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Ehemalige Mitarbeiter werfen der Firma Humana Ausbeutung vor. Die Bundesregierung hat jetzt reagiert: Afrika-Hilfe umsonst

BERLIN. Das Kaufhaus im Berliner Osten ist ein wenig heruntergekommen, aber beliebt. "Humana - First Class Second-Hand-Markt auf 4 Etagen", steht in großen Buchstaben an der bröckelnden Fassade am Frankfurter Tor. Die T-Shirts, Sakkos und Kleider sind dritte Wahl, dafür aber billig. "Außerdem hat man das Gefühl, etwas Gutes zu tun, wenn man hier einkauft", sagt Mauricio Santamaría. Im Treppenhaus hängen Fotos mit schwarzen Schulkindern aus Mosambik und Sambia, sodass viele Kunden glauben, Humana sei alternative Entwicklungshilfe.Das hat auch Mauricio Santamaría einmal gedacht. Der 28-jährige Ingenieur, der aus Kolumbien stammt und seit fünf Jahren Deutscher ist, hat anderthalb Jahre für Humana gearbeitet, freiwillig, um sich den Traum von Entwicklungshilfe in Afrika zu erfüllen. Am Ende hatte er das Gefühl, ausgenutzt und in eine Organisation hineingezogen zu werden, die sein ganzes Leben kontrollieren wollte. "Humana wirbt mit scheinbarer Wohltätigkeit junge Leute an", sagt er. "Und dann kam es mir wie bei einer Sekte vor."Robert Zückmantel, ein 22-jähriger Student aus Chemnitz, sollte 2008 ein Praktikum bei Humana antreten, doch tatsächlich sei er als Hilfsarbeiter eingesetzt worden, sagt er. "Wir Praktikanten mussten sieben Tage die Woche schuften, in den Berliner Humana-Läden oder beim Kleidersammeln. Unsere Unterkünfte in der neuen Humana-Zentrale in Mahlsdorf waren dreckig und kaputt. Die Heizung lief nicht." Von sieben Afrika-Freiwilligen, die mit ihm dort hausten, waren fünf so enttäuscht, dass sie wie Zückmantel nach ein paar Wochen wieder aufhörten. "Wir haben 70 bis 80 Stunden pro Woche geschuftet, dann abends noch Humana-Bücher studiert", sagt Zückmantel. "Es war wie in einem Arbeitslager."Zückmantel und Santamaría sind nicht die einzigen, die so reden. Aber viele Absolventen des Humana-Freiwilligen-Programms wären wohl bereit, darüber hinwegzusehen - wenn sie wenigstens ihren Traum von der Hilfe für Afrika erfüllt bekommen hätten."Von Entwicklungshilfe konnte eigentlich keine Rede sein", sagt Melanie Scheuenstuhl, die in Bayreuth Afrikanistik studiert. Auch die 22-jährige Studentin wollte für einige Zeit als Freiwillige nach Afrika. Doch die meisten Hilfsorganisationen verlangen von ihren Praktikanten, dass sie die Flüge bezahlen und monatliche Gebühren, die tausend Euro betragen können. Geld, das Melanie nicht hatte.Als sie im Internet nach Alternativen googelte, stieß sie sofort auf Humana. Auch in Zeitungen inseriert der Altkleiderkonzern: "Freiwillige gesucht für humanitäres Arbeiten in Afrika." "Mich hat besonders angesprochen, dass man die Kosten bei Humana abarbeiten konnte", sagt Melanie Scheuenstuhl. Nach der Kontaktaufnahme über eine E-Mail-Adresse wurde sie zu einem Infotreffen nach München eingeladen. Dort erfuhr sie, dass sie 230 Euro Gebühr bezahlen und sechs Monate in Großbritannien arbeiten sollte. Anschließend würde sie nach Afrika fliegen. Es war viel von Teamarbeit die Rede. Ihr gefiel das.Zwei Tage nach dem Abi, im Juli 2006, fuhr die Studentin nach Ostengland und wurde in einer Schule untergebracht. "Es war harte Arbeit, acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Wir mussten