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Erstmals spielten die Rolling Stones in Rußland und konfrontierten die Fans in Moskau mit der faltenreichen Realität einer verklärten Band: Später Besuch eines Mythos

MOSKAU, 12. August. Für die wichtigste Botschaft des Abends brauchte Mick Jagger nur vier Worte: "Endlich sind wir hier." Damit war alles gesagt. Mochte es auch mehr als dreißig Jahre gedauert haben, bis die Rolling Stones zum ersten Mal in Rußland auftraten als Sänger und Bandchef Jagger am Dienstag abend die Fans im Moskauer Olympiastadion begrüßte, zählte nur noch die Musik. Und die war gut. Wie auf den bisherigen Stationen ihrer "Bridges to Babylon"-Welttournee boten die Stones auch ihren russischen Anhängern ein kraftvolles Zweieinviertelstundenkonzert und ließen sich ihre Spielfreude auch durch unsommerliche dreizehn Grad und Nieselregen nicht nehmen. Für viele der 50 000 Zuschauer war die Gelegenheit, die Stones leibhaftig auf der Bühne zu sehen, mehr als nur ein bißchen Rock n Roll. Mick Jagger selbst hatte die Meßlatte beim Promotiongeklapper vor dem Konzert auf historische Höhen gelegt. "Wir wollten seit 1967 nach Moskau kommen, aber die sowjetischen Behörden haben uns nicht gelassen", bedauerte Jagger. Damals, als ein Stones-Konzert noch mit der hohen Wahrscheinlichkeit von zerstörtem Mobiliar im Saal und auf der Bühne verbunden war, gastierte die Band in Warschau. Ein zur Frühaufklärung entsandter sowjetischer Kulturfunktionär empfahl in Moskau, diese wildgewordenen Irren besser nicht ins Land zu lassen. Und in den 70er Jahren beschied Kulturministerin Jekaterina Furtsewa die Stones abermals mit einem entschiedenen "Njet". Dabei blieb es. Boykott des KonzertsDaß es auch nach dem Ende des Kommunismus noch Jahre dauerte, bis die Stones zum ersten Mal ihren russischen Fans aufspielten, lag nun nicht mehr an politischen Vorgaben, sondern an den millionenschweren Gagenforderungen der britischen Rockmusiker und der gleichzeitigen Finanzschwäche russischer Konzertveranstalter. Erst im Mai brachten die Stones den Vertrag über den Auftritt im Olympia-Stadion unter Dach und Fach. Nicht alle Moskauer freilich sind glücklich über das Stones-Gastspiel. Der Musikkritiker der populären Tageszeitung Komsomolskaja Prawda etwa boykottierte das Konzert mit der Begründung, er wolle sich seinen in den 70er Jahren zusammengeträumten Stones-Mythos nicht durch die faltenreiche Realität zerstören lassen. Damals wechselten Stones-Kassetten und -Platten für ein Monatsgehalt den Besitzer. Besonders Einfallsreiche kopierten die raren Vinyl-Scheiben auf Platten, die sie aus gebrauchten Röntgenaufnahmen zurechtgeschnitten hatten. Weil die Röntgenbilder manchmal noch zu erkennen waren, tauften die Russen die Do-It-Yourself-Platten "Knochen". Heute sind Stones-Scheiben in Rußland das mit China um den Spitzenplatz bei der Produktion von CD-Raubkopien konkurriert keine Bück-, sondern Massenware. "Bridges to Babylon", das letzte Album von Keith Richards und Mick Jagger, war auf den Moskauer Märkten für umgerechnet fünf Mark erhältlich, noch bevor es in den USA und Deutschland offiziell in den Handel kam.Russische Konzertgänger haben in Sachen Popmusik noch Jahre Nachholbedarf und feiern statt neuer Musiker lieber die alten Heroen. Selbst abgehalfterte Größen wie Uriah Heep oder Status Quo dürfen sich bei Moskau-Konzerten noch als Könige fühlen. Die Stones aber sind die Kaiser. Vor allem Mick Jagger mit seinen 55 Jahren nur wenige Jahre von der durchschnittlichen Lebenserwartung eines männlichen Russen entfernt zeigte den Moskauern, daß er der vitalste Rock-Veteran dieses Universums ist. Vier Kameras fingen jede Regung Jaggers ein und projizierten sie auf eine gigantische Leinwand auf der Bühne. Fast allerdings hätten weder Leinwand noch Bühnenbild den Weg ins Moskauer Olympiastadion gefunden. Die Mitarbeiter des russischen Zolls folgten ihrem erprobten Motto "Wir schaffen Probleme" und hielten die tonnenschwere Ausrüstung tagelang fest. Erst nach der persönlichen Intervention von Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow gaben die Inspektoren grünes Licht und die Stones-Ausrüstung rechtzeitig frei, berichtete die Tageszeitung Iswestija.Angst vor der RevolutionDa russische Ordnungshüter schon bei zarten Tänzchen auf den Rängen den Beginn der Revolution wittern, mühten sich beim Stones-Konzert gleich 3 500 Polizisten und mehr als 5 000 Wehrpflichtige darum, vor, während und nach dem Konzert keine überschäumende Stimmung aufkommen zu lassen. Die größten Sicherheitsmaßnahmen in Moskau seit einem Michael-Jackson-Konzert vor zwei Jahren waren freilich um so überflüssiger, als Tausende der Stones-Besucher mit Mick Jagger um den Titel des besterhaltenen Berufsjugendlichen buhlen konnten. Auch in Moskau machen Stones-Fans keine Revolution mehr, sondern sorgen sich um ihre Bandscheiben.