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Ein Mann kaperte 1983 einen Zug und wollte mit ihm in den Westen fahren - er kam aber nur bis zum Bahnhof Friedrichstraße: Republikflucht mit der S-Bahn endete vor dem Prellbock

Wie einfach doch alles zu sein scheint, wenn man über den Dingen steht. Vor allem, wenn man ein Gewehr dabei hat. In 207 Meter Höhe sitzt Wolfgang K. im "Tele-Café" des Berliner Fernsehturms. Aufmerksam betrachtet der Mann, wie sich unter ihm die Gleise der Stadtbahn von Ost nach West schlängeln. Da! Eine S-Bahn rollt aus dem Bahnhof Alexanderplatz. Kurz darauf verschwindet sie in der Halle des S-Bahnhofs Marx-Engels-Platz, der heute Hackescher Markt heißt. Fast unmerklich dreht sich die Kuppel des Turmes. Der 24-Jährige und sein Gewehr drehen sich mit. Doch Wolfgang K. , der aus Stollberg in Sachsen stammt und nun in der DDR-Hauptstadt als Beifahrer Müllwagen begleitet, verliert die S-Bahn nicht aus den Augen.Jetzt rollt sie schon über die Spree, verschwindet zwischen dem Bode- und dem Pergamonmuseum, um in die kleinere der beiden Hallen des Bahnhofs Friedrichstraße einzufahren. Dahinter erstreckt sich ein West-Berlin-Panorama. K. kann alles genau betrachten: Das Reichstagsgebäude. Den Tiergarten. Das Europa-Center mit dem Mercedes-Stern, der sich ebenfalls gemächlich dreht. Und die S-Bahn auf dem Stadtbahn-Viadukt, die gerade den Grenzstreifen überquert. Schon wird sie langsamer, um im Lehrter Stadtbahnhof zu halten. Im Bezirk Tiergarten. Im Westen von Berlin.So müsste es gehen! Jetzt ist sich K. ganz sicher, wie sein lang gehegter Wunsch, die DDR zu verlassen, Wirklichkeit werden kann. Die Tasche nimmt er mit. Darin befindet sich sein Luftdruckgewehr, ein Meisterschaftsmodell Kaliber 4,5 Millimeter, mit Zielvorrichtung ("Diopter"). Und rund 400 Diabolos. Munition, die K. in der "Suhler Jagdhütte" in der Nähe des Alexanderplatzes gekauft hat. Die Geschichte einer S-Bahn-Entführung beginnt. Eine Geschichte, wie es sie vorher und danach nicht wieder gegeben hat. Es ist der 27. Mai 1983.Ob Simone A. etwas geahnt hat? Wohl kaum. An diesem Tag ist für die 21-jährige Triebfahrzeugführerin alles wie immer. Routine eben. Diese Tour hat in Mahlsdorf begonnen. Nun rollt die S-Bahn auch schon am Alexanderplatz ein. Der Mann mit der Tasche, der vorn einsteigt, fällt der Lichtenbergerin im Führerstand nicht auf. Warum sollte er? Es ist ungefähr 18. 15 Uhr.Die Stadtbahn. Vier Gleise, die sich auf 731 meist gemauerten Viaduktbögen durch Berlin winden. Vom jetzigen Ostbahnhof über Alexanderplatz, Friedrichstraße und Zoologischer Garten bis Charlottenburg. Rund 11,3 Kilometer lang. 1882 eröffnet, 1928 für die S-Bahn elektrifiziert. Nach dem Mauerbau 1961 ist sie eine der wenigen Verbindungen zwischen den Stadthälften.Doch durchgehend wird die Strecke fast nur noch von Fernzügen des Transitverkehrs befahren. Die S-Bahn wurde zertrennt und so umgebaut, dass im Bahnhof Friedrichstraße zwei separate Sackbahnhöfe entstanden. Am Bahnsteig B beginnen und enden die Züge aus dem Westen, am Bahnsteig C