Ärger auf hoher See: Der Stromnetzbetreiber Tennet, der fast im Alleingang den Anschluss der Offshore-Windräder vor den deutschen Küsten stemmen muss, kann seine Aufgabe offenbar kaum erfüllen. In einem gestern öffentlich gewordenen Brief an die Bundesregierung warnte das Unternehmen, der Anschluss von Windparks in der Nordsee sei „in der bisherigen Form nicht länger möglich“. Aufgrund einer ständig steigenden Anzahl von Windparks stießen alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Ressourcen, heißt es in dem Schreiben.
Tennet versprach, die acht laufenden Anschlüsse von Offshore-Windparks wie geplant abzuschließen. Allein dafür sind mehr als fünf Milliarden Euro an Investitionen nötig. Doch „tatsächlich gibt es in sämtlichen laufenden Projekten erhebliche Schwierigkeiten im Planungs- und Baufortschritt“, schrieb das Unternehmen. Für zukünftige Projekte sei es schwierig, das Kapital aufzutreiben. Eine Sprecherin sagte, dabei gehe es um rund 50 geplante Projekte.
Das Schreiben kommt einem Offenbarungseid des Unternehmens gleich und ist ein Alarmsignal für die Politik. Denn Tennet TSO, das bis Ende 2009 zum größten deutschen Energieversorger Eon gehörte und dann an den niederländischen Netzbetreiber Tennet ging, ist für den Anschluss aller Windparks in der Nordsee und eines Teils der Ostsee verantwortlich. Tennet ist eigentlich gesetzlich verpflichtet, den Anschluss eines neuen Windparks innerhalb von 30 Monaten sicherzustellen, sieht sich dazu aber anscheinend nicht mehr in der Lage. Ist das nicht zu schaffen, werden Investoren abgeschreckt. Der dänische Versorger Dong Energy zum Beispiel plant mehrere Windparks vor der deutschen Küste. Eine Sprecherin sagte: „Dass die Netzanschlüsse sicher zur Verfügung stehen, ist für uns natürlich ein entscheidendes Investitionskriterium.“ Ärger hätte es bereits beim ersten kommerziellen Ostsee-Windpark, Baltic 1 von EnBW, gegeben: Der Konzern klagte gegen den ostdeutschen Netzbetreiber 50Hertz, weil der Anschluss nicht rechtzeitig fertig wurde und die Anlagen nicht laufen konnten.
Vier von fünf Windparks sollen allerdings in der Nordsee entstehen. Bis 2020 sollen insgesamt mindestens zehn Gigawatt Offshore-Kapazität in Betrieb sein, das entspricht bei optimalem Wind der Leistung von zehn Kohlegroßkraftwerken. Stockt der Ausbau, droht Deutschland seine Ziele beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu verfehlen. Langfristig soll Offshore-Windkraft 15 Prozent des deutschen Energiebedarfs decken.
Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), die den Netzausbau in Deutschland plant, kann die Nöte von Tennet nachvollziehen. „Die Engpässe bei den Lieferanten sind groß. Nur wenige Firmen, wie zum Beispiel Siemens und ABB, können die nötigen Kabel und Transformatoren liefern“, sagte Kohler der Frankfurter Rundschau. Zusätzlich gebe es einen „eklatanten Mangel an qualifizierten Ingenieuren“.
Im Augenblick ist es so, dass die Anschlusspflicht uneingeschränkt gilt. Wenn Tennet Pech hat, müssen in einem Jahr dutzende Windparks angeschlossen werden, im nächsten aber kaum noch welche. Sowohl das Unternehmen als auch die Dena sprechen sich deshalb für einen Fahrplan aus. Dena-Chef Kohler sagte: „Unter Berücksichtigung aller Vorlieferanten und der Möglichkeiten der Netzbetreiber sollte es eine Roadmap geben, nach der der Anschluss der Offshore-Anlagen vonstatten geht.“ Ab 2015 oder 2016, so Kohler, werde sich das Problem ohnehin langsam entschärfen. „Die Lieferanten bauen derzeit ihre Kapazitäten aus, das geht aber nur langsam voran.“
Und wer könnte den Fahrplan für den Netzbau in Etappen erstellen? Kohler plädiert für ein Treffen der Ministerien, der Bundesnetzagentur, des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie und der beteiligten Unternehmen – bei der Dena. „Unser Haus steht für Gespräche bereit, um das Problem zu lösen“, sagte Kohler.
Der Dena-Chef sagte weiter, das Offshore-Problem müsse nun gesondert und schnell gelöst werden. Er plädiert dafür, den Ausbau der erneuerbaren Energien enger mit dem Ausbau der Stromnetze zu verknüpfen. Der Ausbau auch anderer Öko-Energiequellen ergebe nur Sinn, wenn der Strom auch abtransportiert würde.

