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Erstaunliche Erfahrungen mit dem Leben und den Worten: Zum neunzigsten Geburtstag der Dichterin Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem

Mit Gedichten kann einem Merkwürdiges passieren. Daß sie einen mit solcher Wucht wegstoßen, wie es auf dem sicheren Boden der Prosa selten passiert. Daß sie etwas treffen, was man kennt, doch niemals gedacht hätte. Wenn das Gedicht aber trifft, dann trifft es schneller als ein Roman, weil es weniger Zeit zum Einschlagen hat, und tiefer als ein Drama, weil es den Leser allein antrifft. Hilde Domins Gedichte besitzen diese Kraft; und besitzen sie noch im neunzigsten Lebensjahr der Autorin. "In dieser kleinen Halbkugel / auf der mein Haar grau wird / wohnen die Wörter", sagt sie, "Die rechte sagt man / ist leer von Worten / Auslauf für das unbenutzte Vokabular der Erinnerung." Davon hat Hilde Domin mehr als genug, die mit 22 begann, die Länder zu wechseln, deren Heimaten über den halben Globus verteilt sind, weil sie fliehen mußte aus einem ersten Zuhause in Köln, einem zweiten in Rom, nur wenige Stunden bevor faschistische Häscher an die Tür klopften. Sie ging nach Sizilien, dann über Paris nach England und schließlich im untersten Deck eines kleinen Dampfers via Kanada und Jamaika nach Santo Domingo.Wo damals der Diktator Trujillo regierte und sein übles Image aufpolierte, indem er Europas Exilanten Quartier gab, dort lag für Hilde Domin und ihren Mann Erwin Walter Palm die Zuflucht. "Wir liebten das Land, in dem wir gefangen waren. Wir verzweifelten dauernd." Auf den Ton der Verzweiflung war ihre Lyrik jedoch noch nie gestimmt. Nicht 1951, als die 39jährige, verzweifelt über den Tod ihrer Mutter, ihr erstes Gedicht schrieb; nicht 1960, als die Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts, schockiert von neonazistischen Grabschändungen, erwog, den gelben Stern zu tragen; und nicht 1988, als sie nach 52 Ehejahren plötzlich Witwe war.Denn: "Gestorben wird auch an blauen Tagen / bei jedem Wetter / / Auch an blauen Tagen / bricht das Herz". Deshalb heißt Hilde Domins jüngster Gedichtband "Der Baum blüht trotzdem". Die Texte stammen aus mehr als einem Jahrzehnt, reichen aber viel weiter zurück, weil die Bäume ihre Wurzeln jahrzehntetief strecken, weil die alten Domin-Motive noch immer neu inszeniert werden, weil das Paradox noch immer eine Grundfigur ist, die Sprachskepsis die Grundlage und das freirhythmische Talent sehr lebendig. Nach unzähligen Gedichten, einem Roman, dichtungstheoretischen Essays und Poetikvorlesungen müßte sie sich zur Ruhe gesetzt, zur Ruhe gefunden haben können. Statt dessen mißt sie eine erneute Heimatlosigkeit aus, die Alleinsein heißt. "Jede neue Vertreibung / ein neues Land macht die Arme auf / mehr oder weniger".Manche Metaphern lassen die Verse gefährlich holpern, beschweren sie mit Pathos, fahren ihnen unfreiwillig komisch in die Parade. In solchen Fällen ist die Dichterin noch zu betroffen von ihrem Gegenstand, um den schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz sicher zu gehen. "Was einem mit seinen Gedichten passieren kann", schrieb Hilde Domin 1964, seien vor allem Zusammenstöße mit der Wirklichkeit. "Wen es trifft / der wird abgesetzt/ wo nichts mehr gilt / wo keine Straße / von gestern nach Morgen führt."Dennoch blitzt immer auch Selbstironie auf, und das unnachahmliche Freischweben über tradierten Bildern gelingt ihr aufs Neue. Hier können Rosenblätter hart aufschlagen oder die alte Königin der Blumen, die Hilde Domins erstem Gedichtband den Namen gab, kann auftauchen und trösten "fürchte dich nicht / meine Blätter sind heute / ganz stabil". Die Todessehnsucht allerdings, die durch manchen Vers weht, ist nicht mehr jene Art Müdigkeit, die sich mit fünf Schlaftabletten zuviel in einem Glas Wasser auflöst. Die Angst um das Bleibendürfen ist einer Angst vorm Nochbleibenmüssen gewichen. Darum ist die beste Art, Hilde Domins Hiersein zu feiern, sich mit ihren Gedichten unter vier Augen zu treffen.