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Essay: Integration heißt vor allem, sich gegenseitig auszuhalten

Mehr als 500 Menschen beteiligen sich am 09.01.2016 in Dreieich (Hessen) an einer Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Mehr als 500 Menschen beteiligen sich am 09.01.2016 in Dreieich (Hessen) an einer Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

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dpa

Im September habe ich mit meiner Tochter Deutschunterricht in einem Flüchtlingsheim gegeben. Wir hatten ein paar alte Kinderbücher dabei und warteten im Aufenthaltsraum auf Interessierte. Als erstes kam ein kleines Mädchen und setzte sich auf meinen Schoß, dann stieß ihre Mutter dazu, ihre Schwester, bald war der ganze Tisch voll, eine syrische Familie, ein afghanisches Mädchen, eins aus der Ukraine. Mit Händen und Füßen brachten wir ihnen ein paar Brocken Deutsch bei. Vier Tage später gingen wir mit Jugendlichen aus dem Heim Fußballspielen. In der Woche darauf machten wir noch einmal Deutsch, aber es kamen nicht mehr viele, und beim nächsten Mal saßen mehr Deutsche an unserem Tisch, die Deutschunterricht geben wollten, als Flüchtlinge. Das war’s mit unserem Hilfseinsatz. Wir kehrten wieder in unsere Leben zurück. Das einzige, was noch übrig ist aus dieser Zeit, sind die Nachrichten der Facebookgruppe des Heimes: Bedarfslisten, Informationen zu Sprachkursen, Einsatzpläne für die Kleiderkammer. Ich überfliege sie meist nur, in dem Wissen, dass die Flüchtlinge in dem Heim in guten Händen sind, aber am 5. Januar tauchte eine Mitteilung auf, wie ich sie auf dieser Seite noch nicht gelesen hatte.

Ein Mann, nennen wir ihn Thomas Krause, schrieb: „Ich melde mich hier ab, nach den Vorfällen in Köln.“ Die Reaktionen folgten prompt: Was die Bewohner des Heimes mit den Anschlägen zu tun hätten? Ob er sich das nicht noch mal überlegen wolle? Dann begann der Shitstorm. Krause wurde als Spinner, Trottel und Pegidiot bezeichnet. „Was für ein Müll“, schrieb einer. „Danke, dass du gehst“, ein anderer. Am Ende wurde darüber gestritten, ob jeder einfach so in diese Gruppe aufgenommen werden sollte. Thomas Krause sagt, das habe ihn an seine WG-Zeit in einem besetzten Haus erinnert.

Er sitzt in einem Café in Prenzlauer Berg, 51 Jahre alt, blass, lange Haare, schmale Brille. Seine Lippen zittern, wenn er redet. Er sagt, er wisse, dass seine Nachricht etwas unvermittelt kam, vielleicht hätte er mehr erklären sollen. Aber warum er denn gleich so beschimpft wurde? Und niemand auf die Mail antwortete, die er später noch abgeschickt hat?

Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

In der Mail steht, dass er sich als ehemaliger Erzieher nützlich machen wollte, dass er bei einem Vorbereitungstreffen war und eine Radtour organisiert hat. Aber niemand sei gekommen, kein einziger Flüchtling. „Na gut, bin ich eben wieder gegangen“, schreibt Thomas Krause. Man merkt seinen Worten an, wie gekränkt er ist, noch immer. Wie gerne er gebraucht worden wäre. Krause ist arbeitsunfähig geschrieben, er hat Depressionen. Er dachte, die Arbeit im Heim könne ihm ein bisschen Abwechslung bringen. Er hat eher an sich gedacht als an die Flüchtlinge. Sonst wäre er vielleicht auch auf die Idee gekommen, dass die wenigsten überhaupt Radfahren können.

