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Ein Jahr nach den Terroranschlägen: Frankreich ist nicht mehr Charlie

Religiös verbrämter Extremismus ist wieder das Thema der aktuellen Ausgabe von Charlie Hebdo. „Ein Jahr danach ist der Mörder noch immer auf freiem Fuß“, steht dort. Gezeigt wird nicht der muslimische Prophet, sondern der christliche Gott.

Religiös verbrämter Extremismus ist wieder das Thema der aktuellen Ausgabe von Charlie Hebdo. „Ein Jahr danach ist der Mörder noch immer auf freiem Fuß“, steht dort. Gezeigt wird nicht der muslimische Prophet, sondern der christliche Gott.

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AFP

Paris -

Schon ein Jahr ist vergangen! Oder muss man sagen: Erst ein Jahr – nach allem, was seither geschehen ist in Frankreich? Es war der 7.?Januar 2015, als die Brüder Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionssitzung des Satireblattes Charlie Hebdo in Paris eindrangen und mit ihren Sturmgewehren ein Blutbad anrichteten.

Am 8. Januar brachte ihr Komplize Amédy Coulibaly eine Polizistin im Vorort Montrouge um. Am 9. Januar erschoss Coulibaly in einem koscheren Geschäft mehrere Geiseln und wurde daraufhin selbst erschossen, während die Polizei gerade die Kouachis in einer Fabrik östlich der Hauptstadt stellte. 17?Menschen plus die drei Terroristen ließen ihr Leben in diesen drei Tagen. Frankreich stand unter Schock.

Erholt hat sich das Land bis heute nicht von dem Schrecken. Gewiss: Gleich am Sonntag nach den Terroranschlägen gingen spontan vier Millionen Menschen auf die Straße und beschworen die Solidaritätsdevise „Je suis Charlie“ – Ich bin Charlie. So gewaltig war die Demonstration in Paris, dass sie in drei Züge geteilt werden musste. Nur die Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National (FN) war unerwünscht und musste zu einem Umzug ihrer eigenen Partei an der Rhône-Mündung ausweichen.

Soziale Apartheid

In den Wochen danach ging Frankreich in sich und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. Premier Manuel Valls gelangte gar zu der Einsicht, dass die Jugend aus der Banlieue, den Vorortvierteln der französischen Großstädte, in einer sozialen, schulischen und geografischen „Apartheid“ lebe. Präsident François Hollande erklärte, die Republik sorge sich um alle Bürger aller Religionen gleichermaßen. Bald zeigten sich allerdings Risse im schönen Bild nationaler Eintracht.

Die Polizei nahm in ihrem Eifer nicht nur verdächtige Islamisten fest, sondern zum Beispiel auch einen Achtjährigen, der etwas von Dschihad faselte. Streit entbrannte um einen Essay des erschossenen Charlie-Zeichners Charb, der im Frühling posthum erschien.

Der Cartoonist, der mehrfach Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte, rechtfertigte sich darin gegen den Vorwurf der Islamophobie: „Aufgrund welcher verdrehten Theorie“, fragte der frühere Vordenker des Satireblattes, „ist Humor mit dem Islam weniger vereinbar als mit einer anderen Religion?“ Woraufhin der Soziologe Emmanuel Todd der Charlie-Gemeinde in einer Streitschrift vorwarf, sie bestehe nur aus der „weißen, katholischen Mittelschicht“. Diese sei bemüht, „ihre Privilegien und insbesondere ihr gutes Gewissen gegen Ausgeschlossene, alteingesessene Arbeiter oder Kindern von Einwanderern zu verteidigen“.

Ein Roman erhielt Kultstatus

Luz, einer der Überlebenden von Charlie Hebdo, schied im September aus der Redaktion aus. Gerade jener Zeichner, der nach dem Anschlag das geniale Cover mit dem weinenden Propheten unter der Zeile: „Alles ist verziehen“ entworfen hatte, erklärte, er sei es müde, weiter Mohammed zu zeichnen und falsch verstanden zu werden.