Flyer verteilen und dann die Säcke mit den Altkleidern einsammeln." Außerdem wurde sie zum Spendensammeln auf die Straße geschickt, mit zwanzig anderen Freiwilligen aus Deutschland, Russland, Italien. "Wir verkauften Broschüren über Afrika, in denen stand, dass damit der Einsatz der Freiwilligen finanziert wird." Bald aber wurde sieben Tage durchgearbeitet, weil sie das Spendensoll nicht erreichten. "Es wurde Druck aufgebaut, immer mehr zu schaffen." Melanie Scheuenstuhl hoffte, in Afrika würde es anders werden.Anfang April 2007 war es dann soweit. Die junge Frau flog nach Sambia zu einem Aids-Projekt, das die Organisation dort unter dem Namen DAPP betrieb. Gemeinsam mit einer Freiwilligen aus Frankreich blieb Melanie Scheuenstuhl sechs Monate in Sambia und reiste dann desillusioniert zurück. "Das Projekt erhielt viel zu wenig Geld. Wir hatten nichts Sinnvolles zu tun." Was sollte das Ganze also? "Ich halte das nicht gerade für seriöse entwicklungspolitische Arbeit."Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat, nach einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag, Humana Mitte Februar als einzige Organisation nicht in das neue "Weltwärts-Programm" aufgenommen. Damit soll der Aufenthalt von rund 10 000 jungen Freiwilligen in Entwicklungsländern mit etwa 600 Euro monatlich bezuschusst werden. "Humana passt nicht in unser Konzept", lautet die offizielle Sprachregelung. 194 andere Hilfswerke wurden dagegen akzeptiert. Das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI), Verleiher des begehrten Spendensiegels, hat Humana ohnehin nie anerkannt. "Humana ist intransparent und unglaubwürdig", sagt DZI-Leiter Burkhard Wilke. Geschickt werde mit Namen hantiert. Die Altkleider sammeln kommerzielle Humana GmbHs ein; um die Freiwilligen kümmert sich stattdessen ein "ideeller" Verein Humana People to People.Die Chefin des deutschen Humana-Vereins, Julia Breidenstein, ist zu einem Gespräch nicht bereit. In einer Antwort auf die Kleine Anfrage der Grünen stellt sie Humana jedoch als seriöse Hilfsorganisation dar. Die Bezeichnung Sekte weist sie zurück. Aber sie legt nicht offen, was genau mit dem Geld geschieht, das Humana einnimmt, sondern schreibt, der Gewinn werde eingesetzt, "um Spenden zu leisten für die sozialen Projekte in Afrika". So würden pro Jahr Millionen Altkleiderstücke nach Mosambik geschickt. "ADPP Mozambique verkauft die gebrauchte Kleidung und setzt die Überschüsse für ihre sozialen Projekte ein."Obwohl Humana seit Mitte der neunziger Jahre umstritten ist, gelang es dem angeblich karitativen Konzern, stetig zu wachsen. Altkleider sind ein Riesengeschäft. Humana und Schwesterorganisationen wie UFF, DAPP oder Planet Aid sind in vielen Ländern West- und Osteuropas aktiv. Der Konzern hat Sammelcontainer in hundert deutschen Städten aufgestellt, betreibt etwa zwanzig Läden vor allem in Berlin und Köln.Ehemalige Freiwillige berichten, dass vom durchaus erheblichen Umsatz nur sehr wenig in Afrika ankomme. "Das einzige Geld erhielt unser Projekt aus dem Verkauf von Altkleidern vor Ort", sagt Melanie Scheuenstuhl. Tatsächlich wurden beispielsweise 2004 gemäß einer Selbstauskunft im Internet nur rund 57 000 Euro aus Deutschland nach Afrika überwiesen. Recherchen dänischer Ermittler zeigten, dass Millionen in dunklen Kanälen versickern, die oft in Steuerparadiese führen.Der