Thomas Krause schaut auf, als ich ihn danach frage, ihm fällt ein, wie er mal einer Koreanerin Radfahren beibringen wollte und sie immer wieder umgefallen ist. Er lacht und für einen Moment scheint er zu bereuen, so überstürzt gehandelt zu haben. Aber dann redet er von den unsicheren Zeiten. Neulich habe er die Zeitungsverkäuferin gefragt, ob sie nicht eine Zeitung habe, in der nur gute Nachrichten stehen. Er könne auch keine Tagesschau mehr sehen, er müsse sich selber schützen, sagt er, auch seine Tochter. Wie solle er ihr denn das alles erklären?

Es ist keine Frage, eher eine Haltung, und diese Haltung, so kommt es mir vor, ist symptomatisch für das ganze Land. Niemand weiß, wie es weitergeht, alle sind unsicher und sehnen sich nach den Zeiten zurück, als es noch einfache Wahrheiten gab.

Für mich ist diese Zeit schon länger vorbei, wahrscheinlich seit dem Tag, als ich bei einer arabischen Familie in Brooklyn auf dem Sofa saß. Es war wenige Tage nach dem 11. September, stündlich kamen Informationen über die Attentäter ans Licht, die die Flugzeuge ins World Trade Center gelenkt hatten, jeder Araber stand auf einmal unter Generalverdacht, und ich wollte darüber schreiben, wie es diesen Menschen geht, wie sie sich fühlen.

Die Familie, die ich besuchte, kam aus Palästina: Eltern, fünf Kinder, Oma, Schwiegermutter. Der Sohn erzählte, wie er aus seinem Klassenzimmer die brennenden Türme sah, die Mutter sagte, wie erleichtert sie war, als sie hörte, dass ihre Freundin, die im World Trade Centers gearbeitet hatte, überlebt hatte. Die Schwiegermutter servierte Kaffee in kleinen Tassen und zog sich dann mit einem Teppich zum Beten ins Nachbarzimmer zurück. Nur der Vater war nicht da. Ich dachte, er sei vielleicht arbeiten und fragte die Frau, ob es sich lohne zu warten. Nein, sagte sie schnell, ihr Mann habe seine Arbeit verloren, er sei spazieren.

Spazieren?, fragte ich. Ich war seit über zwei Stunden da, das Wetter war schlecht, es regnete. Die Frau wurde rot. Ich merkte, dass sie mir irgendetwas verschwieg. Wir redeten noch eine Weile, der Mann tauchte nicht auf. Ich sah ihn erst, als ich vor die Tür trat. Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete den Eingang. Ich nickte ihm zu, er schaute weg, und in diesem Moment war ich der festen Überzeugung, in eine Terrorzelle geraten zu sein.

Meine Freundin Debra lachte sich halbtot, als ich ihr davon erzählte. Sie hatte mir den Kontakt zu der Familie vermittelt, der Sohn war in der gleichen Klasse wie ihrer, sie sagte, der Vater habe da vermutlich die ganze Zeit gestanden und nur darauf gewartet, dass ich wieder gehe. Er sei Moslem, seine Religion verbiete es ihm, sich mit einer fremden, unverschleierten Frau ins Wohnzimmer zu setzen und Kaffee zu trinken. Debra, eine Jüdin aus Queens, rollte mit den Augen, als wollte sie sagen, sie fände es ja auch nicht toll, aber diese Leute seien nun mal so. Und ich weiß noch, wie ich meine Freundin damals dafür bewunderte, wie cool ich sie fand. Sie erklärte mir das seltsame Verhalten eines Arabers so unaufgeregt wie den Weg zur nächsten Subway-Station. Nicht weil sie Araber besonders mochte oder verteidigen wollte, einfach, weil sie wusste, dass es Menschen gibt, die anders sind als sie. Debra war vielleicht Jüdin, vor allem aber war sie New Yorkerin, aufgewachsen in einer Stadt, in der acht Millionen Menschen leben, die 800 verschiedene Sprachen sprechen und von denen 36 Prozent im Ausland geboren sind.