Ein Bestseller wirkte weiter: Die Polit-Fiktion „Unterwerfung“, in der Michel Houellebecq eine islamistische Regierungsübernahme in Frankreich beschreibt. Zwar entspringt der Plot allein den Fantasien und Ängsten eines hochneurotischen Autors, und nichts deutet darauf hin, dass die Wähler ihn zur Realität machen könnten. Doch dass das Buch zufällig ausgerechnet am Tag der Charlie-Anschläge erschien, verschaffte ihm von Beginn an Kultstatus.

Ebenso defätistisch und ebenso erfolgreich wie „Unterwerfung“ war „Der französische Selbstmord“ aus der Feder des Reaktionärs Eric Zemmour. Das Pamphlet nahm den Aufstieg des fremdenfeindlichen FN zur stärksten Partei bei der ersten Runde der Regionalwahlen von Mitte Dezember schon einmal vorweg.

Die Anschläge vom November

Doch zuvor erzitterte Frankreich ein zweites Mal in seinen Grundfesten: Am 13. November attackierte ein Terrorkommando Pariser Bistroterrassen und das Musiklokal Bataclan. 130 Tote blieben zurück, 350?Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer.

Unter den Opfern dieses schwarzen Freitags war auch der vielbeschworene „esprit Charlie“, der Geist von Charlie Hebdo: Versöhnlichkeit, Brüderlichkeit und republikanisches Zusammenstehen sind in Frankreich nicht mehr aktuell.

Präsident Hollande gab sich martialisch, dekretierte landesweit den Ausnahmezustand und machte sich selbst den Vorschlag des FN zu eigen, Terroristen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Der frühere Banlieu-Bürgermeister Valls – auch er dem Parteibuch nach ein Sozialist – vergaß jedes Verständnis für die Banlieue-Jugend, sondern sprach von einem „Krieg der Zivilisationen“. Frankreich drapiert sich in die Trikolore; Armeepatrouillen in den Straßen gehören zum neuen Alltag; bereits mehr als 3000?Hausdurchsuchungen in Wohnvierteln ohne richterliche Ermächtigung hat es gegeben. Allzu vieles erinnert an die USA nach dem 11. September 2001.

Der Philosoph Alain Finkielkraut tönt wie ein Echo von Le Pen, wenn er jetzt erklärt, er fühle sich angesichts der Immigration fremd im eigenen Land. Mindestens so sehr wie für ihn gilt dieses Gefühl der Entfremdung für Hunderttausende junge Franzosen der zweiten und dritten Einwanderergeneration: Im Vorstadtzug werden sie misstrauisch angeschaut, bei der Ankunft im Pariser Gare du Nord von der Polizei gefilzt. Die Zahl islamfeindlicher Akte – Anschläge auf Moscheen und dergleichen – ist 2015 auf mehr als 400 hochgeschnellt. Die IS-Terrorstrategen im fernen Syrien und Irak reiben sich die Hände.

„Araber raus“

Als Weihnachten ein paar Banlieue-Rowdys in der korsischen Stadt Ajaccio Feuerwehrleute mit Steinen bewarfen, versammelte sich im Stadtzentrum wie aus dem Nichts ein Mob. Unter dem Ruf „Araber raus“ zogen ein paar hundert Menschen zu einem muslimischen Gebetsraum, verwüsteten ihn und verbrannten Exemplare des Koran – im sicheren Wissen, welche Provokation für Gläubige das bedeutete.

In einigen anderen Städten halfen muslimische Verbände Heiligabend hingegen mit, Kirchen vor eventuellen Anschlägen zu schützen. „Wir leben zusammen, wir sind alle Brüder“, sagte im nordfranzösischen Lens Organisator Hachim El Jazouli. Die Kirchenbesucher spendeten der symbolischen Aktion dankbar Applaus. Vielleicht erinnerten wenigstens sie sich kurz an die Zeit, als in Frankreich noch der Geist von Charlie wehte.



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