Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will Anlagen, die kontinuierlich viel Strom verbrauchen, aber kurzzeitig darauf verzichten könnten, einen Bonus zahlen, wenn sie von den Leitwarten der Stromnetze ausgeknipst werden können. Bis zu 60 000 Euro pro Megawatt soll es für die Abschalt-Bereitschaft geben – egal, ob sie genutzt wird oder nicht.
Infrage kommen dafür vor allem Aluminiumhütten und Chemiewerke. Sie können sich auf einen Geldregen freuen: Für einen größeren Betrieb mit einem 200-Megawatt-Bedarf gäbe es zum Beispiel zwölf Millionen Euro pro Jahr. Summiert man den Bedarf der potenziellen Abschalt-Anlagen, kommen 1.700 Megawatt zusammen. Die Zeche würden vor allem die Privathaushalte per Netzgebühr zahlen: bis zu 102 Millionen Euro pro Jahr.
Ist der Bonus gerechtfertigt? Die Bundesnetzagentur – eine Behörde, die dem Wirtschaftsministerium unterstellt ist – hatte dazu vor gut einem Jahr eine Studie erstellen lassen. In dem unveröffentlichten Papier kommt das Institut Consentec zum Schluss, dass die Abschaltung der Industrieanlagen nur in wenigen Fällen Sinn ergibt: Wenn das europäische Netz in Zellen zerfällt und dort große Erzeugungsdefizite herrschen. Das ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten aber nur einziges Mal passiert.
Beim „weitaus größten Anteil an auftretenden Versorgungsunterbrechungen“ in Deutschland, so die Autoren der Studie, sei die Abschaltlösung „nicht geeignet“. Die Untersuchung setzt deshalb den Wert der Abschaltleistung viel niedriger an als das Wirtschaftsministerium: Angemessen sei eine Prämie in Höhe von 1 600 Euro pro Megawatt.
Zwar hat sich das Problem mangelnder Leistung aus Sicht einiger Experten durch den Atomausstieg seit der Entstehung der Studie etwas verschärft. Doch dass die Industriebetriebe nun 40 Mal so viel bekommen sollen wie empfohlen, ruft Empörung hervor. „Die stromintensive Industrie ist von Schwarz-Gelb bereits von den Netzentgelten befreit worden – auf Kosten der Kleinverbraucher. Nun ist das nächste, dreiste Geschenk in Vorbereitung“, wettert Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.
Und nicht einmal die Profiteure der Prämie sind zufrieden. Die Abschaltverordnung solle dem tatsächlichen regionalen Bedarf entsprechen und mit dem Regelenergiemarkt verzahnt werden, sagt Christof Bauer, Leiter des Energiemanagements des Chemiekonzerns Evonik. „Ein marktwirtschaftliches Verfahren, bei dem der Kreis möglicher Anbieter möglichst groß gewählt wird und der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält, wäre unter diesen Gesichtspunkten einer staatlichen Preisfestsetzung vorzuziehen“, so Bauer.

