blz_logo12,9

Ehrendoktorwürde für Snowden: „Ungehorsam gehört zu modernen Demokratien“

Die Uni Rostock will Edward Snowden zum Ehrendoktor machen.

Die Uni Rostock will Edward Snowden zum Ehrendoktor machen.

Foto:

AP/dpa

In der vergangenen Woche haben der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock, Professor von Wensierski, und zwei Kolleginnen den Antrag gestellt, Edward Snowden die Ehrendoktorwürde der Fakultät zu verleihen. Herr von Wensierski, wie kamen Sie auf die Idee, Snowden zum Ehrendoktor machen zu wollen – und in eine Reihe mit Albert Einstein oder Bundespräsident Gauck zu stellen?

Uns beeindrucken die Zivilcourage und der zivile Ungehorsam von Herrn Snowden. Zivilcourage ist ein zentrales Thema in Lehre und Forschung der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften. Außerdem bilden wir vor allem Lehrer aus – die müssen lernen, was ein mündiger Mensch erreichen kann. Wir sind es Snowden, der seine ganze soziale Existenz für die Aufdeckung der Wahrheit aufgegeben hat, schuldig, dass wir ihn nicht in Moskau vergessen.

Warum die Ehrung nur für Snowden – und nicht auch für Julian Assange?

Assange hat mit Wikileaks personenbezogene Daten offen gelegt. Das hat möglicher Weise Menschen direkt gefährdet. Edward Snowden dagegen hat nach unserer Kenntnis Strukturen und Überwachungsprogramme von amerikanischen Geheimdiensten offen gelegt. Aber er hat keine Menschen gefährdet. Das ist ein erheblicher Unterschied.

Ist die Ehrendoktorwürde nicht eine Auszeichnung für wissenschaftliche Leistungen?

Joachim Gauck ist ja auch Ehrendoktor der Rostocker Universität, als Pfarrer, als widerständiger Mensch zu DDR-Zeiten, als Stasi-Aufklärer. Auch Herrn Snowden hat uns auf Probleme aufmerksam gemacht, die für Politikwissenschaften, die Bildungs- oder Rechtswissenschaften, die Historiker und die Amerikanistik, die Philosophie eine Rolle spielen. Es geht um Grundrechte in einer digital vernetzten Welt, das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat, die Beziehungen zwischen demokratischen Staaten, den selbstverantwortlichen Umgang mit eigenen Daten.

Wie waren die Reaktionen?

Sehr unterschiedlich. Der Fakultätsrat hat einstimmig mit zwei Enthaltungen beschlossen, die Prüfung eines Ehrenpromotionsverfahrens einzuleiten. Der Rektor und viele Kollegen vor allem in den Natur- und Ingenieurswissenschaften zeigen sich skeptischer. Sie sehen noch nicht die wissenschaftliche Bedeutung Snowdens. Aber aus unserer Sicht gehört ziviler Ungehorsam zu modernen Demokratien dazu. Erinnern Sie sich an Rosa Parks in den 1950er Jahren, Martin Luther King, Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi – alles Bürger, die gegen die Gesetze des Staates verstoßen haben im Dienst einer höheren Sache.

Können Sie Snowden denn nach Rostock holen?

Im Augenblick wohl nicht. Aber wir haben schon hinreichend würdige Ehrendoktorfeiern in Abwesenheit des Geehrten gemacht.

Spielt enttäuschte Amerika-Liebe eine Rolle in dieser Debatte?

Die beiden Kolleginnen und ich sind große USA-Fans. Elisabeth Prommer, die Professorin für Medienwissenschaft, ist Amerikanerin, Gesa Mackenthun ist Professorin für Amerikanistik. Aber der Impuls war: Wenn es stimmt, dass eine befreundete Nation, die uns nach dem Krieg die Demokratie erst möglich gemacht hat, uns ausspioniert, dann muss man etwas machen. Und wir können uns darauf verlassen: In dieser großen, alten Demokratie haben sich nach Exzessen immer kritische bürgerliche Gruppen auch mit Fehlentwicklungen in der Gesellschaft auseinander gesetzt. Wenn wir die Zeichen aus den USA derzeit richtig lesen, dann beginnt eine solche Diskussion gerade.

Das Interview führte Nikolaus Bernau.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?