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Berliner Zeitung | Essay zum Deutschen Fernsehen: Stirbt das Land vor Langeweile?
22. March 2012
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Essay zum Deutschen Fernsehen: Stirbt das Land vor Langeweile?

Es ist, würde in einer Ecke des Wohnzimmers ein stummgeschalteter Jahrmarkt stehen.

Es ist, würde in einer Ecke des Wohnzimmers ein stummgeschalteter Jahrmarkt stehen.

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Getty

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Ich habe mal richtig viel Fernsehen geschaut, Ende der Neunzigerjahre ist das gewesen. Ich benutzte Fernsehen als Betäubungsmittel, um über den Tod meines Vaters hinweg zu kommen. Monatelang schaltete ich morgens Kerner an und schaute durch bis Domian. Dazwischen Arabella, VIVA, VIVA II, MTV, Nachrichten, Promi-Flashs, Raab, Dings, Soft-Erotik.

Alles war laut und hässlich, genau das, was ich brauchte, aber eines Nachts sah ich in der Wiederholung einer Bärbel Schäfer-Folge eine so brutale Überdosis von Hässlichkeit und Niedertracht (zwei Säufer freuten sich, nicht als Vater eines unglücklichen Säuglings infrage zu kommen), dass ich geheilt war.

Es ist sowieso ein Irrtum, das Fernsehen für das Medium der Schönheit zu halten. Hier regiert das Hässliche, selbst die Models, die dauernd irgendwo gecastet werden, sehen in ihrer buckelnden Eifrigkeit scheußlich aus. Schönheit gibt es nur im Zusammenhang mit Produkten, in den Ästhetik-Inseln der Werbung.

Gerade war da noch der Parfum-Mann oder der Bier-Mann oder der Chips-Mann, der mit den vielen Freunden, jetzt sitzt da wieder Rainer Calmund oder der, der mal einen Schnauz hatte oder der, der bei Bild.de Witze macht, oder der, der früher mal Fernsehen gemacht hat und jetzt seine Rente auf dem Bildschirm abfeiert: Harald Schmidt. Irgendwann wird er so eine Art großer alter Mann des Bumswitzes sein, jetzt ist er das Mehltau gewordene Mahnmal der Langeweile, ein nicht enden wollendes Schlafwandeln, nein, Irrtum: Er ist ein Ghost Jobber.

Ein Ghost Job ist eine Stelle, meistens in einer großen Firma, die längst überflüssig geworden ist, aber bei irgendeiner Umstrukturierungsmaßnahme hat irgendein 23-jähriger Unternehmensberater vergessen, diese Stelle abzuschaffen. Nun ist dem Ghost Jobber niemand mehr vorgesetzt, er muss niemandem Zahlen präsentieren, er kommt zur Arbeit, nur für den Fall, dass es mal einen arbeitsrechtlichen Prozess gibt, er will sich dann nichts vorwerfen lassen müssen, aber es ist alles so schrecklich egal. So egal.

Endlos-Talk und die nackteste Frau der Welt

Es ist, als hätte ich in einer Ecke des Wohnzimmers einen stummgeschalteten Jahrmarkt stehen. Würde man ihn zum Leben erwecken, dann wäre er zunächst einfach nur wahnsinnig laut, dann erst würde man die einzelnen Geräusche als Werbung deuten können oder als Frauke Ludowig oder als Polizeisirene.

Fernsehen, das sind afro-amerikanische Knastinsassen, die in der aberwitzigen Synchronisation Bühnenhochdeutsch sprechen. Fernsehen, das ist Bohlen mit seiner gebräunten Haut und seinen blassen Augen,der Blockwart des Ballermann. Fernsehen, das ist Micaela Schäfer, die nackteste Frau der Welt. Und Fernsehen, das ist Talk. Endloser Talk. Immer wieder Talk. Nicht über alles. Sondern immer über dasselbe.

Man sollte keine Sekunde glauben, dass es sich bei den auf staatstragend lackierten Abendtalkshows um etwas anderes handelt als bei den berüchtigten Nachmittagtalkshows der Neunzigerjahre. Niemand erinnert sich an den letzten Skandal, der von Journalisten einer Fernsehsendung ins Rollen gebracht wurde.

