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Einer trinke des anderen Last

Abermals naht der Vatertag und man fühlt die Unruhe der Frauen und ihre Hoffnung auf eine neue Liebe, eine neue Last. Seit Tagen schon sind die Regale in den Getränkegroßmärkten wie leer gefegt, vergebens sucht man Jägermeister, Kleinen Feigling oder Berentzen Appel im handlichen Flachmann an der Kasse. Die haben kluge Frauen längst an verschwiegenen Plätzen gehortet, damit nicht Not sei am Tage des Herrn. Am Vorabend bereits sehen wir erwartungsvolle Männer in den Vorgärten auf und ab traben, ungeduldig scharren sie mit dem Hufe in der Streu. Ein Jahr haben sie nun gedient im Haushalt eines Weibes, das sie vor zwölf Monden genau irgendwo aufgelesen hat und der sie seither zu Willen sein mussten. So will es das Naturgesetz. Doch jetzt ist wieder Himmelfahrt und damit Vatertag und derselbe Instinkt, der die Vögel zum Zug zwingt und den Lachs überredet, flussaufwärts zu schwimmen, gebietet dem Manne nun auszuschwärmen, sich mit möglichst vielen anderen seiner Spezies zusammenzurotten und singend und lärmend das zu feiern, was ihm seine Freiheit zu sein scheint. Morgens um acht am Vatertag öffnen die Frauen das Gatter und zurren den Bierkasten noch einmal ordentlich fest, den sie dem Mann aufgebunden haben. Dann noch ein extra Paket mit Kümmel und Korn drin und was sonst noch der baldigen Betäubung dienen mag, damit er die Freiheit nicht so merkt. Nicht vergessen, ihm ein Brieflein um den Hals zu hängen, darin Name, Alter und Angewohnheiten vermerkt sein sollten. Und Abschiedskuss, Ahoi und Schluss. Jetzt schwärmen sie aus, die Männer, die Väter und jene, die es werden wollen. Hinaus aus der Stadt, vorbei an Eigenheimen, die sie wohl selbst gezimmert haben mögen, hinter sich lassend winkendes Frauenvolk und Scharen von Kindern, die sie oftmals für ihre eigenen halten mögen. Doch ist die Schau zurück und ausgedehntes Erinnern ihre Sache nicht, und das ist gut so und barmherzig ausgedacht von Mutter Natur. Glücklich sind sie und frei an diesem einen Tag im Jahr, bald treffen sie auf ihresgleichen, ein jeder schwitzend unterm aufgebundnen Kasten Bier. Weil s nun so mühselig ist, die sperrige Last andauernd abzusetzen, um sich einen wohl verdienten Schluck zu genehmigen, bedient man sich gleich aus der Wegzehrung der Gefährten. Und es findet Erfüllung das Schriftwort: Einer trinke des anderen Last. So sieht man sie über die Heide wandern, mit hochrotem Kopf und ehrlich ertrunkenem Bauch. Manch raue Weise eilt ihnen voraus und Hymnen, in denen bejubelt wird der Fußballverein, der ihnen bei der Geburt zugeteilt ward. Wohl dreifach gesättigt ist die Luft vom zotigen Herrenwitz, dass es selbst den Grottenolm beschämt. Keine Schänke, der man den Anstandsbesuch verweigerte, und drei bis vier Pressbiere sind ja überall Pflicht. Deshalb sieht man spät abends von Hochprozentigem durchgeistigtes Mannsvolk stadteinwärts wanken, marodierend und fraternisierend verliert es alsbald die Besinnung und kommt in jedwedem Straßengraben zum Erliegen. Wein und Gesang - da war doch noch was? Richtig, die Weiber, die waren da noch. Die suchen jetzt wieder die Straßen ab; mit Lampen bewehrt und mit Wunschzetteln von den Kindern stochern sie in den Rinnsteinen und prüfen die bewusstlosen Gesellen auf deren Tauglichkeit. Welche hervorgeht aus dem Brieflein, das jeder Mann um den Hals trägt. Was steht da: "Choleriker" - danke bestens, so einen hatten wir letztes Jahr. Dann aber: "Handwerklich begabt, kann mit Messer und Gabel umgehen." Nun warum nicht, der Speicher müsste ausgebaut werden, und die Fahrräder der Kinder sind in keinem guten Zustand. Verlockend vor allem für Frauen, die sich im vergangenen Jahr einen Künstler geleistet hatten. Gewiss, er hat ihr von Zeit zu Zeit selbst gebastelte Verse vorgetragen, aber die Klospülung ist davon noch lange nicht ganz. Mal schauen was der nächste zu bieten hat: "Lieb zu Kindern, sparsam im Verbrauch, schmutzt kaum." Hört sich nicht schlecht an, aber dann kommt s: "Leidenschaftlicher Fußballgucker und Formel-1-Fan, redet schon morgens über Schumi, hört pausenlos alte Jethro-Tull-Scheiben, Rasierwasser: Cacharel." Hm, vielleicht doch noch weitersuchen. Irgendeiner findet sich am Ende immer, der dann ins Heim geschleppt wird, um anderntags seinen Dienst anzutreten. Es ist ja nur für ein Jahr und der Wonnemonat Mai ist Gott sei Dank vorbei.