Deutsch-Kolumbianer Mauricio Santamaría glaubt, dass Humana eine Geldmaschine ist, die ihre Margen mit günstigen Ressourcen erzielt: gespendete Altkleider als Rohstoff, Freiwillige als kostenlose Arbeiter. "Die haben ein Perpetuum mobile erfunden", sagt er.Santamaría studierte an der Berliner Humboldt-Universität Agrarwissenschaften. Als er ein Hilfsprojekt für die Zeit nach seinem Diplom suchte, entdeckte er am Schwarzen Brett des Fachbereichs ein Humana-Faltblatt. Er meldete sich in Dänemark und wurde im Januar 2007 in ein früheres Schloss in Lindersvold bei Kopenhagen eingeladen, das heute eine Schule ist. Dort schilderten ihm freundliche Mittfünfziger die Entwicklungsprojekte in Afrika. "Alles wirkte familiär, das beeindruckte mich. Also sagte ich okay und wurde gleich zur Arbeit eingeteilt", erzählt Santamaría. Er sollte acht Monate für Humana arbeiten, dann habe er genug Geld für den Flug und sechs Monate in Mosambik zusammen.Santamarías Job war es, von Montag bis Sonnabend mit einem Kleinbus die Humana-Container um Kopenhagen abzuklappern, sie zu leeren und die Altkleider abzuliefern. Oft musste er auch sonntags fahren. In Lindersvold wohnte er mit zwanzig weiteren Freiwilligen. Bald ärgerte er sich, dass fast alle anstrengenden Arbeiten von ihnen ausgeführt wurden, sogar die Betreuung der Problemjugendlichen in der Sonderschule, selbst Putzen und Kochen. Angeblich sammelten die Freiwilligen dabei "wertvolle Erfahrungen für Afrika". Dafür erhielt Santamaría nicht einmal ein Taschengeld, nur Kost und Logis. "Aber die Leitung, die liegt ausschließlich beim engeren Kreis von Humana - den TGs."TG ist abgeleitet von Teachers Group, Lehrergruppe. "Die Humana-Leute haben sich uns als eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten vorgestellt, die früher mit Bussen nach Indien fuhren, dann freie Schulen gründeten und jetzt Entwicklungshilfe machen. Sie haben uns ihre Prinzipien erklärt: gemeinsames Leben, gemeinsames Geld, gemeinsame Zeit. Das klingt erstmal toll. Aber irgendwie waren die Leute alle seltsam. Wie eine Sekte." Viele ältere TGs waren Dänen; jüngere kamen oft aus Osteuropa. Santamaría fiel auf, dass so gut wie alle TGs Singles waren, dass sie den Hauptanteil ihres Lohns abliefern mussten und fast niemand Kinder hatte. "Kinder würde uns nur am Arbeiten hindern", hätten sie gesagt. Für Mitarbeiter einer karitativen Organisation hätten sie sich recht zynisch benommen. "Wir Freiwilligen durften kein Bier trinken, aber sie haben getrunken."Dreimal wurde Santamaría angeboten, in die Teachers Group einzutreten. "Sie fragten mich, hast du nicht Lust, die Welt zu verändern? Afrika eine Chance zu geben? Etwas gegen Aids zu tun? Ich habe das Angebot dankend abgelehnt. Mir war schnell klar, dass sie im Grunde nichts von Entwicklungshilfe verstehen." Seinen Traum von Afrika ließ sich Santamaría auch nicht von einheimischen Dänen ausreden, die ihn manchmal ansprachen, wenn er die Humana-Container leerte. "Du arbeitest für Tvind, das ist nicht gut." Von Tvind hatte er schon gehört, dem Ursprungsort der Teachers Group. Darauf angesprochen, redeten die TGs von "längst widerlegten Vorwürfen". Als Santamaria versuchte, im Internet mehr zu erfahren, fand er jedoch nur Humana-Propaganda.So erfuhr er damals nicht, dass selbst Staatsanwälte in Dänemark von einem "Tvind-Imperium" sprechen. Dieses