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Eine Stasi-Debatte, die nicht beendet wurde

Es ist fast schon vergessen, dass nicht Günter Piening, sondern Anetta Kahane die Nachfolge von Barbara John antreten sollte. Die 48-jährige Lateinamerikanistin stand im Herbst vergangenen Jahres auf der Wunschliste von Sozialsenatorin Heidi-Knake Werner (PDS). Vieles spricht für Kahane: Sie genießt bundesweit hohes Ansehen für ihr Engagement gegen Rassismus und Rechtsradikalismus. Sie gründete die Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA), die Jugendlichen Demokratie und fremde Kulturen näher bringt. Kahane ist RAA-Geschäftsführerin. 2002 erhielt sie den Moses-Mendelssohn-Preis.Dass sie trotzdem nicht Ausländerbeauftragte wurde, lag unter anderem am Koalitionspartner SPD. Landeschef Peter Strieder ließ wissen, dass Kahane zwar eine gute Kämpferin gegen Rechts sei, es bei der Ausländerbeauftragten aber vor allem um Integrationspolitik gehe. Eine größere Rolle spielte öffentlich jedoch die Existenz des IM-Vorgangs V 55/74. Danach war Kahane unter dem Decknamen "Victoria" von 1974 bis 1982 Inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi. Aus den Unterlagen ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Zum einen notierte ihr Führungsoffizier Mölneck erfreut, dass die damals 19-Jährige bereits beim zweiten Treff "ehrlich und zuverlässig" berichtet und auch "Personen belastet" habe. Etliche der von "IM Victoria" genannten Personen wurden anschließend vom MfS überprüft. Welche Folgen dies hatte, lässt sich aus Kahanes Unterlagen nicht ersehen. Sie meint, sie habe offenbar niemandem geschadet. Zum anderen wagt Kahane 1982 jedoch einen ungewöhnlichen Schritt: Sie kündigt die Zusammenarbeit mit dem MfS von sich aus auf und nimmt den beruflichen Bruch, der daraus folgt, in Kauf. Das MfS nimmt die Dolmetscherin umgehend von der Reisekaderliste. 1986 stellt Kahane einen Ausreiseantrag.Wie eine solche Geschichte zwölf Jahre nach der Wende zu beurteilen ist, wird öffentlich nur in kurzen Statements kommentiert. CDU-Generalsekretärin Butalikakis lässt wissen, schon das Ansinnen, eine frühere Stasi-Zuträgerin im Amt zu installieren, sei unverantwortlich. Senatorin Knake-Werner, die die Stasi-Episode in Grundzügen kennt, plädiert für Einzelfallprüfung, ebenso SPD und FDP. Die PDS verurteilt erwartungsgemäß Vorverurteilungen von Inoffiziellen Mitarbeitern. Kahane mahnt zur Differenzierung: "Erst die Summe ergibt meine Person." Doch sie selbst bricht die Debatte ab, bevor sie richtig begonnen hat. Anfang Oktober teilt sie mit, dass sie für das Amt nicht zur Verfügung steht.


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