Früher deckte man Skandale auf, heute spricht man drüber. Was denkt denn wohl Helmut Dietl über Christian Wulff? Ist irgendein ehemaliger Politberater noch nicht befragt worden, ob er Guttenberg für einen Plagiator hält? Kenne ich etwa die Meinung von Roger Willemsen zur drohenden Griechenland-Pleite nicht, kann mir entgangen sein, was Veronika Ferres von der Bankenkrise hält?

Aber es gibt ja nicht nur Talks, sondern auch die Journalismusplacebos „frontal 21“ oder „ZDF-Reporter“. So wie dort die Off-Sprecher hätten die Moderatoren der „2-Minuten-Hass-Sendung“ in Orwells „1984“ gesprochen, hätte er eine Ahnung gehabt, wie denunziatorisch ein Sprechorgan klingen kann.

Beim Fernsehen etwas anderes machen

Als ich mich entschließe, mich noch einmal genauer mit dem Fernsehen zu befassen, schaue ich zunächst auf TVSpielfilm.de nach, was denn gerade so läuft. „Auf Öland liegt Schloss Solliden, die Sommerresidenz der schwedischen Königsfamilie. Adelsspezi Rolf Seelmann-Eggebert (75) stellt die Insel und ihre Besonderheiten vor, begleitet das Königspaar auf eine Oldtimer-Rallye und verfolgt das alljährliche Geburtstagsritual für Prinzessin Viktoria.“

So preist das TV-Magazin den dritten Teil der Reihe „Wo Könige Ferien machen“ an. Auf dem Vorschaubild schaut der König wohlgefällig ein kleines Mädchen mit Blumenkranz an, das von seiner Frau in Bauerntracht begrüßt wird. So etwas läuft im NDR, bürgerliche Gebührengelder für öffentlich-rechtliche Adelspropaganda, die aber auch als passive Sterbehilfe mit Sicherheit ganz ordentlich funktioniert.

Der Filmjournalist und Drehbuchautor Daniel Bickermann kann erklären, warum so etwas läuft. Die Sender zielten darauf ab, die Intensivseher an das Programm zu binden. Intensivseher sind jene 33 Prozent der Zuschauer, die 80 Prozent des Fernsehkonsums ausmachen. Sie schauen bis zu acht Stunden täglich fern. Richtiger wäre es zu sagen: Sie lassen den Fernseher acht Stunden lang laufen. Sie wollen beim Fernsehen etwas anderes machen.

So boomt das Fernsehen und kommt auf schwindelerregende Quoten – die Plasmakästen flimmern noch ein paar Minuten länger pro Tag als je zuvor – und damit das mit den Quoten so bleibt, darf das Programm auf keinen Fall stören. Mit anderen Worten: Das deutsche Fernsehen ist dafür da, dass man nicht hinsieht. Da fällt so ein vor sich hin sendender Ex-Komiker wie Schmidt nicht nur nicht weiter auf, gerade die Gleichgültigkeit seines Humors sichert seine Bildschirmexistenz.

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Wer auf das Fernsehen pfeift, schaltet ein, wer es mag, bringt es nicht über sich, die Kiste anzumachen. „Menschen, die besonders gerne Fernsehen gucken, gucken kein Fernsehen mehr“, schrieb der Medienjournalist Stefan Niggemeier zur Einführung von ZDFneo in der FAZ. „Die Generation unter 30 und die höheren Bildungsschichten haben sich vom Fernsehen als Medium weitestgehend verabschiedet“, so Bickermann.

Die nach Milieus unterteilte Quotenverteilung zeige „praktisch alle deutschen Programme im linken unteren Eck, wo sich relativ geringes Einkommen und relativ geringer Bildungsstand treffen“. ZDFneo, als digitaler Spartenkanal gedacht für junge Menschen mit Gehirn, hat einen Marktanteil von 0,3 Prozent.

Wie immer, wenn das Gemeinwesen versagt, leiden die Armen und Ungebildeten am meisten darunter. Sind die öffentlichen Schulen schlecht, schicken die wohlhabenden Bildungsbürger ihre Kinder auf private Gymnasien, ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen schlecht, kaufen sie DVDs mit amerikanischem Kulturgut. Schichten werden so zementiert. Eine ganze Generation ist dabei, sich vom Fernsehen abzuwenden und schaut: Fernsehen.

