blz_logo12,9

Ein Kartograf hat die Bedeutung der Ortsteilnamen erforscht: Berlin, ein Sumpf mit Nattern und Nebel

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Wo auf Landkarten sonst Berlin steht, ist in Stephan Hormes' Deutschlandkarte Sumpfstadt eingetragen. Diese Sumpfstadt scheint ein geheimnisvoller Ort zu sein: Einen Nebel- und einen Natternsee gibt es dort, ein Drachendorf, einen Fluss namens "Die Dunkle" und mittendrin den "Berg der Überlegung und des Ruhmes".Stephan Hormes, 43 Jahre alt, ist weder Fantasyautor noch will er mit der Bezeichnung "Sumpfstadt" Berlin verunglimpfen. Er ist Kartograf und den wahren Bedeutungen geografischer Namen auf der Spur. Im Sommer brachte er mit seinem Zwei-Mann-Verlag Kalimedia einen "Atlas der wahren Namen" für die Welt und Europa heraus, Anfang der Woche erschien der auch für Deutschland - mit einer extra Berlinkarte. Den Namen Sumpfstadt hat es übrigens der Silbe "berl" zu verdanken. Die bedeutet auf altpolabisch - so heißt die Sprache der westslawischen Stämme, die seit dem 7. Jahrhundert in Nordostdeutschland siedelten - Sumpf.Hormes schaut sich an, welche etymologischen Wurzeln Ortsnamen haben, was die bedeuten und "übersetzt" so geografische Namen ins Deutsche. Die "wahren" Namen stehen dann statt der allgemein bekannten in seinen Karten. Die Erklärungen findet man auf der Rückseite seines Atlas' der wahren Namen, der eigentlich ein 40 x 56 Zentimeter großes Faltblatt ist."Die Berliner Namen bilden sich zu etwa gleichen Teilen aus slawischen und deutschen Grundformen", sagt er. Treptow beispielsweise kommt vom slawischen trebiki, was reinigen oder roden heißt. Also heißt der Stadtteil bei Hormes Rodung. Hellersdorf dagegen hieß ursprünglich Helwichsdorf nach dem Männernamen Helmwig. Der setzt sich aus den althochdeutschen Wörtern "helm" für Schutz und "wig" für Kampf zusammen. Hellersdorf ist deshalb das Dorf des schützenden Kämpfers.Manche Orte wurden zu Ehren von Personen benannt, etwa Charlottenburg und Marienfelde. Bei Hormes heißen die Stadtteile Freimänninburg und Geliebtenfelde, nach den Bedeutungen der Frauennamen. "Ich habe versucht, immer auf die letzte Bedeutung zurückzugehen", erklärt der Lübecker, der in Berlin studiert hat. Andere Namen basieren auf der Beobachtung der Umgebung. Also lebten im Wannsee einst Nattern, und überm Müggelsee lag oft Nebel. Wan heißt auf altslawisch Natter und Müggel kommt vom indoeuropäischem mieghla, was Nebel oder Wolke bedeutet. Wer nun aber vermutet, in Gatow alias Männerdorf lebten ursprünglich nur Männer, der irrt. "Der Ort hieß früher Gotow und könnte nach dem Stamm der Goten benannt sein", sagt Hormes. Deren Bezeichnung komme vom altnordischen gautar, was Männer heißt. Ganz sicher ist sich der Kartograf da aber nicht."Im Zweifel habe ich den wohlklingenderen Namen gewählt", gibt Hormes freimütig zu. Er sieht das ganze nicht als exakte Wissenschaft, sondern als spielerische Entdeckungsreise. Und manche Namen passen so gut, dass sie aus unserer Zeit stammen könnten: Hinter dem Berg der Überlegung und des Ruhmes verbirgt sich Prenzlauer Berg. Der ist nach der Stadt Prenzlau benannt, ursprünglich Przemyslaw - von slawisch przemy, Überlegung, und slawa, Ruhm.------------------------------Karte: "Atlas der wahren Namen - Deutschland". Verlag Kalimedia, Lübeck, 6 Euro.Zu bestellen unter www.kalimedia.de