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Einer der besten Drummer seiner Generation: Chris Corsano im Duett mit Antoine Chessex im Westgermany: Dunkelbunter Kuschelkrach

Am Ende wird er über den Trommeln schweben, so leicht und zart und zugleich so energisch beherrscht Chris Corsano sein Instrument. Ein funkelndes dunkelbuntes Gewitter aus noise rührt er aus seinem Schlagzeug heraus: unaufhörlich wechseln seine Rhythmen die Richtung - und wirken doch immer selbstgenügsam und glücklich. So schnell spielt Corsano, dass seine Beats in der Luft zu stehen scheinen. Er spielt mit den Händen, reibt mit Glocken und kleinen Metallringen auf den Fellen herum, sägt mit einem singenden Buttermesser an den Rändern der Becken; spielt mit gekreuzten Klöppelpaaren wie ein Vibrafonist. Unfassbar, wie lyrisch jemand klingen kann, der solche Intensitäten erschafft: Chris Corsanos Musik ist ohrenbetäubend und zugleich sanft, intensiv und doch nicht brutal: warm, weich, weit jenseits von allem, was sich mit elektronischen Mitteln erzeugen lässt.Chris Corsano ist - man sagt nicht zuviel, wenn man das sagt - einer der besten und inspirierendsten Schlagzeuger seiner Generation. Gerade mal 32 Jahre alt, steht er seit fast einem Jahrzehnt im Zentrum der neuen amerikanischen Weird-Folk-Bewegung. Er hat mit Sunburned Hand of the Man gespielt und ist auf "School of the Flower" zu hören, einer der ersten Platten von Ben Chasnys stilprägendem Projekt Six Organs of Admittance. In seiner Technik treffen sich Free Folk und Free Jazz, geschwisterlich vereint in der Feier des freien, improvisierenden Spiels: Von der Oktoberrevolution des Jazz hat Corsano ebenso gelernt wie von der rhythmisch "unsauberen" Komplexität des Appalachen-Folk. Den Einsatz des ganzen Körpers, den Gebrauch der Handflächen, Ellbögen, der eigenen Haut hat er sich bei dem Improv-Dadaisten Evan Parker abgeschaut - und bei Milford Graves, dem melancholischen Pädagogen und Befreier des Schlagzeugspiels in den Sechzigerjahren. Er hat aber auch mit Thurston Moore und Kim Gordon von Sonic Youth gearbeitet. Und er ist auf Björks 2007er Album "Volta" zu hören; schon länger schmückt sie ihre Popsongs ja mit dem Glamour von Gast-Avantgardisten. Auch in ihrem aktuellen Tour-Ensemble ist Corsano dabei, obgleich er diese Auftritte auf seiner Website dezent verschweigt - am Sonntag wird er mit Björk auf dem Melt-Festival zu sehen sein.Seine bevorzugte Form bleibt jedoch das Duett. Am Donnerstag hat Corsano zum ersten Mal in Berlin gespielt; im Westgermany gab er mit dem Saxofonisten Antoine Chessex ein atemberaubendes Konzert. Chessex spielt sonst in dem Quartett Monno eine Art Free-Jazz-inspirierten Industrial. Sein Tenorsaxofon schließt er über ein Mikro an einen Gitarrenverstärker an; mit einer Batterie von Effektpedalen erzeugt er aus den geblasenen, gesungenen, geschrieenen Sounds federnde Klangschlaufen und schweren Krach. Wie Corsano, ist Chessex zugleich Ekstatiker und Virtuose: Am Beginn des Konzerts holt er in perfekter Zirkulationstechnik aus seinem Instrument schnaufende Vibrationen, während sein Duettpartner durch diverse Saxofonmundstücke und ein geriffeltes Plastikrohr auf die Trommelfelle atmet und bläst.Andersweltliche, von einem Schlagzeug bislang gänzlich unbekannte Geräusche entstehen dabei - bis sich schließlich ein gewaltiger heißer Klangsturm erhebt, in dem Chessex mit seinem Instrument wie ein E-Gitarrist vor den Verstärkertürmen posieren wird und Rückkopplungen erzeugt, bis alle Kabel gerissen sind und man nichts mehr hört außer erhabenem Kreischen und dem verwirrend leichten Spiel von Corsano; als säße nicht ein Musiker hinter diesen Trommeln, sondern ein ganzes Ensemble, ein vielarmiger Schlagze ugkrake, der sich in seinem Instrument festsaugt und immer aberwitzigere Simultaneitäten erweckt.Eine halbe Stunde dauert dieser Moment, der einem das Herz stillstehen lassen will, bis Chessex am Rand der Erschöpfungs-Ohnmacht auf der Bühne zu schwanken beginnt und dabei beinah die Verstärker umreißt. Wie eine elektrische Wolke knistert die Kraft und die Erregung lange noch in der heißen Luft. Wäre dies das letzte Konzert, das wir erleben durften, es wäre ein würdiges Ende.------------------------------Foto: Chris Corsano (l.) und Antoine Chessex am Donnerstag in Berlin