Patschzufrieden im eigenen Saft

Seit Jahren dominieren amerikanische Serien die Freizeitkultur jüngerer Deutscher. Sie werden auf DVD gekauft, aus dem Netz geladen, gestreamt, getauscht, ganze Freundeskreise werden von Dealern statt mit Haschisch mit dem neuesten heißen Scheiß aus Amerika versorgt.

Die amerikanische Vormachtstellung in unseren Köpfen ist kein Zufall, sondern eine Frage der Tradition. Larry David, Autor und Hauptdarsteller des unfassbar komischen „Curb your Enthusiasm“, schaute als Kind die „Phil Silvers Show“, eine Serie, die von 1955 bis 1959 in der CBS lief. Phil Silvers wiederum arbeitete seit den Dreißigerjahren am Broadway, seit 1940 in Hollywood, er schrieb etwa den Text für den Song „Nancy (with the laughing face)“, den Frank Sinatra 1945 veröffentlichte.

Eine Traditionslinie, die vom Broadway der Dreißiger über das Hollywood der Vierziger bis ins Heute reicht, die eine vitale Industrie, vor Kreativität berstend, hervorbringt, eine Traditionslinie, die es natürlich bei uns nicht gibt.

Wir wollten statt Glamour lieber Uniformen, hatten dann statt Woody Allen (und Richard Pryor, Robin Williams, Eddie Murphy, Bill Hicks und George Carlin und noch tausend mehr) Otto und nun statt Louis CK unseren Martin „Maddin“ Schneider

Dass die Humorproduktion in Deutschland so komisch ist wie Kosmetiktests an Kaninchenaugen, das ist nicht die Schuld von Otto, nicht einmal von Maddin, so wenig wie es die Schuld von Chengdong Zhang, dem Mittelstürmer der chinesischen Nationalmannschaft, ist, dass er nicht wie Cristiano Ronaldo trifft.

Was China im Fußball, das ist Deutschland in der Unterhaltung. Ein Entwicklungsland. Ein Entwicklungsland allerdings, dessen Unterhaltungsbeamte sich gebärden, als hätten sie den begehbaren Kleiderschrank erfunden, und das ein Schweinegeld hat. Da werden Filmbälle gegeben, die gerade durch den Glamourversuch am Ende doch immer so aussehen wie die Abifeier der Jean-Sans-Terre-Oberschule.

Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.

Das Misstrauen zwischen den deutschen Sendern und ihren ehemaligen Zuschauern ist mittlerweile so groß, dass selbst die Versuche der Programmleiter, es mit genau den begehrten Produkten zu versuchen, zum Scheitern verurteilt sind.

Ich habe die "Sopranos" nicht geschaut, weil sie im ZDF liefen. Nach der dritten Staffel stellte der Sender die Serie dann ein, nachdem der Sendetermin nach und nach von Samstagabend auf Sonntagnacht verschoben worden war. Die Zielgruppe war nicht an der Sendung interessiert, hieß es beim Sender. Oder war die Zielgruppe nicht am Sender interessiert? Und wollte gar nicht Ziel von dessen Bemühungen sein, dass er irgendwann nur noch von Hundertjährigen in Begleitung ihrer Eltern gesehen werden wird?

Bestimmt findet man im deutschen Fernsehen etwas, das einem gefällt, wenn man bloß lang genug sucht. Aber wann immer mir Fernsehen geschieht, fühlt es sich an, als sei ich in der Kneipe von zwei Hünen angerempelt und mit Bier eingenässt worden. Ich werde aggressiv, bekomme Kopfschmerzen, kann aber nichts machen. Soll ich etwa selbst besseres Fernsehen machen? Dürfte ich mich auch beim Zahnarzt über eine mangelnde Betäubung nicht beschweren, bloß weil ich nicht selber Zahnmedizin studiert habe?

Fernsehen macht aggressiv und ängstlich

Fernsehen macht nicht nur aggressiv, es macht auch Angst. Denn die Vorstellung, dass hinter all dem lieblosen Auswurf, dem reinen Betrug und den dreckigen Witzen menschliche Intelligenz sitzen könnte (das heißt: die, die für das Pro7-Lifestyle-Magazin „taff“ verantwortlich sind, nehmen auch am Straßenverkehr teil!), ist so grauenhaft, dass man sich stattdessen lieber vorstellt, in der Redaktion von „Die ultimative Chartshow“ säßen Androiden.

