22.11.2011

Interview: "Mit der Energiewende hapert es"

Es war doch Ihre eigene Partei, die die Laufzeit-Verlängerung durchsetzte, die nun Makulatur ist.

Man ist damals unnötigerweise in einen gesellschaftlichen Konflikt hineingegangen, der weitgehend befriedet war. Das habe ich immer kritisiert. Aber man muss auch anerkennen: Unsere Regierung hat nach Fukushima die richtigen Lehren gezogen. Sie ist nicht stur bei ihrer Entscheidung geblieben, um nicht als Umfallerpartei dazustehen. Sie hat Konsequenzen gezogen, das war nicht nur Wahltaktik.

Das hätten Sie nicht erwartet?

Erwartbar war etwas anders. Erwartbar war: Man macht eine Untersuchung. Findet: Ein Erdbeben der Stärke 9 wie in Japan kriegen wir in Deutschland nicht, ein Tsunami droht auch nicht. Schreibt vielleicht ein paar technische Nachrüstungsmaßnahmen für die Kernkraftwerke vor, stellt möglicherweise das älteste Kernkraftwerk früher ab. Und das war’s.

Und warum haben wir dann abgeschaltet, obwohl es bei uns keine Tsunamis gibt?

Wir haben erkannt: Wir müssen aussteigen, weil bei der Nukleartechnologie offenbar Unfälle auftreten können, die von ihrer sicherheitstechnischen Auslegung nicht beherrscht werden. Unfälle, an die man schlicht nicht gedacht hat. In Japan war es der Tsunami, vielleicht wäre es bei uns ein Cyber-War-Angriff per Computer oder irgendein anderer Anlass, an den niemand wirklich mit Konsequenzen gedacht hat. In der Ethikkommission haben wir gesagt: Wenn es Technologien gibt, die Ähnliches leisten, aber weniger Risiken mit sich bringen, ist es nicht verantwortbar, die Kernkraft weiter zu nutzen.

War die Entwicklung der „friedlichen“ Atomkraft nach dem Zweiten Weltkrieg ein technologischer Irrweg?

Ja. Aber im Nachhinein ist es immer leicht, schlauer zu sein. Trotzdem: Der Weg zu immer größeren Kraftwerken war falsch. Das ist nicht nur eine technische Frage, sondern hat auch mit Demokratie zu tun. Je größer und zentralisierter die Strukturen werden, desto schwieriger wird die demokratische Kontrolle. Sind Großstrukturen erst einmal etabliert, heißt es schnell: Sie sind alternativlos, man kann sie nicht abschaffen. Das aber ist eine Gefahr für die Demokratie.

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