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Ex-Minister Amin Farhang aus Afghanistan: Nie wieder Flüchtling in Deutschland sein

Flüchtlingen kommen am Bahnhof Schönefeld an.

Flüchtlingen kommen am Bahnhof Schönefeld an.

Foto:

imago/Jens Jeske

BOCHUM -

Ganz am Schluss des zweistündigen Gesprächs erzählt Amin Farhang von früher, also von ganz früher. Gemeint sind die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Und was er erzählt, klingt aus heutiger Perspektive fast wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Amin Farhang ist damals von Köln nach Kabul gefahren, und zwar mit dem Auto entlang jener Strecke, die man nun die „Balkan-Route“ nennt – durch das ehemalige und längst zersplitterte Jugoslawien, die Türkei und Persien, das seinerzeit einen Schah hatte und keine Ajatollahs. Er hat in Istanbul Halt gemacht und in Teheran, um auszuruhen und aus Vergnügen.

Knapp 7000 Kilometer war die Fahrt lang. Einmal hat es zwei Wochen gedauert. Da war Farhang mit einem Freund unterwegs. Das zweite Mal einen Monat. Da hatte er seine sieben Monate alte Tochter dabei. Sicher, die Straßen waren schlecht, sagt er. „Aber es war überall ruhig.“ Und Kabul sei so schön gewesen, dass manche weinen müssten, wenn sie heute daran dächten. In der Altstadt hätten verzierte Holzhäuser gestanden, und der Kabul-Fluss sei voll mit Wasser gewesen. Jetzt sei da nur Dreck. „Afghanistan war wie ein Paradies“, sagt Farhang. Was 2016 Angst und Krieg und Terror verheißt, verhieß einst die große Freiheit.

Er sitzt im akkurat aufgeräumten Wohnzimmer der Familie im ersten Stock eines Nachkriegsgebäudes in der Bochumer Innenstadt, unweit des Schauspielhauses. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Tee und bester deutscher Bienenstich, von Tochter Leila liebenswürdig serviert. Im ganzen Zimmer weist lediglich ein Detail auf die muslimische Herkunft der Bewohner hin: ein kleines türkisfarbenes Schild auf dem Sideboard inmitten der Familienfotos.

Was steht denn darauf? „Allah“, antwortet Farhang. Später wird er sagen, dass er „von Kopf bis Fuß deutsch geprägt“ sei. Und: „Ich habe sehr gute Erinnerungen an Köln – sehr, sehr gute.“

Studium am Rhein

Amin Farhang, 75 Jahre alt, ist in beiden Welten zu Hause, der deutschen und der afghanischen. Er war anfangs Student, dann ein von den Kommunisten Verfolgter, zwischenzeitlich Flüchtling, schließlich Minister und ist mittlerweile Ruheständler. Er hat gesehen, wie der Westen beim Wiederaufbau seines Landes gescheitert ist, und nun erlebt er mit, wie seine Landsleute nach Deutschland strömen, zuletzt waren es 150 000. Die Afghanen sind die drittstärkste Gruppe unter denen, die derzeit in Deutschland Schutz vor Krieg und eine Perspektive suchen. Wie kann das sein, nach all den Mühen?

Farhangs lange Reise zwischen den Welten begann 1961 mit einem Partnerschaftsabkommen der Universitäten Köln und Kabul, dem sich später die Unis in Bochum und Bonn anschlossen. Das Abkommen ermöglichte es ihm, dem Sohn eines afghanischen Politikers und Historikers, 1964 für ein Volkswirtschafts-Studium an den Rhein zu wechseln. Zehn Jahre lebte er dort. Er war Student, hatte nicht viel Geld, lieh sich die Zeitung vom Nachbarn, trank viel Kölsch und lernte akzentfrei Deutsch.

1975 ging Farhang zurück an den Hindukusch, um an der Universität in Kabul zu arbeiten. Gemeinsam mit anderen Studenten gründete er eine Widerstandsgruppe gegen das kommunistische Regime, wurde verhaftet, gefoltert und wieder freigelassen. Nach der Invasion russischer Truppen warnte ihn jemand, er solle erneut inhaftiert werden. Da reiste Farhang abermals nach Deutschland, wo er eine afghanische Frau und Kinder hatte – diesmal nicht mehr als Student, sondern als Flüchtling. Seinesgleichen habe es in jenen Jahren in Deutschland kaum gegeben, sagt der Rentner, ein Rentner mit grünem Pullover, dunkler Cordhose und grauem Haar. Das habe sich erst geändert, als sich die Mudschaheddin in Afghanistan einen blutigen Bürgerkrieg geliefert und die radikal-islamischen Taliban die Macht übernommen hätten. Aus dem zerstörten Land flohen 60.000 bis 70.000 Menschen in die alte Bundesrepublik, halb so viele wie in den vergangenen Monaten.

Farhang blieb nun 20 Jahre, war als Dozent tätig, sah die Töchter aufwachsen, lernte Freunde kennen und dabei noch besser Deutsch. 1994 wurde er deutscher Staatsbürger. Das alles währte, bis Al-Kaida die Twin-Towers in New York zerstörte, US-Präsident George W. Bush den „War on Terror“ erklärte und die Taliban fielen. „Am 19. Dezember 2001 war ich wieder in Kabul“, sagt Armin Farhang, als habe es nichts Selbstverständlicheres geben können. Leider ist die Rückkehr wieder nicht sehr erfolgreich gewesen.

