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Berliner Zeitung | Doping: Ein zu frühes Urteil
04. August 2013
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Doping: Ein zu frühes Urteil

Einzug der westdeutschen Mannschaft am 26.08.1972 beim ins Olympiastadion während der feierlichen Eröffnung der XX. Olympischen Sommerspiele von München.

Einzug der westdeutschen Mannschaft am 26.08.1972 beim ins Olympiastadion während der feierlichen Eröffnung der XX. Olympischen Sommerspiele von München.

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dpa

Man hat geforscht, um eben Doping zu erkennen“, echauffierte sich Walther Tröger über die sportpolitische Debatte dieses Wochenendes. „Auf jeden Fall nicht, um zu dopen!“ Die westdeutsche Sportmedizin, steuerte Manfred von Richthofen kaum einsichtiger bei, sei bloß dem Verdacht nachgegangen, „dass es Mediziner gibt, die nicht korrekt nach dem internationalen Reglement ihre Patienten behandelt haben“.

Es war ein launiges Gespräch, das der Deutschlandfunk mit den Altfunktionären führte. Vor 2006, als der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und der Chef des Deutschen Sportbundes noch im Amt waren, konnten sich die beiden nur selten einigen. Diesmal entzweite sie eine andere Frage: Hat Sportführer Willi Daume nach 1990 den Doyen der westdeutschen Sportmedizin, den Freiburger Olympiaarzt Joseph Keul, vor Aufklärung unangenehmer Dopingwahrheiten bewahrt? Richthofen sieht das so, Tröger grummelte Ablehnendes ins Mikrofon.

Nun ist von den emeritierten Funktionären nicht zu erwarten, dass sie mit neueren Forschungen vertraut sind. Aber spätestens seit anderthalb Jahren gilt als historisch verbrieft, warum Sportmediziner in Freiburg oder Köln sich intensiv für Dopingsubstanzen interessierten und weshalb das dem Bundesinnenministerium (BMI) beigeordnete Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) ihre Forschungen eifrig finanzierte: „Das Ziel des BISp bestand ganz offensichtlich darin, die Anwendung der Anabolika im Leistungssport wissenschaftlich begründen zu lassen.“

So steht es im Zwischenbericht einer Forschergruppe der Berliner Humboldt-Universität. Vorgelegt wurde er im Herbst 2011 als Teil der Studie „Doping in Deutschland 1950 bis heute“, an der auch die Uni Münster mitarbeitete. Das BISp hat demnach seit seiner Gründung 1970 höchst heikle Forschung subventioniert – mit Wissen der Bonner Ministerialbeamten. Und Daume, der nach außen als großer Moralist auftrat? Ihm attestierten die Historiker „billigende Mitwisserschaft“.

Ihr Forschungsprojekt war 2008 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert worden, es sollte die west- und später gesamtdeutsche Dopingvergangenheit aufklären. 550 000 Euro hat der Steuerzahler mittlerweile dafür ausgegeben. Den Zeitraum nach 1990 haben die Berliner gar nicht bearbeitet. Grund war offenbar ein bizarrer Streit um von BISp und DOSB angeführte Datenschutzbedenken. Deshalb blieb auch der Abschlussbericht für die Phase davor, obgleich im April 2012 eingereicht, unveröffentlicht – was die Frage nach dem Aufklärungswillen von Sport und BMI aufwarf.

Auf diesem Hintergrund entwickelte das Thema am Wochenende eine neue Dynamik: Der Süddeutschen Zeitung lag der vollständige Bericht auf 800 Seiten vor, und was das Blatt ausbreitete, entfachte einen Sturm der Entrüstung übers „Staatsdoping West“. Die Historiker hätten, heißt es da, „akribisch zusammengetragen, wie systematisch auch in der Bundesrepublik gedopt wurde“. Die „westdeutsche Gewissheit“, dass die „richtig Bösen“ im Osten saßen, sei „jetzt erschüttert“. Die Geschichte müsse umgeschrieben werden.

Nahe gelegt wird, dass es sich im Westen keineswegs um „Staatsdoping light“ handelte. Sondern, dass die Sportsfreunde dasselbe praktizierten wie ihre feindlichen Brüder im Osten: systematisches Staatsdoping, einschließlich verbreiteter Anabolika-Verabreichung an Minderjährige. Das mag Balsam auf manche geplagte Ostseele sein – aber war das so? Die Behauptung wäre zumindest verwegen, durch die aktuelle Veröffentlichung ist sie kaum gedeckt. Die belegt erneut, wie der Bund unter Vorwänden, wie sie Tröger oder Richthofen bis heute vortragen, Dopingforschung förderte – schlimm genug. Belege für staatlich organisiertes Dopen der Marke DDR liefert sie nicht.

Natürlich: Auch im Westen werkelten „richtig böse“ Doper, die keinen Deut besser waren als ihre Ost-Kameraden: Mediziner, Trainer, gestützt von dopingfreundlichen Funktionären. Sie arbeiteten wie die DDR-Leistungsmaximierer bis 1974 – dezentral, in ihren Vereinen, mit bekannten Doping-Rezepteuren im weißen Kittel. Man weiß das seit 1991, seit Brigitte Berendonk ihre „Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug“ veröffentlichte. Das Buch dokumentierte nicht nur den rücksichtslosen DDR-Staatsplan 14.25 und die flächendeckende Zwangsverordnung an Athleten ab 1974.

Die frühere Olympiateilnehmerin, Ehefrau des Dopingaufklärers Werner Franke, knöpfte sich auch die Anabolikafreunde im Westen vor. Vieles, was jetzt anonymisiert als neu angepriesen wird, ist da nachzulesen, mit Name und Adresse. Wie Verbände über hohe Qualifikationsnormen indirekt Doping anregten. Wie Dopingkritiker gemobbt wurden. Wer die Einführung von Trainingskontrollen bremste. Eine Anabolika-Studie, die schon 1968 den Muskelzuwachs bei 16-Jährigen beschrieb – von der sich ihr Autor allerdings 1969 öffentlich distanzierte.Die SZ zitiert nun eine „Skizze“ zur Berliner Studie, nach der es „faktisch einen Zwang zur Dopingmitwirkung für Jugendliche gab“. Wie valide solche Aussagen sind, lässt sich aus dem Veröffentlichten nicht ablesen. Bisher waren Einzelfälle bekannt. Belegt und neu ist hingegen, dass das BISp schon Ende 1988 Forschungen in Freiburg zum Blutdopingmittel Epo bezahlte – angeblich zur „Therapie der Eisenmangelanämie“. Spätestens ab 1996 spritzen Breisgauer Mediziner den Telekom-Radlern Epo.

Solche Verknüpfungen sind brisant genug. Aber auch ein Grund, die Geschichte umzuschreiben? Für ein Urteil ist es zu früh. Viola von Cramon, die sportpolitische Sprecherin der Grünen, verlangt denn auch von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), den Berliner Bericht und die Akten von BMI und BISp zu allen Dopingforschungsprojekten „unverzüglich zu veröffentlichen“. Von Cramon: „Das Ministerium muss Klarheit über seine eigene Rolle herstellen und die Abläufe dieser offenkundig rechtswidrigen Forschung dokumentieren.“

Und die beiden Grandseigneurs des deutschen Sports? Konnten sich am Ende noch auf eine Lehre aus der Debatte einigen. „Der Sport kann nicht allein aufklären“, adressierte von Richthofen an Nachfolger Thomas Bach. Aktuell brauche er „eine Verschärfung“ der Antidoping-Gesetze. Walther Tröger stimmte, verhaltener, dann doch einmal zu.