die aus dem Osten Berlins. Vor der Brücke über der Luisenstraße, noch in der DDR, endet das S-Bahn-Gleis aus Richtung Alexanderplatz an einem Prellbock. Das weiß K. nicht.Die S-Bahn aus Mahlsdorf hat den Bahnhof Marx-Engels-Platz erreicht. K. wechselt in das Dienstabteil, nur noch durch eine Tür von Simone A. getrennt. "Als die Triebwagenführerin bei Einfahrt des Zuges auf dem Bahnhof Friedrichstraße den Bremsvorgang einleitete, gelang es ihm, in den Führerstand einzudringen", wird die DDR-Staatssicherheit in ihrer "Operativen Information 502/83" berichten. Wolfgang K. "bedrohte sie mit der Waffe, forderte die Einstellung des Bremsvorganges und die Weiterfahrt nach Westberlin". Die Zeit: 18. 24 Uhr."Die Aufsicht wunderte sich, warum der Zug so schnell am Bahnsteig C einfuhr", erinnert sich Michael Wesseli, der damals bei der S-Bahn arbeitete. Simone A. hebt die Hände - als Zeichen für die Kollegen, dass etwas nicht stimmt. Da rollt der Zug auch schon am Signal, das Halt zeigt, vorbei. Zweieinhalb Wagen sind im "Grenzstreckenabschnitt", als die Zwangsbremsung wirkt. Hektisch dreht der Entführer an Schaltern, um den Zug wieder in Bewegung zu setzen. Ohne Erfolg. Dann öffnet er das linke Seitenfenster und zielt auf zwei Grenzsoldaten. Es ist ungefähr 18. 30 Uhr, als der Diensthabende der Grenztruppen die Passkontrolleinheit (PKE) über den Vorfall informiert. Vier Spezialisten für Terrorabwehr schwärmen aus. Eine waghalsige Befreiungsaktion beginnt. Eine Sichtblende sorgt dafür, dass Reisende davon nichts mitbekommen.Drei PKE-Spezialisten gehen über die Wagendächer nach vorn. Auf dem Dach liegend, sieht Leutnant Siegfried K. den Mann im Führerstand. Als dieser die Waffe auf ihn richtet, zerschlägt der Offizier mit seiner Pistole die Frontscheibe und schießt. Das Trio springt aufs Gleis. Als der Entführer wieder auf ihn zielt, schießt Siegfried K. erneut. Ein Projektil dringt in die Decke des Führerstandes, das andere in einen Fensterrahmen. Der zweite und dritte Schuss lenken den Entführer ab, so dass Hauptmann Uwe Z. sowie Leutnant Stephan B. ihn festnehmen können. Ungefähr 150 Meter vor dem Prellbock ist K. s Fluchtversuch zu Ende. Es ist 18. 50 Uhr.Was nach dem Haftbefehl mit dem Entführer geschah, geht aus den vorliegenden Stasi-Akten nicht hervor. Simone A. , der ein Charité-Arzt später mehrere Glassplitter aus dem Gesicht entfernte, wurde dagegen wenige Wochen später ausgezeichnet, erzählt Wesseli. Damit sei der Ehrentitel "Verdienter Eisenbahner der DDR" in jenem Jahr nicht wie sonst 30-, sondern 31-mal verliehen worden. Womöglich war die Auszeichnung als "Schweigeprämie" gedacht. Was aus der Fahrerin wurde, ist ebenfalls nicht bekannt. Bei der S-Bahn, so hört man dort, arbeitet sie nicht mehr.