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Ein zypriotischer Investor will in Vockerode ein Luxus-Casino entstehen lassen: Zocken im Kraftwerk

BERLIN. Die Zahlung kam spät. Vor knapp einer Woche, zweieinhalb Monate nach der ursprünglich vereinbarten Frist, war Stefan Sadeh plötzlich im Landeswirtschaftsministerium Sachsen-Anhalts aufgetaucht, um seine Schulden zu bezahlen. Der Chef der deutschen Dependance der zypriotischen Sibyl-Group zog einen Bar-Scheck aus der Tasche und drückte ihn einem Staatssekretär in die Hand. Seit vorgestern ist er eingelöst. Ein Scheck über eine Million Euro.Yachthafen inklusiveDamit haben die drei bis dato landeseigenen Spielbanken in Halle, Magdeburg und Wernigerode einen neue Eigentümer. Ein guter Deal für das Land, denn die Spielbanken haben Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren nichts als Verluste beschert. Obendrein übernehmen die Investoren von der Mittelmeerinsel auch noch die bereits aufgelaufenen Schulden in Höhe von 2,4 Millionen Euro. Doch die Übernahme der Casinos ist nur ein erster Schritt. Denn die Zyprer haben einen kühnen Plan. Sie wollen das stillgelegte Braunkohlekraftwerk Vockerode in Sachsen-Anhalt zu einem Luxus-Spielcasino samt Kongress-Hotel, Wellness-Tempel und Yachthafen an der Elbe umbauen. 300 Millionen Euro will Sybil-Eigner Pinni Sarati, ein reicher israelischer Geschäftsmann, dafür investieren. "Das Grundstück haben wir bereits erworben, seit zwei Jahren läuft das Raumordnungsverfahren", so der Sprecher der Sybil-Group, Walther Bruckschen. Wenn alles nach Plan laufe, soll 2012 der erste Spatenstich erfolgen. Die Eröffnung ist für 2014 geplant.Die Idee stammt von jungen Architekten, die Projekte für die Nachnutzung des Kraftwerkes auf einer Ausstellung präsentierten. Sibyl-Manager waren sofort von dem Projekt überzeugt, auch wenn von einem Casino da noch nicht die Rede war. Für die Sibyl-Group, die in Osteuropa bereits den Bau mehrerer Shoppingmalls und Handelszentren finanziert hat, soll Vockerode das erste große Projekt in Deutschland werden. Warum ausgerechnet dort? "Weil die Gegend schlecht vermarktet wird, obwohl es dort gleich mehrere Highlights gibt", erklärt Bruckschen. Auch die Wirtschaftsprüfer von KPMG hätten dem Zocker-Tempel an der Elbe gute Chancen eingeräumt.In unmittelbarer Nähe befinden sich der Naturpark Mittlere Elbe, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, die Lutherstadt Wittenberg, das Bauhaus Dessau. Auch der Flughafen Halle-Leipzig ist nicht weit entfernt, was für den nötigen Touristen-Schub sorgen könnte. Im Wörlitzer Gartenreich sieht man die Pläne vorerst jedoch mit einer gewissen Skepsis. Schließlich steht der 142 Quadratmeter große Landschaftspark auf der Welterbe-Liste der Unesco. Grundsätzlich sei man offen für die Sybil-Pläne, sagt Gartenreich-Sprecher Steffen Kaudelka. Nur ein Hubschrauberlandeplatz und Golfplatz passten nicht in die jahrhundertealte Kulturlandschaft. Auch in der Landesregierung hält sich die Euphorie in Grenzen, angesichts geplatzter ostdeutscher Prestigeprojekte.Im Rathaus von Vockerode ist man indes hoffnungsvoll. Die Sybil-Group hatte das Projekt vor eineinhalb Jahren dem Gemeinderat vorgestellt und diesen für ihr Vorhaben gewonnen. "Wir sind von dem Projekt nach wie vor überzeugt", sagt Renate Luckmann. Die ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde hat vielmehr ein Problem mit der Landesregierung. Denn dort werde stets mit einem negativen Nebenton von dem Projekt gesprochen. "Die tun so, als hätten wir in Sachsen-Anhalt Investitionen nicht nötig", sagt die 59-Jährige. Aber Vockerode hat es nötig.Seit der Wende sind dort 2 000 Arbeitsplätze weggefallen. Das mächtige Großkraftwerk an der Elbe, in dem auch Renate Luckmann 1973 direkt nach dem Studium anfing, wurde 1994 dicht gemacht. Heute hat Vockerode nur noch 1 600 statt 2 500 Einwohner, und in den Plattenbausiedlungen steht jede zweite Wohnung leer. Nun hofft man in der Region auf die 3 000 Arbeitsplätze, die die Sybil-Group verspricht. "Die Leute warten darauf, in der Nähe arbeiten zu können, statt 600 Kilometer weiter westlich", sagt Renate Luckmann.------------------------------Hoffnung und Ernüchterung: vier Großprojekte im Osten DeutschlandsCargolifter: Auch im brandenburgischen Brand hatte man einst große Pläne. Das Unternehmen Cargolifter errichtete dort im Jahr 2000 die größte stützenfreie Halle der Welt, um Großluftschiffe zu bauen. Statt des Mega-Zeppelins kam jedoch die Insolvenz, und der malayissche Tanjong-Konzern macht die Halle 2003 zu "Tropical Islands".Eurospeedway: Schumi sollte auf der neuen Rennstrecke in der Lausitz Punkte für die Formel-1-Weltmeisterschaft sammeln. Doch die Formel-1-Granden zeigten dem Eurospeedway die kalte Schulter. 2002 meldeten die Betreiber gar Insolvenz an. Inzwischen gibt es regelmäßig Rennen, unter anderem die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft.Chipfabrik: Sie sollte das Vorzeigeprojekt des Ostens werden, 1 300 Jobs schaffen und Frankfurt an der Oder zum Hightech-Standort machen - die Chipfabrik Communicant. Doch das 1,3-Milliarden-Projekt scheiterte mangels Finanzierung. Heute baut das Unternehmen Conergy in der Halle Solarmodule und beschäftigt 500 Mitarbeiter.Flughafen Magdeburg-Cochstedt: Der ehemalige Militärflugplatz wurde zwar sehr aufwändig ausgebaut, der Flugbetrieb jedoch Ende 2001 eingestellt. Ryanair und eine Investmentgruppe aus Abu Dhabi waren interessiert, doch blieben die Verhandlungen ohne Ergebnis. Eine dänische Betreiberfirma will dort nun den Luftfracht-Betrieb aufnehmen.------------------------------Foto: Spektakuläre Aktion: 2001 wurden die Schornsteine des stillgelegten Kraftwerks Vockerode gesprengt.