Ein paar Jahre später war es eine jüdisch-orthodoxe Familie, die ich besuchte, wieder in Brooklyn. Diesmal saß der Vater der Familie mit am Tisch. Er trug ein schwarzes Gewand, unter seinem Hut kringelten sich Schläfenlocken, während des Interviews klingelte das Telefon, ein Heiratskuppler rief an, es ging um einen Mann für die Tochter. Das Seltsamste aber war, dass mich der Mann nicht ansah, während er mit mir sprach. Wir saßen nebeneinander, ich stellte Fragen, er beantwortete sie, aber nie begegnete er meinem Blick. Eine aufrechte Feministin hätte wahrscheinlich den Raum verlassen, auch ich fühlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut, aber ich blieb, weil ich mir die Geschichte des Buches anhören wollte, das der Mann mit den Schläfenlocken im Schreibtisch seines Vaters gefunden hatte.

Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen

Es war ein altes, vergilbtes Buch mit Hunderten von Namen darin, aufgelistet wie in einem Klassenbuch. Ein Historiker fand heraus, dass die Namen zu KZ-Häftlingen gehörten und die Daten dahinter ihre Todestage waren. Das Buch war ein Totenbuch, ein Zeitdokument, aber auch ein Zeugnis dafür, wie der Vater unter unmenschlichsten Bedingungen eine alte jüdische Tradition weitergepflegt hatte, die Chevre Kadisha. Niemand hatte ihn darum gebeten, er erwartete keinen Dank, er redete nicht einmal darüber. Er hatte es getan, weil er seiner Religion treu bleiben wollte, ihren Regeln. Es waren die gleichen Regeln, die seinem Sohn jetzt verboten, mir in die Augen zu sehen.

Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Das habe ich damals in New York gelernt, und wenn ich in diesen Tagen Nachrichten sehe, Kommentare lese oder Facebook-Debatten verfolge, denke ich, ein bisschen mehr Gelassenheit wäre vielleicht nicht schlecht. Alles ist immer gleich so extrem. Erst werden die Flüchtlinge aufgefordert zu kommen, jetzt sollen sie am liebsten wieder gehen. Erst waren sie Opfer, jetzt, nach den Ereignissen in Köln, sind sie Täter. Der Polizeichef, der alles richtig machen wollte, wird abgesetzt, weil er alles falsch gemacht hat. Aufgeregte CDU-Politiker wollen Gesetze verschärfen, der Kölner Oberbürgermeisterin wird ihre Ärmellänge-Bemerkung um die Ohren gehauen, Feministinnen machen Kampagnen, Pegida marschiert auf. Es gibt fast immer nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, kaum etwas dazwischen, keine Zweifel, keine Grautöne. Ich habe das Gefühl, in Deutschland werden gerade alle Fehler gemacht, die man in so einer Situation machen kann, vor allem aber wird mir klar, wie weit wir davon entfernt sind, ein Einwanderungsland zu sein.

In einem Einwanderungsland stehen keine Menschen mit Fähnchen auf den Flughäfen, da sitzen misstrauische Männer, die mit großer Wahrscheinlichkeit selber mal Einwanderer waren, in Glaskästen und wollen wissen, was man hier zu suchen hat. Ich habe in New York immer ein bisschen Angst vor diesen Männern, aber ich beantworte geduldig ihre Fragen, weil ich weiß, dass es dazugehört. Als ich 1999 das erste Mal nach New York zog, wurde meine damals knapp zwei Jahre alte Tochter vor der Aufnahme in ihren Kindergarten ins Labor geschickt, wo man aus ihrem winzigen Arm mehrere Kanülen Blut abnahm, um Krankheiten auszuschließen. Neben uns im Warteraum saßen Männer, die einen Aids-Test machen mussten, bevor sie ihren Job antreten durften. Als ich meinen Sohn in seiner neuen Schule anmeldete, wurden wir von einer unfreundlichen Wachfrau empfangen, die meine ID verlangte und meinen deutschen Personalausweis ansah wie eine ungültige S-Bahn-Fahrkarte. Im Sekretariat interessierte man sich nicht für das Zeugnis meines Sohnes, sondern für seinen Impfausweis. An seinem ersten Schultag lernte er nicht das englische Alphabet, sondern Verhaltensregeln, zusammen mit einem langen Strafkatalog, den sowohl mein Sohn als auch mein Mann und ich unterschreiben mussten. Und wir waren legal im Land, wir hatten Visa.

