten, ist unbekannt; Prochorow vermutet Geremejew in Tschetschenien. „Da wäre er auch sicherer vor dem Zugriff Moskaus als in Dubai.“

Was für einen Grund aber hätten Kadyrows Leute gehabt, Nemzow umzubringen? Und was für einen Grund hätte der Kreml, dies hinzunehmen? Dass Nemzow im Fall Charlie Hebdo Muslime beleidigt habe – er nannte den Islam „mittelalterlich“ – ist vorgeschoben. Denn der Anschlag in Paris fand erst im Januar 2015 statt, als Nemzow längst beschattet wurde.

Ramsan Kadyrow hat Treue zu Putin bewiesen

Prochorow sagt: „Wir brauchen nicht mehr zu beweisen, dass Kadyrow ein Motiv hatte, er hat die Belege nachträglich selbst geliefert.“ Tatsächlich hat Kadyrow der liberalen Opposition auf immer bizarrere Weise gedroht, um so seine Treue zu Putin zu beweisen. Zuletzt ließ er im Januar sein Volk zu einer Großkundgebung zusammentrommeln, und Adam Delimchanow – der Mann mit der vergoldeten Pistole – rief, er werde Russlands außerparlamentarische Opposition „gesetzlich oder auch ungesetzlich bekämpfen“.

Die mutmaßlichen Täter haben wohl gedacht, sie täten den Mächtigen einen Gefallen. Sie verwischten ihre Spuren nachlässig und waren verblüfft von der Festnahme, sagt Prochorow: „Die dachten, das ist ein geheimer Sondereinsatz, für den sie später Orden kriegen.“

Aber es hat den Mächtigen gar nicht gefallen, dass gleich vor dem Kreml ein Oppositionsführer ermordet wird. Anders als die 2006 von Tschetschenen ermordete Politkowskaja war Nemzow kein Journalist, sondern ehemaliger Vizepremier; und anders als der 2008 in Moskau ermordete Ruslan Jamadajew war er kein Tschetschene und Kadyrow-Rivale. Nemzow war Fleisch vom Fleische der Moskauer Elite, so sehr man ihn auch öffentlich ausgegrenzt hatte.

Putin sieht keine Alternativen

Mit seiner Ermordung war eine neue Grenze überschritten, und es begann eine ungemein nervöse Zeit. Wladimir Putin, der die Tat scharf verurteilt hatte, verschwand ab dem 5. März für zehn Tage in der Versenkung – just zu der Zeit, als die ersten Tatverdächtigen gefasst wurden. Es wird gemunkelt – der gut vernetzte Journalist Michail Sygar schreibt davon –, dass der Präsident sich damals eine Auszeit zum Nachdenken nahm. Kadyrow hatte ihn in Zugzwang gebracht, und diese Situation hasst Putin.

Man kann nur mutmaßen, was in jenen Tagen im Zentrum der Macht vorging. Am Ende hat Putin Kadyrow auch dieses Mal alles durchgehen lassen. Er sieht keine Alternative für ihn in Tschetschenien, so wie er ja auch für sich selbst keine Alternative sieht in Russland. Und während die Lähmung fortschreitet, wird auf jeden ungestraften Mord ein neuer getürmt. Die Mehrheit der Gesellschaft, abgestumpft von einem Klima unterschwelliger Gewalt, nimmt es hin. Als Nemzows Tochter Zhanna, aufgeschreckt von der Nachricht des Mordes, zum Tatort eilte und dem Taxifahrer erregt sagte: „Sie haben Boris Nemzow umgebracht!“, sagte der bloß: „Na und?“

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