------------------------------.TABUZONE // Aussichtslos war der Fluchtversuch des gebürtigen Sachsen Wolfgang K. Die S-Bahn-Strecke endete im Bahnhof Friedrichstraße an einem Prellbock. Zwar war es über eine Weichenverbindung möglich, am Fernbahnsteig A vorbei mit einer S-Bahn von Ost- nach West-Berlin zu fahren. Doch sie wurde nur für wenige Dienstfahrten genutzt. Die dazugehörige Stromschiene war fast immer stromlos."Der absurdeste Bahnhof Berlins" - so nannte der Autor Jens Sparschuh den Bahnhof Friedrichstraße zu DDR-Zeiten. Die Anlage war 1961 bis 1989 ein hässlicher Zwitter aus einer Grenz- und Verkehrsstation. Für DDR-Bürger ohne Grenzübertrittspapiere waren nur ein Teil der Halle sowie der S-Bahnsteig C zugänglich.Seit 2. Juli 1990 fährt die S-Bahn auf der Stadtbahn wieder planmäßig von Ost nach West. An der Friedrichstraße halten diese Züge nur noch am Bahnsteig C - wo die Flucht scheiterte.------------------------------.Oft versucht, manchmal geglückt // Das Ministerium für Staatssicherheit hat DDR-Fluchten und -Fluchtversuche in seinen Akten erfasst. Ein Teil davon ist in der Gauck-Behörde archiviert worden. Deren heutiger Name lautet: "Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Repulik" (BStU). Hier ein Überblick über einige aktenkundige Vorfälle, die sich seit 1961 auf den Schienenstrecken zwischen Ost- und West-Berlin ereigneten.14. März 1964: Zwei junge Männer, einer von ihnen im Rollstuhl, begeben sich in den Bahnhof Friedrichstraße. Sie fragen einen DDR-Grenzposten, wo der Fahrstuhl zum S-Bahnsteig B (Richtung Westen) ist und erhalten die gewünschte Auskunft. Das Duo knackt das Vorhängeschloss und fährt nach oben. Der Rollstuhlfahrer lässt sich sogar von einem S-Bahner in den Zug nach Wannsee helfen. Gegen 21. 58 Uhr am Zoo angekommen, fallen die beiden auf, weil sie so ausgelassen sind. Sie verlassen die Station, den Rollstuhl lassen sie zurück.Januar 1965: Ein 20-jähriger West-Berliner, der 1964 aus Ost-Berlin geflüchtet war, bahnt seiner Freundin aus Fredersdorf einen Fluchtweg aus der DDR - im Bahnhof Friedrichstraße. Unterhalb der Glaswand, die als Sichtschutz zwischen dem Ost- und dem Westbahnsteig der S-Bahn dient, zerschneidet er ein Gitter. Die Frau schlüpft hindurch, beide fahren in den Westen. Das berichtet die Bild-Zeitung am 13. Januar 1965. Die Stasi stellt am selben Tag fest, dass in der Tat zwei Gitterstäbe durchtrennt sind.Sommer 1967: Weil eine Kontaktperson mit dem Decknamen "Arno" die Staatssicherheit informiert, kann die Flucht von Detlef L. und Gerhard M. (beide 20 Jahre alt) verhindert werden. Alle drei arbeiten bei den Ost-Berliner Verkehrsbetrieben BVB. L. und M. wollen aus einer Werkstatt im U-Bahnhof Alexanderplatz in den Tunnel der heutigen Linie 8 gelangen, um dort einen Zug nach West-Berlin anzuhalten. Geplant ist, eine Tür der Glaserei mit einem Nachschlüssel aufzuschließen und so in einen Schacht unterhalb des Bahnsteigs zu gelangen. Das Stadtbezirksgericht Prenzlauer Berg verurteilt L. am 14. November zu 22 Monaten und M. zu 20 Monaten Haft.10. Januar 1969: Im Bahnhof Friedrichstraße verhindern DDR-Organe um 0. 