Bei den Privaten wird alles kaputtgespart. Bickermann rechnet vor, dass eine Folge „Dr. House“ etwa 100.000 Euro an Lizenzgebühren kostet, eine selbstproduzierte RTL-Serie wie „Alarm für Cobra 11“ jedoch das Zehnfache. Daher gibt es heute bloß noch zwei wöchentliche Sendeplätze für Eigenproduktionen beim größten deutschen Privatsender.

Doch Geld ist nicht das Problem der Öffentlich-Rechtlichen. 50 Millionen Euro hat das ZDF übrig für die Übertragungsrechte an der Champions League. Mit dieser Summe könnte man sogar spielend ein deutsches „The West Wing“ produzieren, eine der mit sechs Millionen Dollar pro Folge teuersten amerikanischen Serien – und eine der besten. Aber für so etwas ist kein Etat vorhanden.

Der Bezahlsender Sky wird ab Mai den Kanal Sky Atlantic HD starten, wo alle neuen HBO-Produktionen zu sehen sein werden, so dass es möglich wird, das begehrte Gut nun legal und ohne Verzögerung zu schauen. Und doch ist auch damit das eigentliche Problem nicht gelöst. Denn es geht ja nicht nur um Unterhaltung.

Es geht um unsere Identität. Wo bleibt das große Werk über Kohl? Wer ergründet dessen Nachfolger, der sich das Haar nicht färbte und jetzt für den russischen Diktator arbeitet? Keine Serie über einen Medienmogul, der sich die Regierung kauft? Kein Kinofilm über einen adeligen Abschreiber, nichts über einen gefallsüchtigen Fallschirmspringer und seine koksende Nemesis. Wer erzählt unsere Geschichte?

Man mag glauben, dass es die totale Kommerzialisierung sei, die das Fernsehen so schlecht sein lässt. Aber das amerikanische Fernsehen, Hollywood gar, kann wohl kaum als Heimstätte des Sozialismus gelten. Gier schadet der Unterhaltung nicht unbedingt, Dummheit, Drögheit und angemaßte Kompetenz tun es.

Der französische Soziologe und Journalist Frédéric Martel ist in seinem Buch „Mainstream“ der Frage nachgegangen, wie weltweit erfolgreiche Kultur hergestellt wird. In dem Kapitel über Disney kommt er zu dem für Kulturpessimisten erstaunlichen Befund: „In dem Wort ’Kreativindustrie’ liegt der Hauptakzent auf ’kreativ’.“

Erfolgreich ist, wer den Kreativen Freiräume schafft. Warum sollte man auch einem Regisseur Unsummen zahlen, wenn im Grunde seines Herzens der Senderboss glaubt, einen besseren Film hinzubekommen? Die Buchhalterei den Buchhaltern, die Kunst den Schöpfern!

Diese Art der Arbeitsteilung besteht gerade nicht aus Liebe zur Kunst, sondern aus Liebe zum Erfolg. Das Gegensatzpaar lautet nicht Qualität und Masse – oder wer würde Blockbuster wie „Pulp Fiction“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder selbst „Titanic“ als plumpe Volksbelustigung abtun? „Herr der Ringe“ ist gar eine Literaturverfilmung!

Den allmächtigen Redakteuren in den Amtsstuben des deutschen Fernsehens ist alles immer gleich „zu düster“, „zu schwierig“ oder „zu komplex“. Wenn nicht jede Viertelstunde erklärt wird, wo der Kommissar nun hinfährt und warum, wird der Unterhaltungsbeauftragte nervös. Bickermann erzählt von der Reaktion eines Privatsenderredakteurs, dem eine Serie über die Angehörigen deutscher Soldaten in Afghanistan vorgeschlagen wurde: „Zuviel Realität. Dafür sind wir nicht zuständig. Wir machen eher Eskapismus.“

Kein Wunder, dass der Zuschauer da Fluchtgedanken bekommt. Von einer ZDF-Redakteurin geht die Legende, sie habe nach Sichtung eines Fernsehfilms gesagt, ihr gefalle der Hund, der in einer kurzen Szene zu sehen war. „Von dem will ich mehr sehen“, sagte sie dem Regisseur, worauf der empfahl, sie solle sich dann doch so einen Hund kaufen.