Auch ich musste in New York völlig neue Regeln lernen. Zum Beispiel, Menschen in der Subway und auf der Straße nicht in die Augen zu sehen. Genauso wichtig ist es, Abstand zueinander zu halten, niemanden anzurempeln. Deshalb springen Leute in New York immer gleich aus dem Weg, wenn man ihnen zu nahe kommt. Oder rufen: „excuse me“ und „sorry“. Das ist nicht freundlich gemeint, es ist eine Frage des Respekts, aber auch des eigenen Schutzes. Man weiß schließlich nie, wer einem gegenübersitzt, nach welchen Normen dieser Mensch lebt, was ihm gefällt, was ihn provoziert.

Erst die Hymne, dann der Eid

Wenn ich den gemütlichen Berliner Polizeibeamten auf dem gemütlichen Flughafen Tegel gegenüberstehe, werde ich wehmütig. Sie kommen mir vor wie aussterbende Exemplare aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Ich beneide meine Kollegen, die ganz ruhig bleiben, wenn im Verlag der Strom ausfällt, während ich sofort an einen Anschlag denke. Als vor einem Jahr in Paris der Angriff auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo geschah, entschieden sich viele deutsche Zeitungen, die antiislamischen Karikaturen aus Solidarität mit Charlie Hebdo nachzudrucken. Die New York Times entschied sich dagegen, was hier in Deutschland eine Debatte auslöste und als Feigheit ausgelegt wurde.

Mich verwunderten eher die deutschen Reaktionen. Ich merkte daran, wie sicher man sich hier noch fühlte, wie heil die Welt noch war, denn es gehört nicht viel dazu, „Je suis Charlie“ zu rufen, wenn man selber nicht bedroht ist. Und es ist leicht, mit Fähnchen zu winken, wenn Menschen ins Land kommen, die sonst vielleicht im Mittelmeer ertrunken wären. Aber diese Menschen so zu sehen, wie sie sind, sie weder zu verklären noch zu verdammen, nur weil sie sich nicht so verhalten, wie wir das von ihnen erwartet haben – das ist die eigentliche Herausforderung.

Die deutsche Welt ist nicht mehr heil, wenn sie das jemals war. Man kann versuchen, das nicht an sich ranzulassen und den Fernseher auslassen, wie Thomas Krause das beschlossen hat. Oder man geht ins Rathaus Neukölln zur Einbürgerungsfeier. Am vergangenen Dienstag hatten sich dort 45 Menschen aus 21 Ländern versammelt, die nur eins miteinander gemein hatten: Sie wurden an diesem Tag deutsche Staatsbürger. Erst wurden die Hymnen der 21 Länder gespielt, dann wurde jeder einzeln nach vorne gerufen, musste den Eid aufsagen, bekam eine Urkunde. Am Ende sangen alle zusammen die deutsche Nationalhymne. Zwei kleine libanesische Jungs, ein syrisches Mädchen, ein dänischer Professor, eine junge Polin, ein schwuler Tunesier, der seinen deutschen Freund mitgebracht hatte und allen voran die blonde dralle Neuköllner Bürgermeisterin, die aus Frankfurt an der Oder kommt. Das war so schön und bewegend wie aus einem Hollywoodfilm, und ich dachte, das neue Deutschland, so könnte es aussehen.

Als ich zurück zur U-Bahn lief, bekam ich einen Anruf. Ob ich schon gehört hätte. In Istanbul habe sich jemand in die Luft gesprengt, unter den Opfern seien vor allem Deutsche.


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