27 Uhr einen "ungesetzlichen Grenzübertritt". Wieder geht es um die Trennwand zwischen dem Ost- und dem Westbahnsteig der S-Bahn. Ein Mann durchstößt mit dem Fuß ein Glassegment und gelangt in die Halle, in der die Züge nach Westen starten. Die S-Bahn nach Wannsee verpasst er knapp, im nächsten Zug (nach Spandau) wird er festgenommen.30. Juni 1974: Schauplatz ist diesmal die Strecke zwischen Pankow und Schönhauser Allee - 1952 als "Ulbrichtkurve" zur Umfahrung West-Berlins für die S-Bahn elektrifiziert und 1961 ausgebaut. An der Bornholmer Straße führen die Gleise durch das Grenzgebiet an der Mauer. Dort versucht ein 1949 geborener Kraftfahrer aus Ost-Berlin, aus einer fahrenden S-Bahn abzuspringen. Dabei erleidet er einen Schädelbasisbruch. Grenztruppen nehmen ihn fest. Was aus ihm wurde, ist nicht bekannt.8. März 1980: Im U-Bahn-Tunnel unter der Brückenstraße in Mitte halten Dieter, Thomas und Sabine Wendt mit dem Kleinkind David einen Zug der West-Berliner BVG an. Im Führerstand liegend gelangen sie auf der Linie U 8 kurz nach 21. 30 Uhr unbemerkt über die Grenze (die Berliner Zeitung berichtete).18. /19. Januar 1982: Vermutlich gegen ein Uhr in dieser Nacht glückt eine Flucht von Mitte nach Wedding. Die unbekannte Person stellt im Hinterhof Wöhlertstraße 10 einen Eimer an die Hinterlandmauer und steigt darüber hinweg. Sie gelangt auf die Gleise der Nord-Süd-S-Bahn. Auf der Bahnbrücke, die über die Gartenstraße führt, läuft die Person in den Westen Berlins.3. März 1982: Diesmal glückt eine Flucht an der S-Bahn-Kurve Bornholmer Straße. Zwei Personen ziehen in einer S-Bahn Richtung Pankow die Notbremse. Sie steigen aus und überwinden 50 Meter südlich der Bösebrücke mit einer Leiter die Grenzsperren zum Wedding.Über weitere Fluchten ist in anderen Quellen zu erfahren. Im Frühjahr 1964 fliehen acht Oberschüler aus Ost-Berlin. Paarweise oder einzeln springen sie auf den Transitzug, der abends den Bahnhof Friedrichstraße verlässt. Ein weiterer Jugendlicher stürzt vom Stadtbahn-Viadukt, bricht sich beide Beine, wird festgenommen und gibt den Fluchtweg preis. Freya Klier drehte über die "Flucht mit dem Moskau-Paris-Express" einen Fernsehfilm. Die BVG hat Vorfälle, die sich auf ihren "Transitstrecken" U 6 und U 8 unter Ost-Berlin ereigneten, archiviert. So sollen Grenzsoldaten durch einen Tunnel in den Westen spaziert sein.------------------------------.Karte: Die S-Bahn-Entführung im Bahnhof Friedrichstraße 1983.------------------------------.Foto (2): Schauplatz eines Scheiterns: der Bahnhof Friedrichstraße in Richtung Westen. In der rechten, schmaleren Halle kehrten von 1961 bis 1990 die S-Bahnen aus dem Osten um. Auf der Bahntrasse am anderen Spreeufer wurde der Entführer festgenommen.Ein Tatort-Foto der Stasi zeigt die S-Bahn Schönhauser Allee-Pankow südlich der Bösebrücke. Rechts sind Häuser der Norwegerstraße zu erkennen. Markierungen zeigen, wie 1982 eine Flucht gelang. Zwei Männer hielten eine S-Bahn an (Position 1) und überwanden mit einer Leiter die Grenzmauer (3).------------------------------.KORREKTUR // Die Berliner S-Bahn-Fahrerin, deren Zug am 27. Mai 1983 auf dem Weg zum Bahnhof Friedrichstraße zwecks "Republikflucht" gekapert wurde, hieß Simona A. - und nicht Simone A. , wie in der Ausgabe vom 29. Dezember berichtet worden ist. (31.12.2004)