Entschuldigung von Steinmeier

Er wurde Minister in Afghanistan – einer von mehreren aus dem Ausland, als die Taliban gestürzt waren. Farhang war Aufbauminister, Wirtschaftsminister und zuletzt Industrie- und Handelsminister in einem Land ohne Industrie und mit wenig Handel. Er hat sich mächtig ins Zeug gelegt und wie der gesamte Westen geglaubt, seine Heimat irgendwie retten zu können. Ohnehin seien die Afghanen stets ein Volk der Mitte gewesen, das bloß leider immer wieder entweder von innen oder von außen vom rechten Pfad abgebracht worden sei, findet der Mann, der zuweilen Jahreszahlen durcheinanderwirft, im Übrigen allerdings hellwach ist. Der Aufbauminister warb um Investoren und wurde auch für deutsche Medien ein gefragter Gesprächspartner. Denn er konnte druckreif formulieren. Dabei hielt sich Farhang mit Kritik am Westen nicht zurück, was ihm manchmal Ärger einbrachte.

2008 stand er sogar im Mittelpunkt eines handfesten Skandals. In dem Jahr wurde publik, dass der Bundesnachrichtendienst die Kommunikation zwischen ihm und einer Spiegel-Korrespondentin überwacht hatte. Farhang war außer sich vor Zorn. Der BND entschuldigte sich bei ihr – nicht bei ihm. Das tat Außenminister Frank-Walter Steinmeier von der SPD. Zu jener Zeit schied Farhang auch im Zorn von Präsident Hamid Karsai. Der habe zu viel auf die alten Eliten gesetzt und zu wenig auf Teamwork, beklagt er.

Unbestreitbar ist: Das Engagement des Westens hat das erklärte Ziel ebenso verfehlt wie das Engagement Farhangs. Die Taliban sind erneut auf dem Vormarsch. Damit das Land nicht wieder komplett im Chaos versinkt, hat unter anderem Deutschland den geplanten Abzug gestoppt. „Ich bewege mich frei in Kabul“, sagt Farhang zwar. „Ich fahre selbst. Ich kaufe ein.“ Der Ökonom ist sogar sicher, dass die Taliban die Macht nicht wieder vollständig zurückgewinnen könnten. 70 Prozent der Afghanen seien junge Leute, über Facebook vernetzt mit der Welt und gegen die Ideen der Islamisten immun. Gleichwohl nehme die Unsicherheit zu, vornehmlich auf dem Land. Auch gebe es immer noch keine wirtschaftliche Perspektive. „Es ist nicht gelungen, bessere Bedingungen für die Menschen zu schaffen.“ Das sei eine Tragödie, schimpft er.

So kommt es, dass die Afghanen neuerdings in jenes Land strömen, aus dem seit 15 Jahren Soldaten in ihre Heimat einfliegen, und aus dem viel Geld fließt – jetzt, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Während Farhang jene Flüchtlinge kennt, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren kamen, kümmern sich seine Töchter um die Neuankömmlinge, gehen in Flüchtlingsunterkünfte, bieten Hilfe an. Tochter Leila war zweimal für längere Zeit in Afghanistan und mag es.

In Kabul kennen ihn die Leute

Die hier alt gewordenen Flüchtlinge der ersten Welle könnten nicht heim nach Afghanistan, sagt der Vater. Sie hätten dort keinen Anschluss mehr und keine Aussichten auf eine irgendwie akzeptable Existenz. Auch verstehe er die nun nach Deutschland eilenden jungen Leute. „Was sollen sie machen?“, fragt Farhang, fügt jedoch hinzu: „Ich kann nicht verstehen, warum jetzt ältere Leute herkommen. Die können hier gar nichts tun. Die können auch die Sprache nicht lernen.“

Farhang selbst jedenfalls bleibt – nein, nicht etwa im komfortablen Bochum wie seine Familie, sondern im umkämpften Kabul, wo sein Herz schlägt. In Bochum ist er lediglich immer mal wieder zu Besuch mit einem in Frankreich ausgestellten Schengen-Visum, da er die deutsche Staatsbürgerschaft bereits 2004 zurückgegeben hat. Sein Amt als afghanischer Minister ließ eine deutsche Staatsbürgerschaft nicht länger zu. Hier freut er sich an seinem Enkelkind und lässt sich dann und wann ärztlich durchchecken. Interviews mit dem Ex-Minister sind zur Ausnahme geworden. Das Interesse an seinem ewig chaotischen Land ist erloschen. Die Zeit ist über beide hinweggegangen.

Farhang hat in Afghanistans Hauptstadt, wo sich seine Familienmitglieder regelmäßig sehen lassen, vor eineinhalb Jahren eine Stiftung gegründet, deren Anliegen darin besteht, zumindest die Hauptstadt wieder aufzubauen – und lebt dort in einem großen Haus mit einem Fahrer, einem weiteren Angestellten und einem Hund, „den ich sehr liebe“. Er sagt: „Wenn ich hier bleibe, dann muss ich mich jeden Tag in die Angelegenheiten meiner Frau einmischen. Dann gibt es Krach. Und wenn ich hier auf die Straße gehe, dann kennt mich niemand. Wenn ich in Kabul auf die Straße gehe, dann begrüßen mich die Leute und unterhalten sich mit mir. Da fühlt man sich irgendwie anders, wohler. Da weiß man, dass man anerkannt ist.“

Zum Abschied steht der einstige Aufbau-, Wirtschafts-, Handels- und Industrieminister in der Wohnungstür, er ist hager, seine Augen sind müde. Seine Tochter steht fürsorglich hinter ihm. „Das war ein abenteuerliches Leben“, sagt er. Er wolle in Kabul sterben und am Ende dieses Lebens eines nicht wieder sein: ein Flüchtling in Deutschland.