ging aus einer revolutionären Gruppe hervor, die der Maoist Amdi Petersen 1970 als sozialistische Schulreformbewegung gegründet hatte. Mit staatlichen Subventionen wurde der Grundstock für ein heute milliardenschweres weltweites Konglomerat von Altkleiderfirmen, Schulen, Möbelfabriken, Plantagen und Dritte-Welt-Projekten gelegt. Das Tvind-System sei eine Sekte mit Gehirnwäsche, aber ohne Religion, haben langjährige Petersen-Jünger immer wieder bezeugt. Der Kern des Sektenkonzerns bestehe aus rund 600 TGs, deren Ziel das stete Anhäufen finanzieller und damit politischer Macht sei. Aus den Freiwilligen rekrutieren die TGs ihren Nachwuchs.Vieles bei Tvind ist mysteriös, nicht nur der Guru Petersen, der 1979 untergetaucht war. Als Hinweise auf massiven Subventionsbetrug in Dänemark nicht mehr zu ignorieren waren, wurde ab 1997 nach ihm gefahndet; wenig später wurde Humana in Frankreich offiziell als Sekte eingestuft. Anfang 2002 wurde Petersen in Los Angeles verhaftet und in Dänemark angeklagt, 2006 aber freigesprochen. Sofort verschwand er wieder; heute soll er in einem der zwei luxuriösen Hauptquartiere leben, die in Mexiko und in Simbabwe liegen. Vor zwei Monaten wurde sein Statthalter in Dänemark, Paul Jörgensen, zu zweieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Seither sucht Interpol auch den 70-jährigen Tvind-Boss wieder mit Haftbefehl.Über Amdi Petersen werde bei Humana nie gesprochen, sagt Mauricio Santamaría. Im Oktober 2007, nach acht Monaten harter Arbeit, reiste er gemeinsam mit einer 50-jährigen Freiwilligen aus Estland nach Guinea Bissau, eines der ärmsten Länder Afrikas. Vorbereitung? Fehlanzeige. Und das Landwirtschaftsprojekt? "Es gab nur einen einheimischen Direktor, aber kein echtes Projekt."Immerhin funktionierten die Berufsschule und der Kindergarten, und es gab ein tägliches Schulessen für die Kinder. Normalerweise. Allerdings waren diese Wohltaten abhängig vom Nachschub an Second-Hand-Kleidern. Blieben die Container aus Europa aus, konnte nichts verkauft werden und es kam kein Geld in die Kasse. "Trotzdem flogen die zwei dänischen und dreizehn schwarzen TGs einmal im Jahr zum Afrikatreffen von Tvind in Simbabwe. Das war enorm teuer. Und wir hatten so wenig Geld für die Projekte! Ich wollte mit den TGs darüber diskutieren, aber sie lehnten ab."Mauricio Santamaría verbuchte die Zeit in Afrika als Erfahrung, wollte aber nach seiner Rückkehr im Oktober nichts mehr mit Humana zu tun haben. Auch Melanie Scheuenstuhl bekam in Afrika das Angebot, in die Teacher Group einzutreten - sie lehnte ab. Robert Zückmantel sagt, er fühle sich "betrogen und ausgenutzt". Derweil hat Humana ihre Freiwilligenwerbung gerade intensiviert. Info-Meetings finden in Berlin statt, Flyer rufen junge Leute auf, sich als Freiwillige in "einem unserer vielen Projekte im südlichen Afrika" zu engagieren, denn: "Armutsbekämpfung geht alle an!"------------------------------"Wir Praktikanten mussten sieben Tage die Woche schuften. Die Unterkünfte waren dreckig und kaputt. " Robert Zückmantel------------------------------"Mir war schnell klar, dass sie im Grunde nichts von Entwicklungshilfe verstehen." Mauricio Santmaría------------------------------Foto: Der Traum von Afrika: Robert Zückmantel (l.) und Mauricio Santamaría arbeiteten für Humana.



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