image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Eine Frankfurter Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Wannsee-Konferenz: Kunstschnee

Gedenken und Erinnerung sind zwei Paar Stiefel. Erinnerung ist das Weiterreichen historischen Wissens, ist Aufklärung. Gedenken, das zeigt die Debatte um das Holocaust-Denkmal, ist etwas anderes. Gedenken an den Mord an den Juden ist kaum anders vorstellbar denn als das Vermitteln eines Gefühls des Grauens. Und da beginnt die Schwierigkeit, wie eine Veranstaltung in Frankfurt unter dem Arbeitstitel "Wannsee-Projekt, Part one" deutlich machte.Die künstlerische Evokation von Grauen läuft darauf hinaus, den Betrachter frösteln zu machen. Auf den Umstand, daß der Jahrestag der Wannsee-Konferenz auf den 20. Januar und damit mitten in den Winter fällt, fußte der Versuch des "Konzeptkünstlers" Christian Samaras, an den Völkermord zu erinnern. Er lud am Abend des Jahrestages in das Brunnenhaus des Frankfurter Palmengartens. Dort sollte sich der Atem der Besucher an den Fenstern niederschlagen und gefrieren. Das Eis, das sich auf dem Glas bildete, sollte nach Aussagen des Künstlers den stockenden Atem, das Versagen der Sprache angesichts des grauenhaften Ereignisses darstellen. Die Wassermoleküle, die sich niederschlugen, stammten von einer kleinen Besucherschar, darunter Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, und Hanno Loewy, der Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Institutes.Samaras Installation hatte in ihrer Einfachheit und Vergänglichkeit einiges für sich, gerade weil der monumentale Stelenwald des künftigen Holocaust-Denkmals vor dem inneren Auge des Betrachters nicht wegzudenken war. Die Atemkristalle auf dem Glas entstanden erst durch die Anwesenheit der Besucher, sozusagen als Niederschlag des Gedenkens, und verschwanden spätestens mit dem Anbrechen des nächsten Tages.Die Deutung des gefrorenen Hauches fiel allerdings weniger einfach. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, aber beides ist Wasserdampf, und der entstand in Frankfurt aus vielen ungelenken Worten über das Schweigen. Er wolle am liebsten gar nichts über sein Projekt sagen, sagte Samaras zum Erstaunen der Presse auf einer Informationsveranstaltung im Literaturhaus Frankfurt, die (offensichtlich auch wegen Unstimmigkeiten unter den Veranstaltern) zur Belustigung zu mißglücken drohte. Auch über das von ihm angestoßene Editionsprojekt über "Sprache und Repräsentation" wollte Samaras nicht sprechen. Schweigen ist Samaras Sache nicht, aber auch nicht die klare Rede. Seine Weigerung, zu reden, wortreich und gewunden vorgetragen, veranlaßte Bubis zu der fröhlichen Zwischenfrage, ob er denn wenigstens gesagt habe, daß seine Veranstaltung stattfinde. Daß das Gedächtnis des Holocaust nicht im beredten Schweigen, sondern im klärenden Wort besser aufgehoben sei, schien die Installation selbst zu sagen. Sie war, obwohl eine Gedenkveranstaltung zur Wannsee-Konferenz, gleichzeitig eine Hommage an Paul Celan und dessen Treffen mit Heidegger und hieß deswegen "Wannsee Projekt, Part one" und "L Aporie du Silence Pour Paul Celan". Celan hatte bei einem Besuch im Schwarzwald im Sommer 1967 vergeblich auf Heidegger eingewirkt, sein Schweigen über die Vergangenheit zu brechen. "Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen", hatte Celan ins Gästebuch eingetragen. Diese "Absenz des Wortes" wollte Samaras veranschaulicht haben. Das Inventar des Brunnenhauses den Brunnen, das umfangreiche Gästebuch durfte man getrost als Hinweise auf dieses Treffen deuten.Nächstes Jahr, ist Samaras zuversichtlich, wird seine Installation im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz zu sehen sein. Was dann noch auf Celans Treffen mit Heidegger verweisen wird, ist schwer vorstellbar. Letztlich geht es eben doch um eines: das Frösteln. "Ich verspreche Ihnen, den Leuten wird kalt werden", sagte Samaras. Aber so kalt, daß ihr Atem von selbst gefriert, wird es wahrscheinlich nicht sein genauso wie in Frankfurt. Denn auf wundersame Weise gefror das Reden und Schweigen über die Konferenz in Wannsee, den Dichter aus Czernowitz und den Denker auf dem Todtnauberg, nur an einer der Fensterscheiben. Die war, wie Samaras verriet, von hinten mit flüssigem Stickstoff bedampft worden.