Der Regisseur soll sich seitdem auf der Schwarzen Liste befinden. Immerhin gilt diese Redakteurin als die „böseste Frau im deutschen Fernsehen“ – böse sind die Verantwortlichen natürlich normalerweise nicht. Dafür fehlt ihnen wohl die Energie.

Wo sind Liebe und Hingabe?

Stefan Niggemeier schrieb angesichts der lieblosen Versendung der NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ in seinem Blog: „Es ist ein unfassbares, allumfassendes Elend und vermutlich steckt nicht einmal böse Absicht dahinter, sondern die übliche Mischung aus Ahnungslosigkeit, Desinteresse und bürokratischen Zwängen.“ Kurz zuvor hatte die ARD den gelungenen Polizeiruf „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus der Primetime verbannt, weil er – natürlich – zu düster gewesen sei, und sogar das große dunkle „Im Angesicht des Verbrechens“ schamvoll im Programm versteckt.

Das Versagen der deutschen Fernsehkultur gründet tief in der geistigen Verfassung des Landes: Individualität ist verdächtig, wer herausragt, wird einen Kopf kürzer gemacht. Es lohnt sich, einmal bei Youtube ein paar Ausschnitte aus „Inside the actor's studio“ zu betrachten. Dort interviewt James Lipton, Dekan der „Actor’s Studio Drama School“ Hollywoodstars wie Johnny Depp.

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Es wird mit unglaublicher Liebe und Hingabe über die Schauspielkunst geredet, die Stars sind als Künstler und Handwerker dort und bekommen vom Publikum eine so aufrichtige Verehrung und Bewunderung entgegengebracht, dass man sich unweigerlich fragt: Gibt es das im deutschen Fernsehen irgendwo? Dass der Künstler für seine Kunst gefeiert wird und nicht dafür, dass er Naddel verführt hat oder gegen Kindesmissbrauch ist oder seine Scheidung besonders blutig war? Ja, doch: Im aktuellen Sportstudio.

Ansonsten wird bis in den Bereich der Hochliteratur hinein gefragt, wie viel vom Autor im Erzähler steckt, nicht bloß bei Charlotte Roche überwiegt die Tratschlust die intellektuelle Redlichkeit, aber die ist ein gutes Beispiel, weil sie neben Sarrazin das einzige Buch geschrieben hat, das mehr als ein paar Tausend Deutsche gekauft haben.

War sie wirklich im Puff mit ihrem Mann? Hätte sie so über den Unfall schreiben dürfen? „Darf der/die das?“ ist die Urfrage des deutschen Pop. Dürfen Rammstein mit tiefer Stimme singen, darf der Rapper Nutte sagen? Auf Youtube gibt es einen Auftritt von Falco in der „NDR Talk Show“ zu sehen.

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Falco war der einzige deutschsprachige Künstler, der je einen Nummer 1-Hit hatte in den USA. Falco also wird allen Ernstes gefragt, warum er keine politischen Lieder schreibe, nein, er wird nicht gefragt, er wird vorgeführt als amoralischer Unernstling. Leider hatte Falco nichts von Klaus Kinski in sich, sonst hätte er dem bornierten Quälgeist gesagt, wohin er sich seine Moral schieben kann.

Dass niemand sich die Kulturerzeugnisse eines solchen Landes antun will, ist da ja wohl kein Wunder. Nicht nur der Kulturaustausch mit den USA ist eine Einbahnstraße, auch im Nachbarland Frankreich verirrt sich kaum jemals jemand in einen deutschen Film.

Während der französische Film „Ziemlich beste Freunde“ in Deutschland knapp sechs Millionen Besucher hatte, war der erfolgreichste deutsche Film in Frankreich der Aufklärungsfilm „Helga“ aus dem Jahr 1968. Der letzte deutsche Film, der in Frankreich wenigstens einen Achtungserfolg erzielte, war „Goodbye Lenin“. Auch schon wieder fast zehn Jahre her.

Die Einfallsreichsten gehen in die USA, die Unis haben keine Anbindung an die Kreativindustrie, dem Internet steht man zögerlich gegenüber und die Kultur der Migranten wird abgelehnt. Während in den USA von Dean Martin bis Ricky Martin die Einwanderer ihre eigene Note mitgebracht haben, gilt bei uns das Reinheitsgebot.

Kultur mit Migrationshintergund, die bleibt im Ghetto der gutgemeinten Kultursender, der Mainstream macht einen weiten Bogen um alles, was nicht blauäugig ist (außer Verona Pooth), und das, obwohl „Türkisch für Anfänger“ in jeder Hinsicht gut funktioniert hat.

Das ist vielleicht das Niederschmetterndste: Dass auf einen Glückstreffer hin nicht noch einmal versucht wird, Glück zu haben. Dass das Beamtentum so dominierend ist, der Kleinmut so gigantisch (was ja völlig widersinnig ist), dass man Gold nicht einmal findet, wenn es einem auf den Kopf fällt. Wo keine Tradition besteht, können nur Wunder geschehen, nie echte Entwicklungen. Gottschalk, der vor 30 Jahren wirklich frisch und neu war, kam aus dem Nichts. Er hinterließ: Lanz.

Angst vor neuer Technik

Massenerfolg bringt die Ablehnung durch die Eliten mit sich und seine Stars (so es sie denn gibt) verachtet man. Obwohl selbstempfundenes Land der Ingenieure, hat man doch Angst vor neuer Technik. Das Internet gilt als Hort der Kinderpornographen und Raubkopierer, während es in den meisten Teilen der Welt als Möglichkeit gesehen wird, zu publizieren, Gedanken zu teilen, mit geringeren Kosten zu kreieren. Lieber wiegt man sich an die Brüste der ARD-Abendunterhaltungsikonen als auch nur einmal aufgeregt zu werden, etwas zu riskieren, lebendig zu sein.

Kultur aber ist Lebendigkeit, bedeutet Verbundenheit, Gemeinschaft, Entwicklung. Alles, was überhaupt versucht wird, ist gut. Es war gut, dass in den Neunzigern mit VIVA ein deutschsprachiges Musikfernsehen gestartet wurde, es ist gut, dass das ZDF mit ZDFneo einen Versuch wagt, jüngere Zuschauer zu gewinnen (wenn auch die Frage bleibt, warum man es versucht mit einem Sender, den kaum jemand empfangen kann), es ist sogar gut, dass Soaps wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ gedreht werden.

Deutschland braucht eine popkulturelle Infrastruktur, Deutschland braucht Menschen, die sich professionell der Herstellung von Unterhaltung widmen können, also: Geld damit verdienen, dass sie Kultur jenseits vom Stadttheater schaffen. Kultur erzeugt Kultur.

Jede Folge „Breaking Bad“ (eine viel, viel zu düstere Serie über einen an Lungenkrebs erkrankten Chemielehrer, der Drogendealer wird) kann man sich im Netz in Fanforen und Fernsehblogs erklären lassen, Enthusiasten suchen Lösungsansätze oder spinnen Theorien, wie die Serie weitergehen könnte.

Leiden an der deutschen Kultur

Mit den Serien werden auch die Kritiken immer elaborierter, längst sind die Besprechungen neuer Folgen beispielsweise auf avclub.com nicht weniger anspruchsvoll als hierzulande die Feuilletonartikel zum jeweils aktuellen Handke-Roman. Aus Fans werden Autoren.

Wer in seiner Jugend mit mäandernden Epochenporträts wie „Mad Men“ und „Boardwalk Empire“ oder mit klugen und komischen Serien wie „30 Rock“ und „Curb your Enthusiasm“ aufgewachsen ist, der wird, wenn er dreißig und selber Schreiber ist, Kunstwerke entwerfen, von denen wir heute nur träumen können.

Die Zukunft ist strahlend. Bloß nicht in Deutschland. Das Leiden an der deutschen Kultur ist kein geschmäcklerischer Elitismus. Mit der Kultur stirbt auch in anderen Gebieten die Schöpfungskraft. Wer hat die Playstation erfunden, wer die X-Box? Siemens, Bosch? Welcher deutsche Konzern produziert das Smartphone der Zukunft?

Ein Fernsehabend in Deutschland ist eine Vorschau: So doof, so alt, so verklemmt und laut und totgespart wird irgendwann das ganze Land aussehen. Aber vielleicht geschieht ja einmal ein Wunder.

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